Im Reich der Vogelmenschen

Erschienen: Januar 1967

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Michael Drewniok
Aus dem Zweiten Weltkrieg in den Krieg um die Zukunft

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Irgendwo im Pazifik, 1200 Meilen entfernt vom nächsten Hafen, dümpelt in einer mondhellen Nacht das amerikanische U-Boot „Seeschlange“ auf den Wogen, als plötzlich ein geflügelter ‚Mensch‘ auf das Deck niederstößt und eine merkwürdige Apparatur dort befestigt, die sich partout nicht entfernen lässt. In der folgenden Nacht kehrt der ungebetene Gast wieder und tut dasselbe an einer anderen Stelle der „Seeschlange“.

Dieses Mal kann ihn die Besatzung ergreifen, aber es ist zu spät: Ein Energiewirbel versetzt das U-Boot in eine weit entfernte Zukunft. Der durch die Zeit mitgereiste Vogelmensch ist ein Botschafter, der sich in der Vergangenheit nach Verstärkung umschauen sollte. Die Zukunft ist nicht nur ein trostloser, sondern auch ein von Krieg heimgesuchter Ort. Aus der Erde wurde ein unwirtlicher Wasserplanet, auf dem in der Luft die Vogelmenschen mit ihren im Meer lebenden Gegnern, den Fischmenschen, ringen und dabei allmählich das Nachsehen haben.

Die tatkräftigen Menschen des 20. Jahrhunderts sollen das Zünglein an der Waage spielen und den Vogelmenschen den Sieg bringen. Die Männer der „Seeschlange“ wollen jedoch nicht in diesen Krieg ziehen. Stattdessen bemühen sie sich um einen Ausgleich zwischen den Gegnern.

Die Situation verkompliziert sich, weil sich die „Seeschlange“ in einer Flotte ebenfalls verschleppter Schiffe aus verschiedenen Jahrtausenden wiederfindet, deren Mannschaften einander nicht grün sind. Als dann noch ein Raumschiff mit eroberungswütigen Außerirdischen auftaucht, wird es eng für die unfreiwilligen Friedensstifter, zumal auch die Vogelwesen allmählich ungeduldig werden ...

Als alles noch einfacher war

Science Fiction ohne Anspruch außer diesem: den Leser so gut wie möglich zu unterhalten. Mit solcher naiven Unschuld ging dies wohl nur im „Goldenen Zeitalter“ des Genres, das die wenigen Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs umfasst, als die auf billiges, holziges Papier gedruckten „Pulp“-Magazine die Szene beherrschten. Dort schlugen die Mannen der „Seeschlange“ folgerichtig 1944 (in Fortsetzungen) ihre Schlacht gegen geflügelte oder gekiemte Zukunftsmenschen.

Die Geschichte ist so absurd, dass sie eigentlich unterhalten muss. Heute gibt es freilich gewisse Schwierigkeiten. Die Handlung beginnt stimmungsvoll und spannend, lässt aber deutlich nach, als die ferne Zukunft erreicht wird. Die entführten Tatmenschen des 20. Jahrhunderts sollen dort einen Torpedo abfeuern und dürfen danach wieder zurückkehren. Das wollen sie nicht - generell und weil es sich hier um US-Amerikaner handelt, die sich prinzipiell nichts sagen lassen. Stattdessen wird auch im 25. Jahrtausend von einem Fettnäpfchen ins andere getrampelt.

Überhaupt ist dem Autorenduo nichts wirklich Originelles eingefallen für die zukünftige Erde. Das Geschehen spielt sich im Schatten einer schwebenden Insel ab, unter der sich einige See- und Raumschiffe misstrauisch umkreisen. Intrigen werden gesponnen, Piraterie versucht, aber das alles führt letztlich zu nichts.

4D-Handlung mit Flach-Figuren

Wie man sich denken kann, erfordert eine Geschichte wie diese kein besonders profilstarkes Personal. Hier wird gehandelt, werden markige Reden geschwungen. Eine Besatzung tatendurstiger Seemänner ist da genau richtig. Zwar bemühen sich die Autoren, der Figurenzeichnung durch einige interne Konflikte - der U-Boot-Kommandant ist ein ängstlicher Opportunist, seinem weitsichtigen Stellvertreter sind die Hände durch das militärische Protokoll gebunden - Tiefe zu verleihen. Das wirkt jedoch sehr weit hergeholt.

Über die Vogelmenschen erfährt man wenig, über ihre Gegner sogar noch weniger. Irgendwie erscheint dieser zukünftige Krieg ziemlich sinnlos, was allerdings auf jeden Krieg zutrifft. Typisch Van Vogt ist der temporale Auftrieb unterschiedlicher Zeitreisender aus verschiedenen Epochen. Typisch 1944 ist die Darstellung der Sessa-Clen-Amazonen als instinkt- oder besser triebgesteuerte Chaotinnen, denen ein richtiger Kerl zeigen müsste, wo‘s langgeht; kein Wunder, dass die Königin dem U-Boot-Helden Kenlon sogleich einen Heiratsantrag macht ...

Die durchaus faszinierenden Elemente wollen sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen. Besonders das Finale legt dieses Manko offen: Es ereignet sich, als der Leser einen Moment nicht hinschaut. Anschließend muss er verdattert in einigen Nebenbei-Sätzen nachlesen, dass die ursprünglich so gewaltigen Probleme, die den Einsatz der Zeitreise erforderlich machten, kurz und knapp gelöst wurden.

Ein redaktionell attackierter Roman

Es mag freilich sein, dass wir deutschen SF-Freunde es wieder einmal mit einer gekürzten Fassung - schwungfedergestutzten Vogelmenschen also - zu tun haben. 160 Seiten umfassten die „Terra“-Taschenbücher; längere Geschichten wurden ‚bearbeitet‘, d. h. mehr oder weniger kunstvoll gekappt. Das holprige Finale dieses Romans legt diese Vermutung nahe.

„Im Reich der Vogelmenschen“ nimmt in der Geschichte der Science Fiction eine Nischenstellung ein. Es wurde zwar von einem der bekanntesten Autoren des Genres verfasst, wirkt aber in dessen Gesamtwerk etwas fremd. Kein Wunder, denn A. E. van Vogt hat es nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner damaligen Gattin Edna Mayne Hull (1905-1975) verfasst. Kann man den Quellen trauen, stammt „Im Reich der Vogelmenschen“ sogar allein aus ihrer Feder. „Edna“ wurde zu „E.“, denn soweit war die Welt einst noch nicht, dass sie weibliche SF-Autoren mit offenen Armen empfangen hätte. Ein männlich klingendes Pseudonym - siehe auch „Leigh Brackett“ oder „C. L. Moore“ - konnte deshalb nützlich sein.

Van Vogt selbst bearbeitete „Im Reich der Vogelmenschen“ 1966. Im Bemühen, die Geschichte zu ‚aktualisieren‘, machte er aus der Weltkrieg-„Seeschlange“ ein Atom-U-Boot im Versuchs-Einsatz, was gar nicht gut in die Handlung passte.

Fazit:

Klassische Unterhaltungs-Science Fiction, zelebriert ohne literarischen Anspruch von einem der Großmeister des Genres, mit dem im Final wieder einmal die Pferde (bzw. Außerirdischen) durchgehen.

Dieser Buch wird vorgestellt in Dr. Drewnioks phantastische Schattenseiten - Folge 3

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