Dunkelheit

Erschienen: Januar 2016

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Carsten Kuhr
Hitlers Angriff auf England als Kulisse eines Zeitreiseromans

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Apr 2017

Zeitreisen sind real. Nun stellen sie sich einmal vor, was dies für die Welt bedeuten könnte. Nein, man wird weder Hitler noch Stalin verhindern, die Geschichte lässt sich nicht umschreiben, gewisse Brennpunkte lassen sich erst gar nicht ansteuern, aber die Historiker können vor Ort recherchieren und Forschen. Mittlerweile hat man sich an die Möglichkeit gewöhnt, werden Zeitreisen fast schon als alltäglich angesehen. Auch im Jahr 2060 aber mahlen die Mühlen der Bürokratie langsam und unermüdlich. Anträge sind zu stellen, Vorschriften einzuhalten und Vorhaben zu dokumentieren.

Wir begleiten drei Expeditionen in die Zeit des zweiten Weltkriegs. Genauer gesagt geht es in das Jahr 1940 in das der Leiter des Projekts, Mr. Dunworthy drei Historiker entsendet. Merope soll auf einem schottischen Landsitz als Hausangestellte einer versnobten Adeligen die aus London und Umgebung evakuierten Kinder studieren.

Polly Churchill reist direkt nach London um in der Maske einer Verkäuferin die Luftschlacht um London und die Bombennächte zu beobachten. Dritter im Bunde ist Michael Davies der in der Maske eines amerikanischen Kriegsberichterstatters die Evakuierung der Truppe aus Dünkirchen beobachten will.

Dass es bei den Reisen immer einmal wieder zu geringen zeitlichen Verschiebungen und Glättungen kommt ist normal, vorliegend aber kommen unsere drei Forscher gleich, statt um Minuten, um ganze Tage versetzt an ihre Ziel. Als sie dann feststellen müssen, dass auch die Rückkehr durch die Tore nicht möglich ist, ist guter Rat teuer. Sollten sie wirklich in der Zeit, gestrandet sein?

Wie können sie einander in dem von Krieg, Unruhen und Not bedrängtem Land finden, ja wäre es vielleicht gar möglich, dass sie durch ihre Einflüsse den Krieg und damit die Vergangenheit geändert haben?

Wunderbare gezeichnete Figuren, minutiös recherchiert und toll übersetzt

Connie Willis gehört zu den renommiertesten und am meisten mit Preisen ausgezeichneten Phantastik Autoren unserer Tage. Dass ihr Oeuvre bei uns nur fragmentarisch vorliegt, ist mehr als zu bedauern. Eine Story-Collection bei Luchterhand, dazu einige ihrer umjubelten Zeitreise-Romane bei Heyne, mehr wurde in der Übersetzung von ihr leider bislang nicht publiziert. Das mag daran liegen, dass sich Willis dem angesagten Zeitgeist verschließt. Statt also riesige Raumschiffverbände aufeinander loszulassen, waghalsige Kommandounternehmen oder Attentäter loszuschicken richtet sie ihr Augenmerk auf das intelligente Spiel des "was wäre, wenn".

Vorliegender Roman, des Umfangs wegen, auf zwei richtig dicke Bücher verteilt und natürlich mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet, ist da beileibe keine Ausnahme. Wir kehren zurück zu Mr. Dunworthy und seinen Zeitreisen. Dieses Mal aber reist Dunwothy nicht selbst in die Vergangenheit und strandet dort, sondern er entsendet wissenshungrige Forscher auf Erkundungsmission.

So richtig viel passiert in den gut 700 Seiten des Romans nicht. Aber, und das ist die große Stärke von Willis, das braucht es auch gar nicht. Minutiös recherchiert präsentiert uns die Autorin das Bild einer Zeit die gar nicht so lange zurückliegt. Dabei gibt sie uns einen sehr realistischen Einblick in das Leben in England des Jahres 1940, wie die Menschen damals gedacht, sich verhalten und überlebt haben. Dass sie dabei trotz der vordergründigen Handlungsarmut fasziniert zeigt nur, welch großartige Erzählerin Willis ist.

Stilistisch wunderbar flüssig und vorzüglich ins Deutsche übertragen wartet so ein erster Band eines Zweiteilers auf den Leser, der mit liebevoll gezeichneten Charakteren das Bild einer vergangenen Zeit wieder auferstehen lässt.

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