Das Marsrätsel

Erschienen: Januar 1957

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Michael Drewniok
Invasion nicht vom, sondern auf dem Mars

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2018

Im Jahre 2120 fasst die Erdregierung den Entschluss, die kostspielige Unterstützung der Marskolonie einzustellen. 3000 Siedler kehren auf die Erde zurück; nicht alle freiwillig, denn der Mars ist längst zu ihrer Heimat geworden - und eine Fundgrube nie gelöster Geheimnisse: Einst lebten einheimische Marsianer hier, deren Zivilisation die der Menschen weit in den Schatten stellt. Sie sind spurlos verschwunden und haben ihre Städte zurückgelassen. Seltsame Maschinen geben Rätsel auf. Kein Mensch vermag sie in Betrieb zu setzen, und es ist unmöglich, sich Einlass in marsianisch verschlossene Räume zu verschaffen.

Bevor die Kolonie aufgelöst wurde, gab es seltsame Zwischenfälle. Unsichtbar bleibende Eindringlinge treiben sich auf der Marsoberfläche herum. John Carson Parr, Leiter der Kolonie, weigert sich den Mars zu verlassen. Mit seinem 16-jährigen Sohn Nelson und vier ebenfalls neugierigen Kolonisten bleibt er zurück, um die Fremden zu stellen. Die kleine Gruppe zieht auf den Marsmond Phobos um, der nur 5000 Kilometer über dem Mars kreist und einen guten Ausguck darstellt. Nach geduldiger Musterung der Oberfläche lassen sich tatsächlich Spuren unbekannter Aktivitäten feststellen. Bevor die Menschen aktiv werden können, wird die Lage brenzlig: Auch die Fremden haben sich Phobos als Stützpunkt ausgewählt, weshalb es nicht lang dauert, bis sie auf ihre ‚Gäste‘ aufmerksam werden!

Marsmond Deimos ist ebenfalls besiedelt. Unverhofft gerät die Gruppe zwischen die Fronten eines uralten Bruderkrieges, der weit außerhalb dieses Sonnensystems begann und bis in die Gegenwart fortgesetzt wird. Welcher Partei soll man sich anschließen? Bevor es zu einer Verständigung kommen kann, taucht die Flotte der gefürchteten „Plünderer“ auf, die nicht nur den Mars, sondern auch die Erde in ihr Visier nehmen …

Lesen heißt lernen

„Das Marsrätsel“ wurde von seinem Verfasser speziell „für die Jugend“ geschrieben. Hierzulande fällt dies - zumal viele Jahrzehnte später - und erst recht in Kenntnis deutscher Trivial-Phantastik schwer zu glauben: Der lesende Michel wurde (sehr) lange mit Science Fiction malträtiert, die unabhängig vom Alter des Zielpublikums sogar noch naiver war als diese von der Zeit in literarische Aus gedrängte Werk. Umso erfreulicher ist die Entdeckung, dass hier nicht Pest durch Cholera ersetzt wurde: „Das Marsrätsel“ ist vielleicht nicht lesenswert, aber lesbar geblieben!

Dies mag am beinahe völligen Verzicht auf DIE Todsünde des Jugendromans liegen: den erhobenen Zeigefinger. Angebliche Großmeister der „juvenilen SF“ - und hier besonders Robert A. Heinlein (1908-1988) - wurden nicht zuletzt deshalb gelobt, weil sie aus Sicht misstrauischer Eltern, Lehrer, Jugendwarte und Tugendbolde sehr deutlich machten, dass sie ihr Publikum belehren wollten. Lesen sollte der Nachwuchs möglichst nur ‚wertvolle‘ Werke, wobei die vermittelten Werte mehrheitlich konservativer Natur waren.

Lehr- und Arbeitsfleiß, Autoritätsglaube (= die feste Überzeugung, dass „die da oben“ schon wissen, was richtig für gute Bürger ist), angeleiteter Idealismus und stets eine saubere Unterhose kennzeichnen (bzw. brandmarken) ‚Helden‘, die stellvertretend für ihre jugendlichen Leser außerirdische Abenteuer erlebten, in die mehr oder weniger aufdringlich naturwissenschaftliches Grundwissen eingestreut wurde, um nebenbei Nachwuchs für Forschung und Industrie zu erwärmen.

Wirrwarr im Weltall

Nicht so wichtig waren ‚psychologische Tiefe‘ oder Gesellschaftskritik. Jugendliche galten ohnehin als zu dumm oder unwillig, um sich auf Geschichten einzulassen, in denen innere Konflikte ausgefochten wurden. Zudem war es gefährlich, an entsprechenden Neigungen zu rühren. Dadurch ausgelöste Gedankenspiele weckten schlimmstenfalls Zweifel an den erwähnten Werten, die bei genauer Prüfung womöglich als Manipulation entlarvt wurden und den Leser ins Lager des liberalen Feindes lockten.

Dies wäre jedenfalls aus heutiger Sicht eine plausible Erklärung für die backsteindumme Eindimensionalität, die Autor Wollheim der Handlung aufprägt. Vieles, das vertieft werden müsste, reißt er nur an und lässt es im Raum stehen; hier ist es vor allem die Konfrontation zwischen Erde und Marskolonie, die offenbar nur existiert, um den Mars räumen zu lassen, damit Wollheim dort seine ‚Geister‘ umgehen lassen kann. (Freilich ist zu bedenken, dass die deutsche Ausgabe von „Secret of the Martian Moons“ gekürzt wurde, was vor allem im Finale allzu deutlich wird.)

Nicht gerade von Logik bestimmt wird sowohl das Verhalten der „Veganer“ als auch der „Marsianer“, die ausgerechnet jetzt heimkehren, um die Verwirrung zu komplettieren. Die Idee, Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, in Raumschiffe zu verwandeln, ist gut, wird aber durch die dümmliche ‚Charakterisierung‘ der Phobos-Veganer entwertet, die als „Feiglinge“, „Schlangen“ und Tückbolde beschrieben werden, die tüchtig in die Ärsche zu treten ein echter „Junge“ wie Nelson Parr quasi verpflichtet ist. Die Marsianer wirken ebenfalls nur bedingt zurechnungsfähig, wenn sie erzählen, wie und wo sie die letzten Jahrtausende verbracht haben. So haben sie es u. a. geschafft, einen Antrieb zu entwickeln, der ihre Raumschiffe mit halber Lichtgeschwindigkeit antreibt, ohne dabei auf das Phänomen der Zeitdilation zu stoßen, was später für eine große Überraschung sorgte.

Nostalgische, rote Welt der Wunder

Wenigstens erspart Wollheim Nelson und seinen Lesern Platt-Vorträge darüber, was einen Mann zum Mann macht. (Frauen kommen übrigens nicht vor. Sie sind sämtlich zur Erde gereist und müssen weder beschützt noch gerettet werden, was den Trash-Faktor ordentlich dämpft.) Stattdessen stellt er die rückgratlosen Veganer bloß und überlässt es dem Publikum, entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Nostalgisch wird es, wenn Wollheim eine Marswelt schildert, die nie existierte. Als „The Secret of the Martian Moons“ erschien, war es gerade noch möglich an einen Mars zu glauben, dessen Oberfläche von Kanälen durchzogen war, die eine einheimische Zivilisation angelegt hatte. Erst nachdem leistungsfähigere Teleskope entwickelt wurden und Sonden den Planeten selbst umkreisten, war der Traum vom uralten und sterbenden, aber noch bewohnten Mars zu Ende. Wollheim ist kein Ray Bradbury („Die Mars-Chroniken“), nicht einmal ein Edgar Rice Burroughs („John Carter vom Mars“), also weder literarisch noch ‚pulpig‘ genug, einen Mars zu schildern, der im Gedächtnis haftet.

Letztlich ist es eine von der Qualität des Inhalts unabhängige Faszination, die von Romanen wie diesem ausgeht. Einst glaubte man wirklich, in gar nicht ferner Zukunft wie selbstverständlich durch das Sonnensystem zu reisen und fremde Welten zu besiedeln. „Das Marsrätsel“ ist interessant als Zeitzeugnis, was auch die mehrfach angemerkte Naivität entschuldigt oder besser: erklärt. Erst hinterher ist bekanntlich jede/r schlauer …

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