Der Fährmann

Erschienen: Januar 2017

Couch-Wertung:

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Carsten Kuhr
Der Fährmann über den Styx verliebt sich

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Apr 2017

Es gab eine Zeit, da waren sie das perfekte Paar. Die Rede ist von den Lehrern Janine und David. Seitdem sie zusammen an einer kirchlichen Schule angefangen hatten zu unterrichten fühlten sie sich zueinander hingezogen, eine Zeitlang war das Leben einfach nur schön und sie glücklich. Als Spencer, Janines erste große Liebe die in die Brüche gegangene Beziehung wieder aufleben lassen will gibt Janine David den Laufpass. Kurz darauf wird sie schwanger, Spencer lässt sie erneut sitzen.

Bei der Geburt geht dann alles schief. Sie verliert ihr Kind, ist selbst kurz davor zu sterben. In einer Nahtoderfahrung vermeint Janine auf einem Fluss beim Moor einen mysteriösen Mann in einem Boot zu erblicken, der für die Überfahrt Münzen von ihr fordert. Als sie die Geldstücke aufgewühlt und panisch in den Fluss wirft ist der Fährmann wütend und verfolgt sie - bis sie denn verwirrt und panisch aufwacht.

Dass David wieder in ihr Leben tritt ist eines der wenigen Dinge, die ihr Dasein erträglich gestalten. Der Verlust, die Trauer halten sie fest im Griff. Dass sie Halluzinationen von Charon, dem Fährmann hat, der sie verfolgt, schreibt sie zunächst ihrem Verlust und den Nerven zu. Dann aber stehen Tote wieder auf, verfolgen David und töten Spencer. Jemand, ein Wesen macht seinen Besitzanspruch auf Janine geltend und er tut dies ebenso mitleidlos wie effizient. Janine, David und ihre gemeinsame Freundin Annette wenden sich an Vater Hugh, den Priester der Schule. Zusammen wollen sie versuchen, Charon zu bannen um endlich ihr Leben wieder selbstbestimmt führen zu können.

Ungewöhnliche Nutzung eines altbekannten Sujets in einer inhaltlich wie handwerklich vorbildlichen Ausführung

Was ist das für ein Buch, mit dem der Buchheim Verlag in die Buchhandlungen drückt?Schon äußerlich merkt man dem Titel an, dass hier etwas Besonderes auf den Leser wartet. Prägedruck, Rundumfarbschnitt, Lesebändchen und zahlreiche Innenillustrationen von einem der renommiertesten phantastischen Illustratoren unserer Zeit legen beredt Zeugnis davon ab, dass der Verleger bemüht war, das Buch aus dem Allerlei der Großverlage hervorzuheben.

Und dies ist ihm bestens gelungen. In der sehr angenehm zu lesenden Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt erwartet den Leser eine Mischung aus alten Themata mit einer aktuellen, ergreifenden Handlung.

Es geht um den aus der griechischen Mythologie bekannten Charon, den Fährmann, der die Toten in ihr neues Reich geleitet. Allerdings wird eben jener Fährmann vorliegend doch etwas anders, frischer und überzeugender dargestellt, als man dies bislang gewohnt war. Hier begegnet uns ein Wesen, das selbst zu Fühlen in der Lage ist. Ein Wesen, dass, getrieben von eben jenen Gefühlen bereit ist, für seine Zukunft, seine Liebe zu kämpfen und all seine Mittel einzusetzen, das Gewünschte zu bekommen.

Darüber hinaus geht es natürlich um Verlust, um Trauer, um einen Neubeginn. Mit viel Einfühlungsvermögen stellt der Autor die innere Leere der Mutter, die ihr Kind verloren hat dar, die Kälte die sie zunächst spürt, die innere Lähmung der Mutter, die ihre Rolle nie erleben durfte und nun verzweifelt bemüht ist weiterzumachen. Dazu gesellen sich die anderen Hauptfiguren - sie alle sind interessant, weil zwar ganz unterschiedlich, aber letztlich alle leidend dargestellt.

David, der sich Vorwürfe macht, einen anderen Lehrer verbal angegriffen zu haben, der danach einen Herzinfarkt erleidet und stirbt, Annette, die Lesbe, die in ihren Beziehungen immer wieder scheitert, sie alle werden geplagt von Angst, Reue und Schuld.

Wie sagte Reich-Ranicki einmal so treffend: „Mich interessieren keine glücklichen Menschen, die sind langweilig. Mich interessieren Menschen, die leiden, die innerlich von ihren Gefühlen zerfressen werden". Und hier wäre er sicherlich mit Buch und Autor zufrieden gewesen.

Das heißt aber beileibe nicht, dass der Plot depressiv daherkommen würde. Gerade die ungewöhnlich andere Zeichnung Charons als aktiv Agierender der seine Machtmittel nutzt um seine egoistischen Ziele zu erreichen wirkt überraschend und neu. Das Sujet der Heimsuchung durch geister wird vorliegend auf ganz ungewöhnliche Weise genutzt, um beim Leser Furcht und Grauen zu erwecken. Und genau dies, das was einen wirklich guten Horror-Roman auszeichnet, ist Golden gelungen.

So erwartet den Leser nicht nur ein handwerklich vorbildlich gestaltetes Buch, sondern auch ein Lesegenuss der ein altes Thema in einen aktuellen Kontext setzt, mit einem ungewöhnlichen Finale aufwartet und uns an die Seiten fesselt.

Der Fährmann

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