Toller Dampf voraus

  • Manhattan
  • Erschienen: Januar 2014
Toller Dampf voraus
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Carsten Kuhr
74°

Phantastik-Couch Rezension vonDez 2014

Eine Idee erobert die Scheibenwelt

Als hätte Lord Vetinari, seines Zeichens faktischer Herrscher über Ankh-Morpork nicht schon genügend um die Patrizier-Ohren. Er muss sich mit Aufrührern herumschlagen, die Presse im Blick behalten und natürlich jeden Tag, der über der Scheibenwelt aufgeht, sein Kreuzworträtsel lösen. Zum Glück konnte er die monetäre Versorgung der Metropole in die fähigen Hände Feucht von Lipwegs legen, der sich so nebenbei auch noch um die Post kümmern darf. Wenn ihm dann einmal die Muße bleibt, stehen politische Konferenzen mit dem niedrigen König der Zwerge oder dem König der Trolle an – wer eine private Veranlassung der Treffen mit Lady Margolotta denkt, der sein gewarnt, dass der Patrizier solch böswillige Unterstellungen nicht zu tolerieren bereit ist!

Nachdem die Stadt zunächst die Trolle, dann Golems und Goblins akzeptiert hat, ja selbst die Klacker nicht mehr missen möchte droht nun neues Unheil für alle konservativen Betonköpfe.

Ein schlauer Kopf hat sich die Macht des Dampfes untertan gemacht, Paul König, ungekrönter Unternehmerkönig Ankh-Morporks erkennt das wirtschaftliche Potential der Erfindung und schon lässt sich der Fortschritt nicht aufhalten. Der Eisenbahnbau nach Überwald ist beschlossene Sache, auch wenn Klackertürme von reaktionären Zwergen niedergebrannt werden.

Als in den Stollen der Zwerge eine Rebellion ausbricht, muss der niedere König so schnell wie möglich zurück in sein Reich – da gibt es nur eine Möglichkeit – die Eisenbahn muss ihre wichtigste Bewährungsprobe bestehen ...

Nach verhaltenem Beginn kommt wieder echtes Scheibenweltfeeling auf

Es wurde viel gemunkelt und geschrieben seitdem bekannt wurde, dass Tperry unter Alzheimer leidet und fast mehr noch, seitdem Random House die Aufmachung und Übersetzung der Bände geändert hat.

Zunächst vorweg bleibt die Feststellung, dass außer den direkt Beteiligten niemand wirklich weiß, inwieweit Pratchett selbst noch arbeiten kann und wie viel an den Büchern, die erscheinen, von ihm selbst verfasst wurde. Vom Impressum, das Terry und Lyn Pratchett als Rechteinhaber nennt, zu schließen, dass der Meister der Scheibenwelt nicht mehr der Verfasser ist, wie so manche munkeln, scheint mir vermessen zu sein. Hier gibt es andere, rechtliche und fiskalische Überlegungen, um eine Änderung vorzunehmen. Aus dem Haus des Illustrators der englischen Originalausgaben hört man, dass Tperry sehr wohl noch selbst bildlich gesprochen zur Feder greift, soweit hierzu.

Vorliegender Roman kommt uns erneut als großformatiges Paperback in englischer Broschur und mit Prägedruck und Spotlackierung daher.
Manhattan hat vor ein paar Jahren verkündet, dass man über eine veränderte äußere Gestaltung und Ablösung des bisherigen Übersetzers Andreas Brandhorst neue, gehobene Leserschichten erschließen möchte. Ob dies gelungen ist bleibt offen, zumal die äußere Gestaltung nun nicht unbedingt zurückhaltend genannt werden kann.

Tatsache ist, dass sich an den neuen Übersetzern, insbesondere Gerald Jung, die Geister scheiden. Vorgeworfen wird ihm, dass der Wortwitz nicht mehr da sei, dass die Dialoge gestelzt wären und der Text schlicht nicht mehr so lustig sei, wie früher. Es mag dahinstehen, ob dies wirklich am Übersetzer oder vielleicht auch am Original liegt, Tatsache ist, um zum vorliegenden Buch zurückzukommen, dass auch vorliegender Text zunächst ein wenig Zeit benötigt, um in Fahrt zu kommen. Dann aber hält der Roman durchaus seine amüsanten, zwerchfelltrainierenden und tiefsinnig-lustigen Seiten für den Rezipienten bereit – nun, lesen sie selbst.

Wie wir dies von den Scheibenwelt-Titeln gewöhnt sind, nutzt der Autor sein Buch gerne um zu aktuellem politischen Geschehnissen Stellung zu nehmen, um gesellschaftspolitische Missstände anzuprangern und uns pointiert und unterhaltsam den moralischen Zeigefinger vorzuhalten. Vorliegend thematisiert er mittels des wieder auflebenden Konflikt zwischen aufgeklärten, modernen Zwergen und ihren erzkonservativen Zwergen-Reaktionären, die ihre jugendlichen Anhänger auf Terroranschläge aussenden, den Kampf der Konservativen gegen jedwede Veränderung. Er hält uns einen Spiegel in Hinsicht auf Toleranz, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile vor und nimmt deutlich Stellung zu diesen Fragen. Dass sich junge Zwerge in Ankh-Morpork von den Lebensweise ihrer Vorväter abgewandt haben, dass es gar Freundschaften zwischen Zwergen, Trollen und Menschen gibt und überholte Feindbilder abgebaut werden ist den verbohrten Kommiss-köpfen so gar nicht recht. Sie halten an überkommenen Vorstellungen, Vorurteilen und alten Pfründen fest, auch, weil sie Neuerungen und Veränderungen fürchten und unfähig sind, sich selbst, ihre Überzeugungen zu hinterfragen.
Das hat durchaus das Potential mit den besten Romanen Pratchetts mitzuhalten, wobei der Meister seine Botschaft nie offensichtlich oder vordergründig platziert, sondern unauffällig in seine Handlung hineingewoben hat.

So ist auch dies wieder ein echter Pratchett, der zunächst ein wenig verhalten beginnt, dann aber Tempo zulegt und auf seinen neuen Gleisen letztlich in beeindruckender Geschwindigkeit sein Ziel erreicht.

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