Drachenmahr

Erschienen: Januar 2015

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Petra Meyeroltmanns
Originelle Geschichte, unvorhersehbar und immer wieder überraschend

Buch-Rezension von Petra Meyeroltmanns Aug 2015

Vor neunzig Jahren ist es der achtjährigen Josefa Rubinsteyn gelungen, einen Drachen gefügsam zu machen und in Ketten zu binden. Seitdem befindet sich dieser in der Kathedrale der Stadt Koda und gilt als Garant für das Wohlergehen der Bürger und Frieden für die Stadt.

Die Stadt Koda wird von sieben Patrizierhäusern regiert, das mächtigste ist das der Rubinsteyns. Untereinander sind die Häuser nicht immer friedlich verbunden, es wird um die Macht gerangelt, Bündnisse eingegangen und Fehden ausgetragen.

Zarria Machon stammt aus einer Nebenlinie eines der unbedeutenderen Häuser. Als frisch gebackene Offizierin der Stadtwache wird sie der Aufklärung des Mordes an Gerro Rubinsteyn, dem Obristen der Drachengarde, zugeteilt. Bald hat sie Zweifel am Tathergang. Wurde Gerro wirklich im Schlaf erstochen? Alle Spuren scheinen in eine Richtung zu führen, aber nicht alle wirken echt. Als Zarria ein hervorragender Posten angeboten wird, bleibt sie misstrauisch und fühlt sich immer mehr in Intrigen verwoben.

Die Welt erschließt sich erst nach und nach

Robert Corvus hat eine interessante Welt entworfen, die sich dem Leser allerdings erst nach und nach erschließt. Die Stadt scheint nach außen isoliert, warum erfährt man erst im Laufe der Handlung. In Bezug auf den Drachen ergeben sich viele Fragen, die Patrizier haben Geheimnisse, sogar in Zarrias engem Umfeld scheint nicht alles so zu sein, wie sie bisher annahm. Am Ende werden nahezu alle Geheimnisse und Rätsel zufriedenstellend aufgelöst, doch bis dahin gibt es viele, auch für den Leser, nervenzehrende Ereignisse. Im Laufe der Handlung ergeben sich einige Wendungen, die man so nicht erwartet hätte und auch die Auflösung manch eines Geheimnisses überrascht. So entwickelt sich der Roman immer mehr zum Pageturner. Die Geschichte erscheint neu und originell, das Gefühl etwas Bekanntes zu lesen, stellte sich bei mir nicht ein.

Der Autor lässt Zarria Machon die Geschichte selbst in Ich-Form erzählen, und zwar rückblickend, hin und wieder wieder gibt sie dem Leser kurze Ausblicke in die Zukunft, a lá "Hätte ich das früher gewusst, hätte ich womöglich anders gehandelt", allerdings ohne zu viel vorwegzunehmen. Dadurch wird eine gewisse Spannung aufgebaut.

Gut gelungen sind auch die Charaktere. Sie wirken authentisch und bleiben es trotz aller überraschenden Wendungen bis zum Schluss. Mit Zarria kann man sich durchaus identifizieren, sie ist eine starke Person mit Prinzipien und obwohl auch sie Dinge tut, wegen derer sie später mit sich hadert, ist sie diejenige, die man am ehesten als edel und gut bezeichnen könnte. Am Ende erhält sie dafür eine Belohnung, jedoch anders, als man es zunächst erwarten konnte.

Ein gelungener Charakter ist auch Josefa Rubinsteyn, zur Zeit der Erzählung 98 Jahre alt. Sie ist dem Drachen auf besondere Art verbunden, ihre wahre Rolle bleibt zunächst aber noch verborgen. Immer mehr entwickelt sie sich zur Antagonistin, doch sind ihre Motive nicht alle schlecht.

Die interessanteste Figur ist natürlich der Drache, auch er erschließt sich zunehmend, bleibt jedoch bis zum Schluss fremd, seine Gedanken und Beweggründe kann man nur ahnen, er ist mystisch und bleibt mystisch. Für jeden Drachenfan macht alleine er den Roman zum Muss und enttäuscht letztlich nicht.

Der Roman wartet mit einem großen Figurenensemble auf, ein Glossar, in dem Begriffe und Personen aufgelistet sind, erleichtert den Überblick, wer aufmerksam liest, wird aber auch ohne dieses wenig Probleme haben, die Namen und Personen lassen sich recht gut zuordnen. Neben dem Glossar gibt es auch eine Karte der Stadt Koda, die von Timo Kümmel gezeichnet wurde, und die ich gegen Ende des Romans genauer studiert habe, denn je mehr sich dem Leser alles erschließt und man die Stadt immer besser kennen lernt, desto eher wird man neugierig auf Details.

Etwas weniger gut gelungen ist die religiöse Komponente. Hier verortet sich der Roman beinahe in unserer Welt und nimmt eine unserer großen Religionen als Element auf. Dies will mir nicht so recht gefallen, es irritiert, zumal man sich in einer eindeutig phantastischen Welt befindet, und erscheint mir im Verlauf zu pathetisch. Hier wäre eine rein phantastische Religion meiner Meinung nach sinnvoller gewesen. In einem Interview äußert sich der Autor dazu, warum er dieses Element bewusst aufgenommen und sich gegen eine phantastische Religion entschieden hat, mir erscheint seine Erklärung zwar durchaus nachvollziehbar, meine Meinung ändert das aber nicht.

Robert Corvus ist eine sehr lesenswerte Geschichte gelungen, die von Freundschaft, Intrigen und Verrat, von Sichselbsterkennen und Sichtreubleiben, aber auch von Sichunterordnen und Sichselbstaufgeben erzählt. Man kann sie als spannende Erzählung lesen aber auch als einen Roman, der eine Botschaft vermittelt und zum Nachdenken anregt. Wer gute Fantasy schätzt, sollte zugreifen.

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