Dawn of the Dead

Erschienen: Januar 1979

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Michael Drewniok
Die Toten führen Krieg gegen die Lebenden

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2006

Francine, Steve, Roger und Peter haben die Großstadt Philadelphia verlassen, in der das Chaos regiert, seit sich die Toten, neu belebt durch eine unbekannt Kraft, aus ihren Gräbern erheben und über die Lebenden herfallen, um sie zu fressen. Nur ein Schuss ins Gehirn kann die Zombies stoppen, die weder Angst noch Mitgefühl kennen. Ihre schiere Übermacht hat die USA in eine existenzielle Krise gestürzt. Die Regierung ist ratlos, die Bürger sind mit der Situation genauso überfordert wie die Behörden und das Militär. Die lebenden Leichen gewinnen allmählich die Oberhand.

Steve fliegt für den Verkehrsfunk eines Senders einen Hubschrauber. Er dient dem zufällig zusammengewürfelten Quartett als Fluchtvehikel. Doch wohin soll man sich wenden? Überall im Land warten die Zombies, schießwütige Militärs oder gewaltbereite Milizen. Jede Zwischenlandung entwickelt sich zum Glücksspiel. Mehrfach kommt man nur zufällig mit dem Leben davon. Ein gewaltiges Einkaufszentrum bietet sich als Unterschlupf an. Das mit Lebensmitteln, Waffen und anderen wertvollen Gütern vollgestopfte Gebäude ist relativ einfach zu verteidigen.

Aber der Frieden ist trügerisch. Auch hier schleichen Zombies durch die endlosen, unübersichtlichen Gänge. Die Überlebenden sind untereinander uneins, Streit bricht aus und schwächt die Aufmerksamkeit. Plünderer werden auf das Zentrum aufmerksam. Sie betrachten Peter, Roger, Steve und Francine als Konkurrenten und lästige Zeugen, die es wie die Zombies auszuschalten gilt. Auf allen Ebenen der Mall kommt es zum mörderischen Kampf zwischen Eroberern und Verteidigern. Die lebenden Toten müssen nur warten auf ihre Gelegenheit, die kommen wird ...

„When there's no more room in hell, the dead will walk the earth”

Wieso sie es tun, bleibt ungeklärt. Es ist nicht wirklich wichtig; ein erster Pluspunkt für George A. Romero (1940-2017), der dies 1978 sehr gut wusste und keine Zeit mit ‚Erklärungen‘ verschwendete, sondern stattdessen jene Geschichte erzählte, die ihn eigentlich interessierte: Wie verhalten sich Menschen in einer wirklich ernsten Notlage?

Romeros Zombies sind ein Katalysator. Darin erschöpft sich ihre grundsätzliche Funktion. Bei nüchterner Betrachtung basiert ihre Gefährlichkeit auf Überzahl und ständiger Präsenz. Ansonsten sind sie bar jeglicher Intelligenz, sie werden allein von Instinkten und vom Hunger nach Menschenfleisch gesteuert. Die Untoten können keine Pläne schmieden und sind langsam; behält man einen kühlen Kopf, kann man sie per Schuss in den Schädel wie Tontauben abschießen.

Der springende Punkt ist laut Romero, dass es den Menschen nicht gegeben eine Taktik gegen den unheimlichen Feind zu entwickeln, diese planvoll zum Einsatz zu bringen und so den Sieg zu erreichen. Stattdessen regiert das Chaos. Großartig ist der Einstieg in die Handlung: In Francine Parkers Sender brüllen sich ‚Spezialisten‘ und ‚besorgte Zeitgenossen‘ nieder, statt sich gemeinsam gegen den Feind zu stellen. Skrupellose Medien-Veteranen schüren den Streit, um noch im Angesicht der nationalen Katastrophe die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben. Auf den Straßen kämpfen überforderte Soldaten, Polizisten und Bürgermilizen gegen das Grauen. Sie fallen dem geduldigen Gegner zum Opfer fallen oder fallen im Wahn sogar übereinander her.

Apokalypse Now - die Zombie-Version

Eigentlich braucht diese Welt gar keine Zombies mehr. Romero übt herbe Kritik an der US-Gesellschaft. Dies war 1978 nicht nur möglich, sondern sogar üblich, nachdem besonders die jüngere, skeptisch gewordene Generation nicht mehr bereit war, die überkommenen Ansichten ihrer Eltern zu übernehmen. Fragen nach dem Sinn politischer, wirtschaftlicher und kultureller Werte wurden gestellt. Darf man angebliche Minderheiten unterdrücken? Ausländische Regierungen manipulieren? Was ist in Vietnam geschehen? Wieso bespitzelt ein Präsident seine eigenen Bürger? Ist Atomkraft wirklich sicher? Was bedeutet Umweltverschmutzung?

Fragen über Fragen, mit denen sich auch das Kino dieser Zeit beschäftigte: „New Hollywood“ nannte man das Phänomen. Klassiker wie „Easy Rider“, „Taxi Driver“ oder „Apocalypse Now“ entstanden in dieser Phase. Hier wurden Finger in tiefe Wunden gelegt.

Den spannenden, auf die ‚niederen Instinkte‘ des Menschen zielenden Horrorfilm bringt man gemeinhin nicht mit dieser hehren Filmkultur in Verbindung. Das ist falsch. George A. Romero hatte bereits 1968 in „Night of the Living Dead“ (dt. „Die Nacht der lebenden Toten“), dem ersten Teil seiner ersten Zombie-Trilogie (die 1985 durch „Day of the Dead“ komplettiert wurde), die Invasion der lebenden Toten mit harscher Kritik verknüpft.

Botschaft als Effekt-Spektakel

Romeros Zombies sind in erster Linie ein Symbol dafür, was schief läuft in den USA. „Dawn of the Dead“ ist dabei - der Roman bestätigt es - keine echte Weiterentwicklung des Vorgängerfilms, sondern ein Luxus-Remake. Zu diesem Zeitpunkt bekam Romero, der seine Werke selbst produzieren musste, Geld aus Hollywood. „Dawn of the Dead“ war 1978 ein Ereignis: ein intelligenter Splatter mit Botschaft, den sogar das Kritiker-Establishment würdigte.

Der Roman zum Film legt das ausgesprochen simple dramaturgische Gerüst eines Meisterwerks offen, das über seine Bilder wirkt. „Dawn of the Dead“ ist kein komplexer Film. Die Schauplätze beschränken sich auf das Filmstudio, einen Straßenzug in Philadelphia, einen verlassenen Flughafen und schließlich das Einkaufszentrum. Die Apokalypse einer Welt im Würgegriff der Zombies stellt sich nur in Ausschnitten dar. Das funktioniert, und es ist in der Produktion billig.

Dem Roman tut die Beschränkung nicht gut. Er muss durch Worte wirken, die ihn statisch wirken lassen, sobald die Handlung im Großkaufhaus zur relativen Ruhe kommt. Nunmehr kämpfen Flüchtlinge gegen Plünderer und Zombies. Das wirkt spannend, wenn man es sieht, lässt aber die Energie vermissen, muss man es lesen: Simple Action verdrängt die Hinterfragung, ein Aspekt, den das Remake von 2003 erfolgreich berücksichtigt.

Vier Musketiere gegen die Zombies

Das Muster ist bekannt und bewährt. Steve, Francine, Peter und Roger sind Archetypen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen repräsentieren. Auf den ersten Blick sind sie typische US-Amerikaner (allerdings des Jahres 1978), Durchschnittsmenschen, die in die Krise geraten. Niemand ist wirklich sympathisch in dieser Geschichte, die in dieser Hinsicht ausgesprochen realistisch wirkt.

Francine ist als Sendeleiterin emanzipiert und taff, privat unabhängig. Doch als die Zombies über sie kommen, setzen sich alte Klischees rasch wieder durch. Ständig verliert Francine die Nerven, reagiert gefühlsgesteuert und damit falsch, muss gerettet werden und wiegelt als „love interest“ die Männer gegeneinander auf.

Allerdings verhalten sich die Männer auch nicht kopfstärker. Roger und Steve sind ebenfalls schwach. Wenn es so etwas wie einen Anführer gibt, nimmt Peter diese Rolle ein. Er ist zudem schwarz, was 1978 noch deutlich provokanter wirkte: Peter ist nicht mehr bereit sich „anzupassen“ und vor den weißen ‚Herren‘ zu kuschen. Er ist selbstbewusst und wesentlich krisentauglicher als seine Gefährten.

Die untoten und die lebenden Bestien

Die Zombies sind wie schon gesagt Romeros Auslöser, der das ohnehin morsche System zum Einsturz bringt. Nicht ‚rote‘, ‚gelbe‘ oder andersfarbige Feinde aus dem Ausland oder aus dem All attackieren „God’s Own Country“. Es sind Amerikaner - die einen tot, die anderen nicht -, die andere Amerikaner anfallen: Familienmitglieder, Freunde, Landsleute. Kein Wunder, dass die ‚Zombie-Experten‘ nicht durchdringen mit ihrem ‚Rat‘, diese neuen ‚Mitbürger‘ auf drastische Weise = mit einem Schuss in den Schädel auszuschalten.

Bürgerkrieg und Anarchie: Die braven Amerikaner verwandeln sich in der Krise eher in Plünderer und Barbaren als in Kampfgefährten. Soldaten, Polizisten und andere Ordnungskräfte tun da kräftig mit; auch dies war 1978 noch starker Tobak. Das Großkaufhaus, Symbol des dollargestützten Rund-um-die-Uhr-Konsums, verwandelt sich in eine Steinzeithöhle, vollgestopft mit gerade noch heiß begehrten, nun aber nutzlos gewordenen Dingen. Das Ende kann nicht „happy“ sein, und auch das Hollywood-Geld ließ Romero in diesem Punkt nicht schwächeln.

Fazit:

Roman zum verstörenden Filmklassiker von 1978: die simple, aber gesellschaftskritische, düstere Geschichte kann ohne Unterstützung durch bewegte Bilder ihre Botschaft nur eingeschränkt verbreiten.

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