Tod vom 5. Planeten

Erschienen: Januar 1978

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Michael Drewniok
Super-Pest vom Super-Planeten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2018

Nachdem es auf seiner Mission zum Riesenplaneten Jupiter verlorengegangen zu sein schien, kehrt das Forschungsraumschiff „Perikles“ unverhofft zur Erde zurück, um auf dem Kennedy-Airport in New York City notzulanden. Polizei und Rettungskräfte machen sich auf den Weg; zuerst vor Ort ist das kleine Team um Ambulanzarzt Sam Bertolli, dem aktuell auch die Pathologin Dr. Nita Mendel angehört.

Aus dem Wrack taumelt der grässlich entstellte Zweite Offizier: Commander Rand ist an einer pestähnlichen Seuche erkrankt. Bevor er die „Perikles“ verließ, hat er die Ein- bzw. Ausstiegsluke sorgfältig gesichert. Offensichtlich soll niemand das Raumschiff betreten - oder verlassen? Über die Ursache seiner Sorge kann Rand keine Auskunft mehr geben; kurz nach der Landung ist er tot. Was immer er im Schiff halten wollte, hat es mit ihm schon verlassen: Die seltsame Seuche infiziert ihre Opfer nicht direkt. Stattdessen befällt sie zunächst Vögel, um erst dann auf Menschen überzuspringen. Wenn dies geschieht, ist der Krankheitsverlauf stets tödlich.

Da Vögel auf dieser Erde praktisch allgegenwärtig sind, gelingt es nicht, sie als Zwischenwirte auszuschalten. Die Epidemie breitet sich in New York und Umgebung aus. Zunächst überträgt sie sich nicht von Mensch zu Mensch, weshalb Bertolli und Mendel trotz ihrer Begegnung mit Commander Rand überleben. Als Mediziner werden sie in Ereignisse verwickelt, die rasch ihre Kompetenz übersteigen. Die Bürger werden erst unruhig, dann panisch. Den von der Regierung angeordneten Maßnahmen wollen sich viele misstrauisch entziehen; sie glauben nicht an Hilfe, sondern fürchten „zum Wohle des Volkes“ in Lager gesperrt und womöglich umgebracht zu werden. Sie liegen nicht falsch, denn ein überforderter Krisenstab plant die Infektionsherde durch den Einsatz atomarer Waffen buchstäblich auszubrennen - ein Vorgehen, das nicht nur Bertolli unbedingt verhindern will ...

Es lag in der Luft

Natürlich wurde die Erde schon vor dem „Tod vom 5. Planeten“ von außerirdischem Unheil bedroht. Vor allem die triviale Science Fiction kam nicht ohne Invasoren aus. Allerdings waren diese in der Regel mit bloßem Auge erkennbar, konnten Waffen halten und waren intelligent sowie bösartig. Krankheitserreger taugen dagegen weniger als Bedrohung, weil sie über keinen freien Willen verfügen und ihre Opfer nicht gezielt attackieren.

Zwar gab es schon in den 1960er Jahren den „Science Thriller“, der keine Blaster schwingenden Kämpfer, sondern Wissenschaftler ins Zentrum stellte, die einer Gefahr im Rahmen ihres Wissens und ihrer Ausrüstung zu Leibe rückten. Sein eigentlicher Durchbruch stand aber noch bevor. Das vielleicht elementare Frühwerk des Genres erschien erst vier Jahre nach Harrisons Werk. Michael Crichton veröffentliche „The Andromeda Strain“ (1969; dt. „Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All“), Robert Wise verfilmte das Buch 1971. Beide schufen Klassiker sowie Blaupausen für den „Science Thriller“ als Buch und Film.

Doch das Genre und seine Zutaten gab es wie gesagt früher. „Tod vom 5. Planeten“ präsentiert sie ein wenig holprig, aber alles ist schon da: die unsichtbare Gefahr, ihre überforderten Gegner, wenig hilfreiche Politiker und Medien, das kopflose Volk, die rettende Entdeckung in letzter Sekunde - und eine Romanze im Angesicht des lauernden Todes.

Der nüchterne Schrecken

Als SF-Roman ist „Tod vom 5. Planeten“ buchstäblich geerdet. Zwar kommt das Unheil vom Jupiter, der jedoch als Schauplatz nur eine Nebenrolle spielt. Was dort geschah, wird eher pflichtgemäß in einer Rückblende erzählt. Für die Handlung relevant ist die Seuche, gegen die auf der Erde kein Kraut gewachsen ist. Harrison bringt einen Hauch von publikumsträchtigen Horror ins Spiel, indem er die Opfer in wandelnde Pestilenzen verwandelt, doch auch das ist von sekundärer Bedeutung: Es geht um den ‚großen Sprung‘, den eine Pandemie schon in den 1960er Jahren machen konnte.

Die moderne Technik beflügelte eine nie gekannte Mobilität. Binnen weniger Stunden konnte der Mensch jeden Kontinent erreichen. Dass dies auch für Krankheiten galt, war eine Erkenntnis, die jene, denen die Reise- und Transportmöglichkeiten Beweglichkeit und Einkünfte bescherten, den ‚Unken‘ überließen: den Mahnern und Warnern (bzw. Spielverderbern), die auch die Schattenseiten sensationeller Durchbrüche bedenken. Harrison spielt durch, was man schon 1965 eigentlich nicht nur ahnte.

Obwohl es reichlich ‚Action‘ gibt, ist sie keineswegs Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Die Vehemenz einer unsichtbaren Drohung, die sich nicht eindämmen lassen will, bestimmt das Tempo. Harrison gibt den Ereignissen ‚Gesichter‘, ein typisches Merkmal des Katastrophenfilms, der in den 1970er Jahren für Blockbuster sorgte. Zuschauer wie Leser benötigen Figuren, mit denen sie sich identifizieren, um die sie bangen oder die sie hassen können, während reale Katastrophenbewältigung Teamwork darstellt und die meisten Teilnehmer anonym bleiben.

Immer dort, wo es brennt

Für seine Rolle als unermüdlichen Streiter gegen den Tod hat Harrison Sam Bertolli mit einer entsprechenden Vita ausgestattet. Als Arzt ist er ein Spätzünder, denn bevor er Medizin studierte, war Bertolli (Elite-) Soldat - ein ‚Zufall‘, der ihm nun sehr nützt, da er weiß, wie man in kritischen Situationen kurzentschlossen durchgreift. An seiner Seite (bzw. hinter seinen breiten Schultern) stürzt sich Nita Mendel ins Gefecht. Sie ist ein ‚echter‘ Doktor, aber selbstverständlich trotzdem hübsch und gern bereit, sich von Bertolli trösten zu lassen, wenn die Lage gar zu finster ist. (Als es richtig ernst wird, liegt sie todkrank darnieder und muss im Wettlauf mit der Zeit von ihrem Geliebten gerettet werden: Allzu selbstständig durften Frauen 1965 noch nicht sein …)

Damit die beiden umgehend an die Brennpunkte dieser Geschichte gelangen, sitzt am Steuer des (turbinengetriebenen) Ambulanzwagens „Killer Dominguez“, ein mit allen Wassern gewaschenes, aber moralisch reines Getto-Kind, das mit Bleifuß und loser Zunge für bewährtes „Buddy“-Feeling sorgt. Später ersetzt ihn ein knurriger General, der auf Politiker pfeift und persönlich sowie mit der Waffe in der Hand tatendurstig dorthin vorstößt, wo die Ursache der Seuche buchstäblich wartet: an Bord der „Perikles“.

Nun wird aus „Tod vom 5. Planeten“ doch ein ‚echter‘ SF-Roman, denn wie sich inzwischen jede/r Leser/in denken kann, hat man vom Jupiter (der übrigens selbst für einen primär unterhaltsamen Genre-Titel erstaunlich realitätsfern beschrieben wird) ein besonderes ‚Andenken‘ mitgebracht. Die Auflösung des Seuchen-Mysteriums und des ihm folgenden Desasters kann wie üblich mit seiner Entwicklung nur bedingt mithalten, obwohl Harrison mit einigen SF-Klischees bricht und beispielsweise die Frage nach einer korrekten Definition des Begriffs „Invasion“ stellt. Das sorgt insgesamt für keine Sternstunde der Science Fiction, ist aber unterhaltsam und kommt erfreulich rasch und abschweifungsarm zum Thema.

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