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Yannic Niehr
Die unglaubliche Leichtigkeit des Scott Carey

Buch-Rezension von Yannic Niehr Dez 2018

Scott Carey, seines Zeichens Webdesigner in Castle Rock, sieht sich mit einem ungewöhnlichen Problem konfrontiert: er verliert kontinuierlich an Gewicht. Dabei nimmt er nicht etwa ab – seine Statur bleibt unverändert. Doch ob mit oder ohne Kleidung, und ganz egal, welches Objekt er gerade in der Hand hält – die Anzeige auf der Waage sinkt stetig. Es scheint fast so, als würde die Schwerkraft langsam aber sicher ihre Macht über ihn verlieren. Doch obwohl der Tag Null (jener, an dem er rein rechnerisch nichts mehr wiegen wird) unaufhaltsam näher rückt, geht es Scott gut. Es geht ihm sogar besser als je zuvor. Ob sein medizinisch einmaliger Zustand ansteckend ist, können weder er selbst noch sein guter Freund, der alternde Arzt Dr. Bob Ellis, mit Sicherheit sagen. Die Leichtigkeit von Geist und Gemüt, die damit einhergeht, scheint es allerdings zu sein.

Scott möchte diese nutzen, um mit seinen Nachbarinnen, dem Ehepaar Missy Donaldson und Deirdre McComb Frieden zu schließen, mit denen er es sich aufgrund einer Lappalie verscherzt zu haben scheint. Die beiden haben aufgrund ihrer gleichgeschlechtlichen Ehe alles andere als einen leichten Stand in dem kleinen Städtchen, und ihrem dort gegründeten Restaurant fehlt es entschieden an Besuchern, sodass sie, mittlerweile verzweifelt und frustriert, um ihre Existenz fürchten müssen. Als er sich dazu entschließt, beim diesjährigen Turkey Trot teilzunehmen – einem jährlich stattfindenden, lokalen 12km-Mini-Marathon durch Castle Rock – geht er mit McComb (einer erfahrenen Läuferin) eine Wette ein, die schließlich einen Wendepunkt in ihrer aller Leben darstellen soll…

Turkey Trot in Castle Rock

Abgesehen von einer Widmung an Richard Matheson hat diese Novelle nichts mit Horror zu tun. Obwohl im fiktiven Städtchen Castle Rock in Maine angesiedelt und somit ein „Heimspiel“, ist Erhebung als einer seiner seltenen Ausflüge in die Belletristik (mit einer gehörigen Dosis „magical realism“ garniert) ein eher untypischer King. Das macht den Roman jedoch alles andere als weniger lesenswert. Erhebung kommt frisch und originell daher, dennoch ist Kings ur-amerikanische, knackige Prosa eindeutig wiederzuerkennen. Sogar sein typischer, trockener Humor kommt nicht zu kurz. Hier zeichnet King in seiner ihm eigenen Art ein Panorama der kleinen Leute von Castle Rock.

Warum in dieser Stadt, die u.a. bereits von einem tollwütigen Hund, einem teuflischen Ladenbesitzer und einer lovecraft´schen Nebelfront terrorisiert wurde, überhaupt noch jemand würde wohnen wollen, lässt sich nur durch die herrschende Postkartenidylle erklären, die King dem Leser sehr einfühlsam vermittelt (das Cover, welches mit dem Ende der Novelle zu tun hat, unterstützt diesen Eindruck). Sein erzählerisches Händchen beweist er auch bei der Zeichnung seines (kleinen aber feinen) Figurenensembles: sei es nun der gutherzige Normalo Scott Carey, die verletzliche, aber überraschend mutige und intelligente Missy, die etwas eisige Deirdre oder der freundliche Dr. Bob – sie alle wachsen einem schnell ans Herz und werden von den Nebenfiguren stimmig abgerundet. Es ist offensichtlich, dass King sich in diesem Städtchen „auskennt“ und es dem Leser plastisch machen kann.

Wahrhaft erhebend

Die Klärung der Frage, warum Scott Carey nun ständig an Gewicht verliert, überlässt King der Fantasie des Lesers. Thematisch geht es um das Loslassen negativer Emotionen, so z.B. von negativen Vorurteilen auf beiden Seiten. Nicht nur Castle Rock begegnet McCombs und Donaldson teilweise mit Verachtung, auch McCombs selbst scheint Carey – aufgrund ihrer eigenen Verbitterung über die Kleingeistigkeit dieses Ortes, an den es sie verschlagen hat – in eine Schublade zu stecken, die all das versinnbildlicht, was sie verabscheut. King trifft mit dieser Erzählung den brandaktuellen Nerv eines gespalteten Amerikas. All das jedoch löst sich zum Ende in Wohlgefallen auf und führt zu einem überraschend berührenden Finale. Leider hinterlässt dieses einen etwas schalen Nachgeschmack – nicht etwa aufgrund inhaltlicher oder stilistischer Unstimmigkeiten (auch wenn Enden oftmals nicht Kings Stärke sind, ist Erhebung eine der Ausnahmen von dieser Regel), sondern aufgrund der Kürze: der Schluss kommt einfach viel zu früh. Andererseits gehören die Werke Kings, die kurz und auf den Punkt sind, zu seinen besten – und letztlich ist es für ein Buch eher eine Adelung als alles andere, wenn man es nach dem letzten Zuklappen nicht über hat, sondern sich sogar noch mehr wünscht.

Fazit:

Erhebung wird vielleicht die Erwartungen manch eines King-Fans enttäuschen, doch gerade in seiner Originalität liegt sein Reiz. Die Novelle bietet einen untypischen, frischen King und hat für die verschiedensten Zielgruppen etwas zu bieten. Auch wenn die gut 140 Seiten viel zu schnell vorüberschweben – es lohnt sich!

Erhebung

Erhebung

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