Ich und die Menschen

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  • Erschienen: Januar 2014
Ich und die Menschen
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Silke Wronkowski
80°

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2014

Definition Mensch

Wenn ein Außerirdischer drin vorkommt, muss es Science Fiction sein. Gut, es spielt in der Gegenwart, so wie wir sie kennen und es gibt auch eigentlich nur einen einzigen Außerirdischen ... Vielleicht ist es also doch eher ein Fantasyroman? Schließlich hat dieses auf seinem Heimatplaneten körperlose Wesen faszinierende Fähigkeiten: Ein Verstand, der innerhalb eines Burchteils einer Sekunde Wissen erlangen, Sprachen lernen und Wege zurücklegen kann -okay, doch eher übernatürlich und somit außerirdisch.

Aber gemordet wird auch. Das ist der Zweck, zu dem der Außerirdische von seiner Rasse auf die Erde geschickt wurde: Er soll in Gestalt des Mathematikprofessors Dr. Andrew Martin der Universität Cambridge all diejenigen auslöschen, denen der Professor vor seinem Ableben – Toter Nummer eins - von seiner Entdeckung erzählt haben könnte. Er soll ermitteln, wer das alles sein kann – also vielleicht doch eher ein Krimi? - und keine Zeugen zurücklassen. Denn die Menschheit ist noch lange nicht bereit für das entschlüsselte Rätsel der Primzahlen, auf dem all der Fortschritt und all die Technologie basiert, die dieser Außerirdische bereits kennt.

So richtig in eine Genre-Schublade packen lässt sich Matt Haigs Ich und die Menschen nicht. Es ist ein Roman, manchmal spannend, manchmal komisch, manchmal fantastisch. Und doch hat er ein Lesevergnügen geliefert, das nicht ohne Grund für zahlreiche Preise nominiert wurde. Der Clou ist die Perspektive, die Haig wählt. Er lässt den Protagonisten selbst berichten, als eine Art Erfahrungs- oder Missionsprotokoll, über seinen Besuch auf dem fremden Planeten. Und da die Erde und die menschliche Rasse für seinesgleichen völlig uninteressant sind, muss er ganz am Anfang anfangen und haarklein all seine Eindrücke für Leser seiner eigenen Rasse einfangen: Warum legen diese Wesen so viel Wert auf Kleidung? Warum hat der menschliche Körper so viele Auswülstungen und Öffnungen? Und warum halten sie sich für die wichtigste Rasse, wenn es tierische Lebensformen mit weitaus höherer Intelligenz auf demselben Planeten gibt?

Und das trifft es dann auch schon im Kern. Im Grunde ist Matt Haigs Roman eine charmante und leicht verdauliche philosophische Betrachtung unserer selbst. Unser Regeln, die wir uns auferlegen, unseren Strukturen, in denen wir leben. Am Ende wird der gesandte Invasor natürlich merken, dass die Menschheit – so primitiv sie ihm auch scheint – etwas Schützenswertes ist, schon allein wegen all ihrer Gefühle, die sie erfahren kann, die ihm, als Teil einer höher entwickelten Spezies bisher verwehrt blieb. Und so vorhersehbar das vermeintliche Happy End auch ist und man die Lobhudelei auf das eigene Sein schon früh erahnen kann, so sehr schafft es der Autor mit all seinen Abschweifungen über Belanglosigkeiten wie Nachrichtensendungen und Erdnussbutter ganz nebenbei seinem Leser ein gefühlsduseliges Tränchen in die Augenwinkel zu zaubern mithilfe eines Spiegels, den er ihm unverwandt naiv vorhält. Denn abgesehen von unseren Nasen, sind wir doch alle ganz liebenswerte Wesen.

Wer sich bei dieser leichten Kost lieber zurücklehnen möchte, dem sei das gleichnamige Hörbuch in der ungekürzten Version gesprochen von Christoph Maria Herbst ans Herz gelegt. Herbst legt wohldosiert Naivität, Komik und ernste Töne in seine Sprache, man könnte meinen, er selbst kommt von einem anderen Stern und wundert sich ebenfalls manchmal über die Wichtigkeit von Orgasmen und die vollkommen bedingungslose Zuneigung seines Haustiers.

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