Im Bann der Sturmreiter

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2005
Im Bann der Sturmreiter
Im Bann der Sturmreiter
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Eva Bergschneider
65°

Phantastik-Couch Rezension von Eva Bergschneider Jun 2006

Spät startende Geschichte mit einer vielfältigen Fantasy-Welt

";Im Bann der Sturmreiter"; (orig. ";The Ill Made Mute";) ist der erste Band der dreiteiligen Feenland-Chroniken der Australierin Cecilia Dart-Thornton. Der Auftakt der Trilogie erschien in Deutschland erstmals im März 2005, im September folgte der zweite Teil ";Das Geheimnis der schönen Fremden"; (orig. ";The Lady of Sorrows";). Leider warten die Leser seit dem auf die deutsche Fortsetzung, in Englisch erschien der dritte Band ";The Battle of Evernight"; bereits vor 2,5 Jahren. Stattdessen bringt Piper 2006 die ersten zwei Teile der Feenland-Saga als Paperback heraus. Für die deutsch lesenden Fans der Autorin bleibt nur zu hoffen, dass auch der Abschlussband dieser Reihe bald in deutscher Übersetzung erscheint, denn Cecilia Dart-Thornton schreibt bereits an einem weiteren Fantasy-Epos ";The Crowthistle Chronicles";.

Das Findelkind auf Burg Isse

Die grantige Küchenmagd Grethet findet ein hilfloses menschliches Wesen mit einem furchtbar entstelltem Gesicht, Giftefeupflanzen haben ihm hässliche Wucherungen beschert. Was sonst mit ihm geschehen sein mag und woher er kommt, weiss am allerwenigsten der Findling selbst, dem außer der Erinnerung auch die Sprachfähigkeit vollkommen fehlt.

Die Küchenmagd pflegt ihn gesund und zieht ihm die Kleidung der männlichen Dienstboten an. Schliesslich wartet ein Dasein als Sklave und Ausgestossener auf einen namenlosen Menschen, der sich erst mühselig in seine Umgebung hinein tasten muss. Die einzigen Lichtblicke in seinem trostlosen Alltag sind die Beobachtung der fliegenden Sturmreiter und  Windschiffe und die märchenhaften Erzählungen der Dienerschaft über unsterbliche Wesen am Abend. Die Sehnsucht nach einem Leben ausserhalb der Burg Isse und nach Informationen über die eigene Herkunft und Vergangenheit wird immer überwältigender. Schliesslich flieht der Namenlose auf einem der Windschiffe in die Welt jenseits der Mauern.

Eine gefährliche und wundersame Reise mit einem Freund

Der Abenteurer Sianadh  ist der erste Mensch, der sich von dem Anblick des Namenlosen nicht angeekelt abwendet. Im Gegenteil, er bringt ihm die Zeichensprache bei, erzählt ihm von der Historie des Landes, von den Licht- und Dunkelelfen und gibt ihm eine neue Identität. Sianadh erkennt, dass er in Begleitung eines Mädchens reist und gibt seiner stummen Begleiterin den Namen Imrhien. Ihr Weg führt sie durch den mittleren Teil des Kontinents Eldaraigne. Die weiten und dichten Wälder sind das Reich der Elfen, der Geister und anderer fremder Wesen. Ihre Begegnungen mit diesen Geschöpfen verlaufen unterschiedlich, sie werden getäuscht und bedroht, aber auch unterstützt und geleitet. Es ist eine Reise mit vielen Gefahren, aber auch voller wertvoller Erfahrungen. Als sie Sianadhs Heimatstadt Gilvaris Trav erreichen, nimmt die Familie seiner Schwester das rätselhafte Mädchen nach anfänglicher Distanz freundschaftlich auf. Ethlinn ist Heilerin, sie kann Imrhien zwar nicht selbst von den Vergiftungserscheinungen in ihrem Gesicht befreien, weiss aber wer; die Carlin der Hauptstadt Caermelor. Imrhien soll sich möglichst bald auf den Weg machen. Doch kurz vor der Abreise holen die Auswirkungen ihrer Abenteuer im Elfenreich die Familie auf fatale Weise ein und bringen Imrhien und Ethlinns Tochter Muirne in tödliche Gefahr.

Auf 200 langen Seiten nahezu ereignislos

";Im Bann der Sturmreiter"; ist ein Fantasy-Roman, der von seinen Lesern zunächst einmal unendlich viel Geduld verlangt. Tad Williams Leser sind Einiges an überlangen Eingangskapiteln, in denen ausschliesslich die Fantasy-Welt vorgestellt wird, gewöhnt, doch Cecilia Dart-Thornton übertrifft den Amerikaner in dieser Hinsicht bei Weitem. Fast die Hälfte des Buches beschäftigt sich ausschliesslich mit Imrhiens Geheimnis, ihrem relativ ereignislosem Leben auf der Burg und den Märchen und Mythen über die Feenwelt. Wirklich faszinierend ist an dieser Stelle allerdings die Beschreibung der Sturmreiter und der Windschiffe, die mit Hilfe des Wundermetalls Sildron durch die Winde gleiten können und als Boten- und Transportmittel genutzt werden. Erst als Imrhien die Flucht aus der Burg gelingt und sie mit Sianadh durch die Mittellande reist, setzt endlich eine länger andauernde, spannende Handlung ein, die allerdings immer wieder in den Hintergrund tritt, wenn Episoden aus der Feenwelt erzählt werden.

Ein Feuerwerk an Ideen und die Huldigung anderer Fantasy-Epen

Cecilia Dart-Thornton kreiert ihre Fantasy-Welt mit einer Fülle an Wesen aus der schottischen und walisischen Mythologie, sowie einigen neu erschaffenen, fantastischen Gestalten und Gesetzmässigkeiten. Ursprung und Bedeutung der aus der keltischen Mythologie entnommenen Elemente, erläutert die Autorin in Fussnoten. Ein paar Figuren, Szenen und Gegebenheiten sind an die bekannter Fantasy-Werke angelehnt und wohl als Hommage an diese zu verstehen.

Trotz der vielen phantasievollen Geschöpfe, entsteht kein einheitliches Bild der Feenland-Welt vor dem geistigen Auge des Lesers. Beziehungen zwischen Menschen und Fantasy-Figuren existieren scheinbar kaum, die handelnden Personen beziehen ihr Wissen aus Mythen und wissen überwiegend sehr wenig über das Feenreich, obwohl die Welten nahtlos ineinander übergehen. Erst ganz am Ende des Romans wird eine Gemeinschaft vorgestellt, die unmittelbar mit Wesen aus der Anderswelt zu tun hat, aber auch hier besteht wenig direkter Kontakt. Imrhiens und  Sianadhs Begegnungen mit diversen Geistern und mystischen Gestalten werden interessant erzählt, haben aber mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun. So wirkt Cecilia Dart-Thorntons Fantasy-Welt nicht in, sondern neben die Geschichte platziert, es fehlt einfach ein einheitlicher Erzählhintergrund als verbindendes Element. Lediglich die Geisterstürme sind ein dauerhaftes Phänomen, dessen seltsame Auswirkungen in unheimlichen Bildern geschildert werden.

Der König von Gondor lässt grüssen

Im zweiten Teil des Romans kommt die Geschichte erst richtig in Fahrt und es werden zahlreiche interessante und lebendig charakterisierte Personen in die Handlung eingeführt. Imrhien bringt langsam aber sicher ihren glasklaren Verstand zur Geltung und entwickelt sich vom bemitleidenswerten Geschöpf zu einer eigenständigen, sympathischen Persönlichkeit. Ihr väterlicher Freund und Mentor Sianadh, ein gutmütiges, humorvolles Rauhbein, verhilft ihr zu dieser positiven Entwicklung, indem er sie lehrt, mit Zeichensprache zu kommunizieren. Ein zum Ende des Romans erscheinender Elitesoldat, der Dainnan Dorn verkörpert den geheimnisvollen, weisen und im Verborgenen glänzenden Helden. Man darf gespannt sein, wie sich Dorn in den Folgebänden entwickelt, denn er erinnert sehr stark an Aragorn aus ";Der Herr der Ringe";, wenn er auch etwas heiterer und humorvoller wirkt. Die Charakterisierung der handelnden Personen ist der Autorin so überzeugend gelungen, dass man am Ende des Buches schweren Herzens von ihnen Abschied nimmt. Anfangs hat man als Leser schwer Zugang zu dieser Geschichte gefunden, die erst in der zweiten Buchhälfte Ansätze eines Gesamtkontextes erahnen lässt.

";Im Bann der Sturmreiter"; ist stilistisch außergewöhnlich schöne, poetische Fantasy, doch man fragt sich unwillkürlich: ";Warum nur wurde am Anfang so wenig Geschichte so langatmig erzählt?";

Im Bann der Sturmreiter

Cecilia Dart-Thornton, Piper

Im Bann der Sturmreiter

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