Lords of Salem

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2014
Lords of Salem
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Michael Drewniok
45°

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2014

Hexen hexen – scheußlich aber einfallsarm

Salem, eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Massachusetts, ging 1692 durch eine Welle von Hexenverfolgungen und -prozessen in die Geschichte ein. Was damals zahlreiche Frauen das Leben kostete, ist heute ein Magnet für Touristen, die durch unzählige, meist geschmacklose "Hexen"-Attraktionen belustigt werden.

Die Unschuld der einst grausam zu Tode gekommenen Frauen ist längst bewiesen, denn Hexerei gab und gibt es nicht, wie u. a. Historiker Francis Matthias nicht müde wird zu betonen. Gerade hat er im Radiointerview sein neues Buch vorgestellt und wurde im Rocksender WMKB übel vorgeführt: Die Menschen lieben den lukrativen Horror-Kitzel, was sie Spielverderber gern spüren lassen.

Auch Moderatorin Heidi Hawthorne foppte Matthias tüchtig. Dabei ist sie eine Nachfahrin von Reverend John Hawthorne, der sich als Hexenjäger einen berüchtigten Namen gemacht hatte: Zusammen mit dem ebenso fanatischen Richter Samuel Mather rottete er die Brut der Hexe Margaret Morgan – die Lords of Salem – aus.

Diese stand allerdings tatsächlich in Satans Diensten und ist zwar tot aber keineswegs untätig. Im 21. Jahrhundert will Margaret endlich ins Diesseits zurückkehren sowie Rache an den Nachfahren ihrer Peiniger üben. Während Maisie Mather – aktueller Spross des Mather-Stammbaums – dies immerhin überlebt, hat Margaret mit Heidi Hawthorne Größer und Übleres vor.

Heidis Höllentrip beginnt mit dem Empfang einer anonymen Paketsendung, der ein Demo der bis dato unbekannten Metal-Band Lords of Salem beiliegt. Die Musik geht über den Sender und sorgt für ein unerwartetes Feedback: Während die männlichen Zuhörer durchweg empört reagieren, fahren die Frauen von Salem buchstäblich auf den Sound ab. Damit hat Margaret ihr Publikum gefunden, aus dem sie neue Rekrutinnen für ihren Rachefeldzug rekrutieren wird ...

Rob Zombie sucht ein untotes Genre heim

Als Horrorfreund fällt es schwer, einem Mann böse sein, der das Genre so offensichtlich liebt wie Rob Zombie und dies sogar durch sein Pseudonym kundtut. Unabhängig (aber nie strikt getrennt) von seiner Musiklaufbahn hat Zombie als Regisseur und Drehbuchautor Spuren im Horror-Kino hinterlassen. Vor allem mit seinen beiden Neuinterpretationen der "Halloween"-Saga konnte er ebenso polarisieren wie interessieren. Risikofreude ziert einen Filmschaffenden generell und im Zeitalter der seelenlosen Blockbuster erst recht gut.

Mit Lords of Salem betrat Zombie Neuland und versuchte sich als Romanautor. So muss man es nach der Lektüre des gleichnamigen Buches ausdrücken, für das sich Zombie vorsichtshalber der Hilfe eines Profis versichert hat. Wie in solchen Fällen üblich, steht der Name des weniger prominenten B. K. Evenson deutlich kleiner auf dem Titelblatt, was aber nicht zwangsläufig den Anteil der geleisteten Arbeit widerspiegelt.

Zombie nimmt den Horror ernst, obwohl er ihn durchaus humorvoll bedienen kann. Dies ist kein Widerspruch und wird erfreulich offenbar, wenn es gelingt, Talent dort zu konzentrieren, wo ein Lichtstrahl nötig ist, um dumpfe Dunkelheit aufzuhellen. Nach dem Vampir und dem Engel gehört die Hexe zu den Opfern des modernen "Chic-Lit"-Wahns. Aus einer furchteinflößenden Gestalt wurde ein geist- und kalorienbefreites Prosecco-Weibchen, das Magie entweder auf der Suche nach Mr. Right oder für den Sieg im Shopping-Krieg einsetzt.

In die politisch unkorrekten Vollen

Zombie schließt mit Margaret Morgan und ihren Zirkel dagegen an die originäre Wahrnehmung des Hexenwesens an. Ungeachtet der Tatsache, dass es Hexen, wie sie in Mittelalter und früher Neuzeit definiert und verfolgt wurden, niemals gab, postuliert Zombie die Realität eines magischen Bündnisses zwischen dem Teufel und einer Frauengruppe, deren Mitglieder sich von den Zwängen einer als Last empfundenen irdischen Existenz befreien wollen.

Mit der konsequenten Umsetzung der dafür erforderlichen Prozeduren reizt Zombie auf mehreren Ebenen. Tugendbolde dürfte bereits das einführende Kapitel auf die Palme bringen: Ein Hexensabbat tobt und gipfelt u. a. in der detaillierten Opferung eines Neugeborenen. Solche Untaten, die den satanischen Meister angeblich besonders erfreuten, wurden den zeitgenössischen Hexen immer wieder vorgeworfen.

Dass ihre Jäger nicht minder brutal vorgingen, wird nicht verschwiegen. ´Ehrenmänner' wie John Hawthorne und Samuel Mather erinnern an reale Vorbilder wie John Hathorne und Cotton Mather, die als Vertreter des Gesetzes bzw. der Kirche in die Hexenprozesse von Salem involviert waren.

Den Gipfel der Provokation stellt der Ort des Geschehens dar. Die Stadt Salem und die Ereignisse von 1692 stehen symbolisch für eine geistige und moralische Verirrung, die bereits die Zeitgenossen mit Scham erfüllte. Im Januar 1693 wurden die Prozesse abgebrochen und die Verdächtigen freigelassen; eine erste Generalamnestie für die als Hexen hingerichteten Frauen (und sechs Männer) erfolgte 1711. Nun schreibt Zombie die Geschichte um. Er lässt ´echte' Hexen nicht an einem neutralen Ort spuken, sondern ausgerechnet in Salem.

Ansonsten: Grusel-Dienst nach Vorschrift

Damit hat Zombie sein Pulver freilich verschossen. Dem Plot folgt eine Umsetzung, die regelmäßige Leser von Grusel-Lektüre in sämtlichen Details kennen. Zwar ist es weder möglich noch nötig, das Rad ständig neu zu erfinden. Dennoch hätte man von einem Rob Zombie Ideenreichtum erwartet. Gruselspannung lässt sich heute nicht mehr durch unheimlich glotzende Nonnen oder rückwärts abgespielte Schallplatten erzeugen.

Stattdessen tischt uns Zombie die x-fach erzählte Mär vom mächtigen und allgegenwärtigen Hexenzirkel auf, der eine arglose Maid umstrickt und ins Verderben lockt. Dass Heidi Hawthorne eine tätowierte Ex-Junkie-Gothic-Braut ist, die kräftig säuft und sogar wieder zu rauchen beginnt, ändert nichts an ihrer Passivität. Heidis einzige Funktion besteht darin, verfolgt und gepeinigt zu werden. Niemals erfährt sie, was um sie herum und mit ihr vorgeht. Heidi ist nicht nur ein Opfer, sondern ein dummes Opfer. Wie man genau diese Geschichte wirklich nervenzerrend (und völlig splatterfrei) erzählt, hat Roman Polanski uns längst mit "Rosemary's Baby" (1968) gezeigt!

Zombie spaltet jenen Teil der Heidi-Persönlichkeit, die eine entsprechende Neugier an den Tag legen sollte, völlig unnötig ab, um daraus die Figur des Historikers Francis Matthias zu formen. Dieser trödelt rätselratend am Rand des Geschehens herum, bis ihn endlich ein Geistesblitz trifft, der ihn zu Heidi eilen lässt. Soweit kommt er nicht; Matthias wird umgebracht – ein ´Höhepunkt' ohne Spannung und Dramatik.

Heidis ähnlich profilflach gezeichneten Arbeitskollegen und Freunden ergeht es nicht besser. Wir weinen ihnen keine Träne nach. Stattdessen zürnen wir Zombie, der uns mit Hexen, Dämonen und einem Teufel konfrontiert, die einem Märchenbuch entstiegen sein könnten. Was wollen die "Lords of Salem" eigentlich? Der über 350 Seiten aufgeschobene Plot-Berg kreist zwar im Finale, doch er gebiert nur ein Mäuslein: Hätte Satan seinen Wunsch nach Nachwuchs nicht weniger umständlich zur Erfüllung bringen können? Kein Wunder, dass er bis zum Jüngsten Tag warten muss, um endlich ernsthaft nach der Weltherrschaft zu haschen!

Der Roman als Buch zum Film

The Lords of Salem war ursprünglich ein Drehbuch. Zombie schrieb es als Vorlage zu einem neuen Film, mit dem er 2012 weg vom bisher bedienten Metzel-Horror wollte. Dass Zombie selbst das Buch zum Film schrieb, war ungewöhnlich, wurde aber vom Verlag "Grand Central Publishing" aufgrund des Werbeeffekts begeistert aufgegriffen. Zombie gab als Motivation die eigene Freude an, mit der er als Jugendlicher solche Film-"tie-ins" gelesen hatte.

GCP stellte Zombie den Horror-Profi Brian Evenson zur Seite. Dieser ist wahrscheinlich verantwortlich für die vordergründigen Horror-Elemente, die der Film im Gegensatz zum Buch in dieser Drastik vermissen lässt. Allerdings basiert der Roman auf einer frühen Drehbuchfassung, die für den Film zum Teil erheblich geändert und abgeschwächt wurde.

Entstanden ist ein enttäuschend "normaler" Horror-Roman, der das von Zombie filmisch umgesetzte Verschwimmen von Vergangenheit und Gegenwart, von Vision und Realität zugunsten grobschlächtiger Grausamkeiten vernachlässigt, die in ihrem schon verzweifelt wirkenden Versuch, den Leser zu schockieren, ins Lächerliche umschlagen. Für GCP ging die Rechnung dennoch auf: Der Name "Rob Zombie" auf dem Cover lockte so viele Käufer, dass Lords of Salem es bis auf die Bestsellerlisten schaffte. Das nennt man wahre Hexerei!

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