von Lisa Reim (05.2019)

PAN-Branchentreffen 2019

Wenn man mich nach meinen Lesevorlieben fragt, antworte ich meistens mit nur einem Wort: Fantasy! Nicht selten passiert es dann, dass ich schief angeschaut werde. Denn Fantasy ist nicht jedermanns Ding. Und nicht selten wird die Meinung der Feuilletons vertreten, Fantasy sei gar keine richtige Literatur und das Trivialste, was die Unterhaltungsliteratur zu bieten hätte.

Alle lieben Fantasy!

Tatsächlich hat die Phantastik, zu der Fantasy, Science Fiction, Horror sowie diverse Unterkategorien gehören, in Deutschland einen eher schweren Stand. Nicht selten werden Werke der Fantasy und Science Fiction in Buchhandlungen in die hinterste Ecke verbannt (wenn überhaupt). Besonders schwer hat es dabei die deutschsprachige Phantastik. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass nur englischsprachige Werke es wert seien, einen größeren Platz in den Buchhandlungen einzunehmen und auch Verlage unterstützen diese Meinung durch ihre anglophile Programmauswahl. Eine schwierige Situation für alle deutschsprachigen Geschichtenerzähler und -erzählerinnen, die sich der Phantastik buchstäblich verschrieben haben. Oft ist es für sie ein sehr einsamer Kampf um Wertschätzung und Erfolg in einer oft recht konservativen Branche.

Doch seit einigen Jahren gibt es Licht am Ende des Tunnels. Am 15. November 2015 wurde in Köln das Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) gegründet, ein gemeinnütziger Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, der deutschsprachigen Phantastik eine Stimme zu geben und die vielen Akteure der Branche zu vernetzen. Doch dabei geht es um viel mehr als um den bloßen Kontakt untereinander. Als Zusammenschluss der phantastikbegeisterten Verantwortlichen der Branche (neben dem Schreiben auch Lektorieren, Übersetzen und Verlegen), dient das PAN auch als professionelles Aushängeschild der deutschsprachigen Phantastik, beteiligt sich an Lesungen, Diskussionen und dem wissenschaftlichen Diskurs und dient als Ansprechpartner für jedwede Fragen rund um die literarische Phantastik. Seit nun 3,5 Jahren wird genetzwerkt was das Zeug hält und das mit großem Erfolg: Im März 2019 verzeichnete das PAN mehr als 200 Mitglieder, darunter auch Größen wie Kai Meyer oder Bernhard Hennen.

Ein solches Netzwerk wäre natürlich nichts ohne regelmäßige Zusammenkünfte. Auch das PAN trifft sich jährlich zum großen Branchentreffen der Phantastik für Diskussionen, Vorträge, Interviews und regen Austausch. Zu diesem Treffen ist jeder willkommen, der sich für Phantastik interessiert, egal ob Autor mit einer langen Liste an Veröffentlichungen oder begeisterter Leser – mit einer langen Liste gelesener Bücher. Da ich zu letzteren gehöre, war es für mich deshalb keine Frage, der diesjährigen Versammlung vom 25.-27. April 2019 einen Besuch abzustatten.

Von Steinzeitmenschen bis hin zum Datenmissbrauch

Dieses Jahr stand die Veranstaltung unter dem ehrgeizigen Motto „Eine Welt ist nicht genug! Weltenbau und Gesellschaftsentwürfe in der Phantastik“. Unbestreitbar gehört der Weltenbau zur literarischen Königsdisziplin und macht das phantastische Genre anspruchsvoller, als manche denken. Denkanstöße hierzu lieferte der erste Tag des PAN, der mit literatur- und kulturwissenschaftlichen Vorträgen und Podiumsdiskussionen aufwartete. Doch keine Spur von trockener Theorie oder gar Langeweile; den Vortragenden gelang es durchweg ihre Themen spannend zu präsentieren – vor allem der Humor kam nicht zu kurz.

Nach diesem Tag voller Infotainment kenne ich mich nun mit der Literaturgeschichte der Trolle aus, kann mit stichhaltigen Argumenten darlegen, warum Doctor Who ein Ewiger Jude ist und weiß über die Tücken literarischer Übersetzungen Bescheid. Und hätten Sie gewusst, dass das relativ unbekannte Genre der Prehistoric Fiction im Grunde das gleiche ist wie Science Fiction, nur in der Vergangenheit? Bei dieser Fülle an Informationen aus den verschiedensten Fachrichtungen wird erst deutlich, wie zahlreich und vielgestaltig für Autoren die Quellen ausfallen können, die sie für die Erschaffung phantastischer Welten heranziehen können. Ein wenig ernster wurde es dann bei dem Vortrag über Datensammlung und Datenmissbrauch. Was sich daraus literarisch machen lässt, hat Andreas Eschbach mit „NSA“ bereits vorgemacht. Und auch dieser Beitrag, der einmal mehr vor Augen führt, welche Gefahren in unserer Welt aktuell lauern, bietet jede Menge Stoff für neue Dystopien.

Nach dem ersten Tag qualmte vielen Besuchern im positiven Sinne der Kopf, wurde man doch nicht nur mit Wissen und Theorie versorgt, sondern auch mit neuen Impulsen, die so manchem sofort eine Eingebung für eine neue Geschichte lieferten. Doch der Höhepunkt des Tages sollte erst noch kommen.

Mehr als nur in einem Sinne phantastisch!

Ja, der Wortwitz ist nicht der originellste, aber anders lässt sich der krönende Abschluss des ersten Tages nicht beschreiben. Denn bei einem Treffen der Phantastik-Branche darf trotz aller Theorie und Diskussion natürlich eines nicht zu kurz kommen: Die Literatur selbst! Und so kamen am Abend etliche Phantastik-begeisterte Leser in den Kölner KOMED-Saal gepilgert, um gleich sieben Autorinnen und Autoren beim Lesen ihrer Werke zu lauschen: C. E. Bernhard, Akram El-Bahay, Theresa Hannig, Stefanie Hasse, Bernhard Hennen, Heike Knauber und Kai Meyer gaben Auszüge ihrer aktuellen Bücher zum Besten und wurden musikalisch begleitet von einem stimmgewaltigen Tommy Krappweis. Nach jeder Leserunde gab es natürlich Zeit für Interviews und Fragen aus dem Publikum. Kein Wunder, dass insgesamt vier Stunden lang gelesen und gelauscht wurde (die anschließende Signierstunde nicht miteingerechnet!). Selbst gegen Ende (das die vom Sitzen geplagten Muskeln eines jeden Besuchers eigentlich mit Freude hätten herbeisehnen müssen) hingen die Fans ihren Geschichtenerzählern noch gebannt an den Lippen: kein Murren, Quengeln oder Stöhnen, kein vorzeitiges Verlassen der Veranstaltung und erst recht keine Langeweile. Stattdessen ehrfurchtsvolle Stille. Ein weiteres Beispiel dafür, welche Sogkraft von phantastischen Geschichten ausgeht und wie sie ihre Leser in fremde Welten zu entführen vermögen. Von wegen, Fantasy sei keine richtige Literatur!

Wo Physik Spaß macht und Realismus trotzdem (manchmal) nichts zu suchen hat

Am zweiten Tag geht es ans Eingemachte: Physik, Cyborgs, Rollenspiele und die Frage nach dem Realismus in phantastischen Geschichten stehen auf der Tagesordnung. Den Beginn macht jedoch ein aufschlussreicher Einblick in historische Fälschungen, von nachgemachten Urkunden bis hin zu Hitlers berühmt-berüchtigten Tagebüchern. Nun wissen wir, was theoretisch alles möglich ist – und was nicht.

Passend dazu schließt Bernhard Hennen an, der die Frage diskutiert, wie viel Realismus eine phantastische Welt eigentlich braucht. Hier wird erst offenbar, mit was für Fragen und Problemen sich Autoren herumschlagen müssen: Muss ich wissen, wie es um die Plattentektonik meiner Welt bestellt ist? Sollte ich selbst einmal ein Schwert in der Hand gehalten haben, bevor ich meinen Helden epische Kämpfe andichten kann? Sollte ich in Tolkien-Manier mehrere neue Sprachen für meine Bevölkerung entwickeln? Wichtige Fragen, zu denen es leider keine pauschale Antwort gibt. Nur auf so viel konnte man sich einigen: Wenn es deine Geschichte braucht und du Bock drauf hast, dann tu es!

Es folgte ein von der Star-Trek-Fangemeinde mit Spannung erwarteter Vortrag über die Physik in der beliebten Science-Fiction-Serie. Obwohl ich mich mit Physik in der Schule immer recht schwergetan habe, stellte sich dieser Vortrag von Prof. Metin Tolanals einer der besten und unterhaltsamsten des gesamten Branchentreffens heraus. Es kann schließlich nur von Vorteil sein, wenn man Freunden und Bekannten darlegen kann, warum die Enterprise nur 158 Kilogramm wiegt (inklusive Besatzung). Ein wahrlich interessanter Einblick in die Astrophysik und somit spannender Input für alle wissbegierigen Science-Fiction-Autoren und kritischen Leser.

Technisch ging es weiter mit der Welt der Cyborgs. Auch hier wurden die Informationen zu dem heutigen Stand der Forschung und zu zukünftigen technischen Neuerungen regelrecht aufgesaugt. Ebenso, als es danach um phantastische Welten als inklusive Welten ging: In Fantasy und Science Fiction stehen alle Möglichkeiten offen – doch werden diese auch genutzt, wenn es um den Einbezug von Minderheiten geht? Tatsächlich bedient sich die phantastische Literatur oft alter Denkmuster und Rollenverteilungen. Auch bei Liverollenspielen, wie sich in der anschließenden Podiumsdiskussion zeigt, ist dies Thema. Anstoß also für alle Schreiber, das Konzept der eigenen Welt vielleicht noch einmal zu überdenken.

Ohne Fleiß, kein Preis!

Am dritten Tag waren die Teilnehmer noch einmal selbst gefragt in insgesamt elf Workshops, die sich zum einen fachlich der Literatur widmeten und zum anderen praktische Tipps für Autoren boten: Märchenhafte Fantasy, Kybernetik und Verhaltensforschung oder Instagram, Crowfunding und Autorenfotos – um nur ein paar der behandelten Themen zu nennen. Da gestaltet sich die Auswahl schwierig, wenn man aus organisatorischen Gründen nur an drei Workshops teilnehmen kann. Trotzdem war auch der letzte Tag ein voller Erfolg. Bereits auf der Heimfahrt glühten bei so manchem Teilnehmer die Tasten und wurden Zettel mit den ersten Entwürfen einer neuen Welt beschrieben – man darf gespannt sein auf die zukünftigen Veröffentlichungen der deutschsprachigen Phantasten!

Fazit:

Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass ich vom 4. PAN-Branchentreffen rundum begeistert bin. Allen an der Phantastik Interessierten kann ich diese Veranstaltung nur ans Herz legen – möglicherweise läuft man sogar seinem Lieblingsautoren über den Weg. Und wer stellt bei einem Vortrag schon nicht freudig fest, dass Christian von Aster neben einem sitzt?

Auf jeden Fall konnte ich nicht nur mein Allgemeinwissen um eine gehörige Portion aufbessern, es war auch eine einmalige Gelegenheit, die Beteiligten der Phantastikbranche kennenzulernen. Und wenn mal wieder jemand versucht, mir mein präferiertes Genre madig zu machen, dann denke ich an das Branchentreffen zurück und weiß, dass ich nicht alleine bin.

"4. PAN-Branchentreffen der Phantastik 25 - 27. April 2019" - Lisa Reim, Mai 2019
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