Der Marsianer

Erschienen: Januar 2014

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Michael Drewniok
Der einsamste Robinson aller Zeiten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2014

In einer nicht näher spezifizierten aber relativ nahen Zukunft hat der (US-) Mensch den Mars persönlich erreicht. Das "Ares"-Programm schickt mit dem ionenbetriebenen Raumschiff "Hermes" regelmäßig Astronauten auf den Roten Planeten; aktuell sind es vier Männer und zwei Frauen der Mission "Ares 3", die sich forschend auf der Oberfläche tummeln.

Als ein gewaltiger Sandsturm den Mars-Stützpunkt zu zerstören droht, flüchten die Astronauten erst in das Marsrückkehrmodul und dann ins All. Zurück bleibt der Botaniker und Mechaniker Mark Watney, der vom Bruchstück einer Antenne durchbohrt und für tot auf der Oberfläche zurückgelassen wurde.

Aber Watney lebt - noch, denn als er weniger schwer verletzt als angenommen aus seiner Ohnmacht erwacht, sind die Kameraden an Bord der "Hermes" schon auf dem Heimflug zur Erde. Watney gilt offiziell als tot. Allein, ohne Kommunikation und mit begrenzten Sauerstoff-, Wasser- und Nahrungsvorräten bleiben ihm auf dem lebensfeindlichen Mars höchstens Wochen bis zu einem elenden Ende.

Watney resigniert trotzdem nicht, sondern besinnt sich auf seine Ausbildung. Einfallsreich schafft er sich unter oft zweckentfremdender Nutzung seiner kargen Ressourcen ein Heim, funktioniert die Stationskuppel zum Gewächshaus um und unternimmt mit seinem Mars-Rover einen riskanten Ausflug zur Marssonde "Pathfinder", über die er Kontakt mit der Erde aufnehmen kann.

Gemeinsam bereiten Spezialisten der NASA, die Besatzung der "Hermes" und Watney selbst eine Rettung der besonderen Art vor. In einem Jahr soll "Ares 4" auf dem Mars landen. Das Marsrückkehrmodul steht schon bereit - allerdings 3200 Kilometer von Watneys aktuellem Standort entfernt. Diese Strecke muss der gestrandete Astronaut irgendwie überwinden, was sein Improvisationstalent extrem strapaziert, zumal immer neue Zwischenfälle ihn dramatisch zurückwerfen ...

Studieren, probieren, obsiegen

"Was würdest du mitnehmen, wenn es dich auf eine einsame Insel verschlägt?" Schon diese Frage, die gern Politikern oder Prominenten gestellt wird (die dann in der Regel den Titel eines literaturkritisch abgesegneten Buches nennen, das sie intellektuell wirken lässt, obwohl sie es nie gelesen haben), verrät die kollektive Faszination eines Themas, das den Menschen begleitet, seit er sich auf das offene Meer gewagt hat. Immer wieder versanken Schiffe. Überlebende Besatzungsmitglieder konnten froh sein, wenn sie per Rettungsboot oder schwimmend eine Insel erreichten.

Der Erleichterung folgte rasch die Ernüchterung: Der Garten Eden existiert auf dieser Erde leider nicht mehr. Selbst eine Tropeninsel stellt beträchtliche Anforderungen an Schiffbrüchige, die dort Wasser und Nahrung suchen. Noch wesentlich übler erging es denen, die dort strandeten, wo es kalt und unwirtlich ist: Der klassische Schiffbrüchige verfügte nicht über Gepäck, das ihm sein Dasein erleichterte. Er musste sich mit dem behelfen, was er bei sich trug, oder selbst herstellen, was ihm fehlte.

Glücklich durfte sich jener Pechvogel schätzen, dem wie Robinson Crusoe ein mit Werkzeugen, Waffen u. a. nützlichen Gegenständen gefülltes Schiffswrack an den Inselstrand geworfen wurde. Crusoe richtete sich auf einem Niveau ein, das der heimischen Gemütlichkeit recht nahe kam. In elementare Schwierigkeiten geriet er fortan nicht mehr.

Einen Schritt weiter gingen jene Tatmenschen, die Jules Verne (1828-1905) mehrfach in seinen Romanen schiffbrüchig werden ließ. Vor allem "Die geheimnisvolle Insel" (1875/76) verwandelte sich unter den Händen gnadenlos tüchtiger Männer in eine Musterkolonie. Tiere, Pflanzen, Mineralien wurden gezähmt, gezüchtet, geschürft, verarbeitet & geformt. Die Natur wurde bezwungen und gebändigt, aus Schiffbrüchigen wurden Eroberer, die zudem keine Mußezeit auf trübsinnige Gedanken an die ferne Heimat vergeudeten. Die Wartezeit bis zur Rettung verflog wie im Fluge, während naturwissenschaftliche und technische Herausforderungen gemeistert wurden.

Anderer Ort, gleiche Prämisse

Wie Andy Weir mit Der Marsianer beweist, hat sich die Robinsonade als (literarische) Kunstform bis in die Gegenwart gehalten. Die einsame Insel muss längst nicht mehr auf der Erde liegen. Nicht einmal der Mars ist in dieser Hinsicht Neuland. Schon 1964 landete zumindest im Kino ein erster "Robinson Crusoe auf dem Mars". Der Faktor Isolation ist zeitlos, die Identifizierung mit dem Schiffbrüchigen fällt leicht, und Abenteuer sind erst recht garantiert, wenn es gilt, sich auf einer fremden Welt zu behaupten.

Weir hat entschieden, sich auf die technischen Aspekte seiner Geschichte zu konzentrieren. Die psychischen Nöte, die Verlassenheit, Angst und Verzweiflung mit sich bringen, klammert er weitgehend aus. Selbst Daniel Defoe war in dieser Hinsicht realistischer und ließ seinen Robinson leiden. Wenn Mark Watney entsprechende Anwandlungen anfliegen, biegt er sie meist mit einem Witz ab. Weir findet dafür eine geschickte Begründung: Watney schreibt seine Erlebnisse zwar nieder, sieht sie aber weniger als Autobiografie, sondern in erster Linie als Chronik, die späteren Marsexpeditionen als Informationsquelle dienen wird.

Als ausgebildeter Astronaut und Profi blendet Watney seine Emotionen weitgehend aus. Dies wird der strenge Literaturkritiker als markanten Schwachpunkt dieses Romans brandmarken. Es ist freilich auf jeden Fall besser als eine Darstellung von Gefühlen, die den Verfasser überfordert und den Leser zum Fremdschämen treibt.

Ein Mann mit Ideen

Hat sich der Leser damit abgefunden, dass Der Marsianer ein Planspiel darstellt, entfaltet die Geschichte ihren eigenen Reiz. Watney präsentiert sich als Daniel Düsentrieb und MacGyver in Personalunion. Er arbeitet zweckdienlich um, was ihm unter die Mechaniker-Finger gerät, und legt dabei einen eindrucksvollen Einfallsreichtum an den Tag. In diesen Passagen entfaltet Weir außerordentliche Darstellungskräfte. Zu bewundern sind nicht nur unerwartete Ideen, sondern auch der entsprechende Detailreichtum, mit denen sie in die Tat umgesetzt werden. "Der Marsianer" bietet nicht vor allem in diesem Punkt "harte" Science Fiction, wobei der Schwerpunkt klar auf "Science" liegt.

Die Liste der Probleme, vor die Weir seinen Helden stellt, will kein Ende nehmen: Wie stelle ich Sauerstoff her? Wie komme ich an Wasser? Wie baue ich Kartoffeln auf dem Mars an? Wie verwandle ich einen Mars-Rover in ein langstreckentaugliches Rettungsfahrzeug? Mit der Suche nach Antworten geht es Seite für Seite weiter, wobei besondere Spannung daraus entsteht, dass jede Handlung ihre Konsequenzen hat. Wenn Watney es unterlässt, sich diesbezüglich Gedanken zu machen, kommt es garantiert zu einem gefährlichen Zwischenfall, der den Schiffbrüchigen wieder weit zurückwirft.

Trotz der Genialität, die Watney als Erfinder wider Willen beweist, bleibt der Mars ein stets präsenter Gegner - eine Tatsache, die Weir über Watney oft einfließen lässt. Als ‚Insel' ist der Mars doppelt gefährlich, da für Watney hier anders als für Robinson auf der Erde nicht einmal die Atemluft eine Selbstverständlichkeit darstellt. Er muss generell und zwischenzeitlich immer wieder bei null beginnen - dies sogar buchstäblich, wenn er beispielsweise plötzlich in einer unfallbedingt abgesprengten Luftschleuse über den Marssand rollt und sich überlegen muss, wie er ohne funktionstüchtigen Raumanzug zurück in die Landestation gelangt.

Die Tücke des Objekts

Selten kommt es, wie Watney es geplant hat, doch trotzdem findet er immer eine Lösung, wobei Weir den Leser stets einbezieht. Man könnte glauben, Weir habe selbst ausprobiert, was er Watney im Roman probieren lässt. Manchmal übertreibt er es mit seiner Detailwut, aber öfter fasziniert er seine Leser, die beinahe überzeugt sind, dass sich der alte Mars-Pathfinder von 1996 tatsächlich zu einem interplanetaren Mailserver umrüsten lässt.

Weir wirkt auch deshalb glaubwürdig, weil er Watney in betont einfachen Worten berichten lässt. Die Sätze sind kurz, die Aussagen prägnant. Zwischen den Zeilen spielt sich nichts ab. Watney teilt mit und denkt dabei an eine lesende Nachwelt, die nicht aus NASA-Spezialisten besteht. (Was im Widerspruch zur ursprünglichen Intention dieses Tagebuches steht, möchte der mäkelige Rezensent anmerken.)

Unter dieser Voraussetzung kann Weir chemische, physikalische oder biologische Phänomene in Worte fassen, die auch der naturwissenschaftliche Laie problemlos begreift. Der Kritiker mag monieren, dass der Verfasser sich dabei auf "Galileo"-‚Niveau' begibt. Bei nüchterner Betrachtung ist dies aber wohl der richtige (bzw. einzig gangbare) Weg, einer zunehmend bildungsfernen Leserschaft ‚harte' Science Fiction näher zu bringen.

Die Welt ist selbstsüchtig aber nicht schlecht

Ein zweiter Handlungsstrang rankt sich um die Hebel, die auf der Erde in Bewegung gesetzt werden, um Watney auf dem Mars zu retten. Diese Mission wird zu einem Symbol für die Einheit einer Menschheit, die politische, kulturelle und religiöse Vorurteile überwindet, um an einem Strang zu ziehen. Weir bleibt dabei sarkastisch genug, um jegliche Sentimentalität zu vertreiben. So sorgt jede Partei, die sich an besagter Rettung beteiligt, für eine Möglichkeit, daraus eigenen Nutzen zu ziehen.

Während Watney auf dem Mars als Individuum improvisiert, betont Weir in jenen Kapiteln, die auf der Erde oder an Bord der "Hermes" spielen, den Teamwork-Aspekt. Kluge Männer und Frauen stellen die Aufgabe über nationale oder private Bedürfnisse. Das geht so weit, dass die NASA ein Szenario durchspielt, in dem sich die Besatzung der "Hermes" bis auf eine Pilotin umbringt, um ihr und dem geretteten Watney während des Rückflugs als Nahrungsquelle zu dienen ...

Letztlich triumphiert der durch Einfallsreichtum beflügelte Überlebenswille. Diese Erfolgsgeschichte könnte man "typisch amerikanisch" nennen, müsste dann jedoch zugeben, dass sie glatt aber gleichzeitig unwiderstehlich - spannend, überraschend, sogar witzig - eingefädelt wird. Der Marsianer bietet keine "große" = literaturadäquate SF - wenn es sie denn geben sollte -, sondern etwas Gleichwertiges: handwerklich sauber konstruierte Unterhaltung über die volle Distanz.

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