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Jana Jeworreck
Erschreckendes Szenario in naher Zukunft

Buch-Rezension von Jana Jeworreck Sep 2014

Im Jahr 2049 gibt der Senator des Staates Georgia, Paul Thurman, ein Bauprojekt in Auftrag. Es soll ein riesiger Gebäudekomplex unter der Erde entstehen. Erst am Tag der Fertigstellung dieser gigantischen Architektur wird dem mit der Betreuung beauftragten Abgeordneten Donald Keene klar, wofür das Vorhaben wirklich gedacht war. Die unterirdischen Gebäude sind Notunterkünfte für eine bescheidene Menge Menschen, die den atomaren Supergau überlebt haben, der noch am selben Tag stattfindet. Die kommenden Jahre verbringen die meisten der Geretteten ihre Lebenszeit schlafend und tiefgefroren, bis sie für eine ihrer vielen Arbeitsschichten im Silo geweckt werden. Dazwischen vergehen Jahrhunderte.

Ein Prequel zu Silo

Level ist die Vorgeschichte zu der bereits erfolgreichen Dystopie Silo des amerikanischen Science-Fiction Autors Hugh Howey. Auch in diesem Roman ist die düstere, neue Welt der Silos und die um das Überleben kämpfende Menschheit fraglos faszinierend und fesselnd. Aufgrund der einfachen, fast technischen Sprache ist man schnell von der Geschichte eingenommen. Durch die großen Zeitsprünge wird man von der kühlen Atmosphären gefangen genommen und spürt die unangenehme Bedrückung durch die Beschreibungen der unterirdischen Komplexe. Mit der Hauptfigur Donald Keene bewegt sich der Leser nach Antworten suchend durch das Silo und durch das System.

Um für Ruhe zu sorgen, haben die Verantwortlichen mittels einer Chemikalie dafür gesorgt, dass die Menschen vergessen und einfach ihre Arbeit machen. Der Blick durch ein Fenster in die zerstörte und lebensfeindliche Außenwelt soll alle ermahnen, dass es keine Alternative zum Leben in den Silos gibt. Nicht jeder aber will oder kann vergessen und die oberflächliche Ordung wird immer wieder durch Revolten bedroht. Das letzte Mittel dagegen ist die Auslöschung eines revoltierenden Silos.

Level erzählt, wie es dazu kam, dass die Menschen unter die Erde gingen und wer die Veranwortlichen waren. Der zunächst ahnungslose Architekt Donald Keene wird hierbei zum Detektiv des irrsinnigen Geschehens und dessen Folgen. Neben dem beruflichen Verrat, entdeckt er auch noch einen ganz privaten Verrat. Schließlich findet er sich als Hauptveratwortlicher in einer heiklen Entscheidungsposition wieder.

Dies alles erfährt man innerhalb großer Zeitsprüngen von jeweils hundert Jahren, unterbrochen von zahlreichen Nebengeschichten und Figuren, deren Funktion im großen Gefüge nicht immer eine Wichtige ist. Gelegentlich dienen sie nur als Puzzleelement und als Spiegel des Wahnsinns.

Der große Strippenzieher ohne Profil!

Bis zur Hälfte des Buches ist man gebannt von der Schreckensvision, dass man durch die Hoffnung auf Kerninformationen das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Man ist gewillt, die vagen Handlungsmotive der Figuren hinzunehmen, denn die Neugier auf das weitere Geschehen ist zu groß.
Doch als eine Liebesgeschichte, die nur oberflächlich erzählt wurde, plötzlich ein zentraler Plotpoint wird, tritt die schwache Figurenzeichnung deutlich zu Tage. Manch eine Nebenfigur ist komplexer gebaut, als die Dreiecksgeschichte des Protagonisten Donald zwischen seiner Frau Helen und der verführerischern Senatorentochter Anna, die ohnehin zu keinem Punkt als interessante Frauenfigur greifbar wird.
Ein gutes Beispiel für eine schöne gezeichete Nebenfigur ist der Junge Jimmy zu erwähnen, der zu den tragischen und sehr nachvollziehbaren menschlichen Schicksalen gehört, die eine so gnadenlose Weltenstruktur mit sich bringt.

Die Hauptcharaktere wie Senator Thurman, dessen Tochter Anna und der Abgeordnete Donald sind eher flach charakterisiert. Thurman erinnert stark an einen dieser typischen konservativen Politiker, der in vielen amerikanischen Katastrophenfilm als Klischee des skrupellosen Strippenzieher herhalten mußte. Man erfährt zu wenig über ihn, um ihn als interessante Persönlichkeit in Erinnerung zu behalten. Aber der Senator und seine vier Verbündeten sind diejenigen, die die Welt durch Atombomben zerstören lassen. Als Grund dafür wird die Nanotechologie angeführt, die irgendwann von Nationen als biologische Waffe gegeneinander eingesetzt worden wäre. Um diese Pest zu verhindern, wählt Thurman mit den Silos und der profilaktischen Zerstörung des Globus also die Cholera. Den wichtigsten psycholgischen Punkt erfährt der Leser allerdings nicht, nämlich warum gerade ER sich dazu berufen fühlt, über die Menschheit zu richten.

Neben dieser Frage werden auch andere unzureichend beantwortet, z.B. wie die Droge, die zur Fügsamkeit dient, eigentlich genau wirkt. Ebenfalls wenig überzeugend ist das Aufwachen aus dem Gefrierzustand. Die Figuren sind recht schnell wieder klaren Verstandes und auch physisch erstaunlich fit für eine hunderte Jahre dauernde Stilllegung.

Auf der anderen Seite skizziert Howey sehr deutliche Gesellschaftsentwicklungen innerhalb der Silos. Er beschreibt überzeugend die Bemühungen, eine Ordnung zu erhalten, Hoffnung zu bewahren und die Ansätze, eine positive Zukunft in dieser labyrinthartigen Welt zu denken. Diese Anstrengungen werden immer wieder durchbrochen von nachvollziehbaren Versuchen, sich den geltenden Gesetzen zu wiedersetzen und nach Antworten und Wahrheiten zu suchen.

Obwohl zahlreiche Fragen unbeantwortet bleiben, kann man sich der Faszination der Silowelt nicht entziehen. Hugh Howey entwirft eine Geschichte mit vielen Rätseln und spannenden Elementen, denen man auf den Grund gehen möchte. Man bleibt bis zum Ende an dem Geschehen, in der Hoffnung noch einen entscheidenden Happen Information zu bekommen. Dies ist die Stärke des Romans und macht Appetit mehr. Allerdings wird man den Verdacht nicht los, dass es ganz grundsätzlich nicht viel mehr Antworten geben wird.

Level

Level

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Letzte Kommentare:
28.09.2014 18:40:54
geronimox

Noch spannungsärmer als der erste Teil. Ich muss leider sagen, dass mir diese Vorgeschichte zum Überraschungshit »Silo« nur halb so gut wie der Erstling gefallen hat.

Dadurch, dass Autor Howey im Buch einen Zeitrahmen von ca. 300 Jahren abbildet, zerfällt der Roman in beliebige episodenhafte Abschnitte, die nur durch das regelmässige Wiederbeleben des eingefrorenen Siloarchitekten Donald zusammengehalten werden.

Schon die Begründung des Autors hinsichtlich der Verhältnisse die überhaupt zum Bau der Silos geführt haben (»Politik der verbrannten Erde«), halte ich für überzogen und moralisch grenzwertig.

Ausserdem kann ich die vorgebliche Unwissenheit der Hauptfigur (des Architekten Donald) bezüglich der Verwendung seiner unterirdischen Bauwerke zu keiner Zeit nachvollziehen. Das ist, als ob die Erbauer der NS-Konzentrationslager noch beim Mauern der Verbrennungsöfen behauptet hätten, nichts vom Zweck ihrer Anlagen geahnt zu haben. Aufgrund dieser Dramaturgieschwäche konnte ich den Roman nur mit mässigem Vergnügen weiterlesen.

Der Rest der Geschichte ist eine Dystopie in Reinform. Das Buch beschreibt im Kern gruppendynamische Prozesse, in die menschliche Gruppen verfallen, wenn sie ohne jede Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft sind.

Mein Fazit: Keine leichte Unterhaltung, sondern Grusellektüre für Soziologen.

6/10