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Michael Drewniok
Schwarzmagische Liebe über drei Jahrtausende

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2019

1921 gelingt dem englischen Archäologen Sir Joseph Whemple eine sensationelle Entdeckung: Nahe Karnak, der altägyptischen Tempelstadt, finden er und sein Grabungsteam ein unberührtes Grab. Vor 3000 Jahre wurde hier der Frevel-Priester Imhotep verscharrt, weil er seine verbotene Liebe - die Pharaonin Ankhesenamen - nach deren Fiebertod ins Leben zurückrufen wollte. Imhotep wurde lebendig begraben und ihm die Rolle des Thot, die den verbotenen Zauberspruch enthielt, ins Grab gegeben.

Der Okkultist Dr. Muller, der Sir Joseph beratend zur Seite steht, warnt vor einer Sichtung der Rolle. Zu spät: Neugierig hat Jung-Archäologe Norton die Schrift studiert und dabei laut vorgelesen. Damit weckt er den nicht gänzlich toten Imhotep, der aus seinem Sarg steigt und in die Nacht verschwindet.

Elf Jahre später ist Sir Joseph Whemple wieder in Ägypten. Seinem Sohn Frank, der als Forscher in seine Fußstapfen stieg, ist ebenfalls ein Sensationsfund quasi in den Schoß gefallen: Er ‚entdeckte‘ das Grab von Ankhesenamen - dies freilich nur, weil ihm ein geheimnisvoller ägyptischer Gelehrter, der sich Ardath Bey nennt, die Fundstelle gewiesen hatte.

Whemple und Muller ahnen schnell, mit wem sie es tatsächlich zu tun haben. Imhotep hat seinen Plan keineswegs aufgegeben, sondern modifiziert: Ankhesenamens Seele soll in einen ‚Gastkörper‘ schlüpfen. Dieser gehört der jungen Helen Grosvenor, die zusehends in den Bann von Ardath Bey gerät und ihren freien Willen verliert. Frank, der sich in Helen verliebt hat, versucht sie zu retten, was der wiedererstandene Imhotep erzürnt mit schwarzmagischen Gegenattacken quittiert …

Fluch der Pharaonen + Liebe = Hollywood

Schaut man sich den 1932 gedrehten Spielfilm „Die Mumie“ heute an, wundert man sich sicherlich über den Schrecken, für den dieser Streifen angeblich gesorgt hat. Das Tempo ist gemächlich, der Schrecken dezent, und es wird eher geredet als gehandelt. Nichtsdestotrotz hat „Die Mumie“ eine nachhaltige Wirkung unter Beweis gestellt, obwohl die Geschichte anders als beispielsweise „Frankenstein“ oder „Dracula“ - ebenfalls vom Filmstudio „Universal“ 1930 bzw. 1931 verfilmt - keine literarische Vorlage besitzt, sondern von einem primär professionellen Drehbuch-Trio nach bewährter Hollywood-Art konstruiert wurde: Eine Liebesgeschichte wird in eine spannende Handlung eingebettet, final geht alles gut aus, und auf dem Weg dorthin bleiben historische Realität und Logik auf der Strecke.

Doch „Die Mumie“ fesselt durch eine Stimmung, die jenseits des modernen Splatter-Horrors auf eine Ebene des Schauders führt, die für angenehmes Gruseln sorgt. Das gelang dank eines Regisseurs (Karl Freund), der auch Kameramann war und sehr genau wusste, wie er Licht und Schatten einzusetzen hatte, um bestmögliche Effekte zu erzielen (sowie das geringe Budget zu vertuschen). Hinzu kam in der Titelrolle Boris Karloff (1887-1969). Er hatte sich gerade als Monster im Blockbuster „Frankenstein“ einen Namen als „Karloff the Uncanny“ gemacht. Auch für „Die Mumie“ musste er qualvolle Stunden am Schminktisch verbringen, wo abermals Maskenbildner Jack Pierce absolut analog ein Meisterwerk schuf, dem Karloff intensiv untotes Leben einhauchte.

Für die offenen Arme bzw. Augen des Publikums sorgte schließlich die zeitgenössische Begeisterung für das alte Ägypten. Zwar hatten vor allem die Mumienfunde schon lange das Interesse geweckt. Doch 1922 hatte Howard Carter nicht nur das ungeplünderte, mit bestens erhaltenen Relikten buchstäblich vollgestopfte Grab des jung gestorbenen Pharaos Tutanchamon entdeckt, sondern auch dessen Fluch erweckt, der angeblich die Ausgräber reihenweise dahinraffte. Dies war zwar eine bloße Erfindung der Presse, wurde aber als Schauermär so gut erzählt, dass es bis zur tatsächlichen Wiederkehr der im ewigen Schlaf gestörten Mumie nur ein kleiner Schritt war.

So hat „Die Mumie“ ihre Spuren hinterlassen - nicht nur in der Filmgeschichte, wo die Geschichte von Imhotep und seiner tragischen Liebe immer wieder aufgegriffen wurde (wobei die neuen Versionen immer stärker vom Fortschritt der Tricktechnik geprägt waren). Vor allem „Die Mumie“ bzw. „Die Mumie kehrt zurück“ (1999 bzw. 2001) wurden große Publikumserfolge, während die Version von 2017 trotz (oder wegen) Tom Cruise in der Hauptrolle keine Begeisterung hervorrief.

Aus Begeisterung wird Nostalgie

Der Plot ist simpel, aber er funktioniert offensichtlich zu allen Zeiten. Deshalb wird „Die Mumie“ immer noch gern (wieder-) gesehen, obwohl - oder gerade weil - dieser Film nicht nur stimmungsvoll, sondern auch altmodisch und (nicht nur aufgrund des Themas) verstaubt ist. Das „Universal“-Studio produzierte in den Jahren zwischen 1930 und 1945 eine ganze Serie solcher Horror-Streifen, in denen handwerkliche Kompetenz und Ideenreichtum zusammenfanden und Klassiker schufen. Seit den 1960er Jahren fanden diese ein neues,  junges, filmbegeistertes Publikum, was wiederum die Unterhaltungsindustrie auf den Plan rief: Hier gab es Geld zu verdienen!

In der Verlagsgruppe „Berkeley Books“ erschienen 1977 sechs Romane, in denen die Geschichten von fünf „Universal“-Horrorfilmen (plus des erst 1954 aber ebenfalls von „Universal“ produzierten „Schrecken vom Amazonas“) nacherzählt wurden. „Die Mumie“ erschien unter dem Reihen-Pseudonym „Carl Dreadstone“; wer sich dahinter verbarg, ist bis heute ungeklärt.

Obwohl das Zielpublikum wie üblich gemolken werden sollte, ohne dass ihm mehr das Nötigste geboten wurde, stellen diese sechs Bücher zu uralten Filmen eine erstaunlich unterhaltsame Lektüre dar. Auch der unbekannte Autor der „Mumie“ versucht gar nicht erst, dem Geschehen eine Grusel-Dramatik einzuprügeln, die es nicht besitzt oder besitzen sollte. Es liegt sicher auch daran, dass nicht gar zu viel geschieht. „Die Mumie“ war kein Actionfilm. Zudem war der Tonfilm noch jung, was gewaltige, kaum oder gar nicht bewegliche Aufnahmegeräte erforderlich machte und für Bewegungsstatik sorgte. Nach 73 Minuten war der Spuk vorbei, was dem Autor des Romans zum Film auch im Rahmen eines seitenknapp kalkulierten Taschenbuchs Raum ließ, die schon erwähnte Stimmung zu heraufzubeschwören, was zumindest anfänglich unerwartet gut gelingt.

Eine unheimliche Liebesgeschichte

Wie so oft ist Imhotep bzw. Ardath Bey nicht unbedingt als untote, magiebegabte und mörderische Kreatur interessant. Die wandelnde Mumie besitzt eine ‚menschliche‘ Seite. Imhotep will nicht die Welt beherrschen. Er liebt eine Frau, und dies so sehr, dass ihn weder ihr noch sein Tod aufhalten kann. Das verwandelt ihn trotz seiner Tücken in eine tragische Gestalt, die ein entsprechendes Ende erfährt: Zwar bekommt Imhotep, was er ‚verdient‘ = durch das Brechen uralter Gesetze heraufbeschworen hat, doch man bedauert ihn ein wenig.

Zu Imhoteps Pech ist Ankhesenamen, das Objekt seiner Begierde, ‚Gast‘ im Körper der Angelsächsin Helen Grosvenor, die heutzutage nur noch bedingt als Identifikationsfigur taugt. Das zeitgenössische Frauenbild - zumal im Spiegel Hollywoods - zwang sie in eine Opferrolle. Helen muss beschützt werden, weshalb ihr ständig ein Mann - der Vater, der Arzt, Jung-Held Frank - im Nacken sitzt. Helen hat keine Chance, sich selbst zu wehren. Ein neugieriges Eingehen auf Imhoteps Zauber ist erst recht unmöglich!

Dagegen bemüht sich der Autor herauszuarbeiten, dass die Visionen aus einer durch diverse Wiedergeburten ‚aufgeprägten‘ Vergangenheit durchaus eine faszinierende Seite für Helen haben. Sie ‚darf‘ sich dem aber nicht beugen, denn Imhotep verkörpert auch eine Freiheit jenseits der Schranken, die Sitte und Moral einer ‚guten Frau‘ setzen. Dies dürfte dem zeitgenössischen Publikum sehr wohl bewusst gewesen sein, dem ‚heikle‘ Themen nur angedeutet werden durften. Hier versuchte der anonyme Autor auszugleichen, indem er Imhotep und die wiedergeborene Ankhesenamen ausgiebig über das Wesen der ewigen Liebe diskutieren lässt. Das ist kontraproduktiv und unnötig, weshalb diese Passagen übersprungen werden können und sollten.

Ebenfalls überflüssig sind Rückblenden auf weitere ‚Leben‘ zwischen Ankhesenamen und Helen. Karl Freund hatte sie für seinen Film gedreht, sie aber bis auf eine Szene nicht verwendet, weil er erkannte, dass sie eine Abschweifung darstellten, die der Story schadeten. Diese Erkenntnis besaß der Autor des Romans nicht, weshalb „Die Mumie“ als Buch insgesamt nicht über triviales Mittelmaß hinauskommt.

Fazit:

Sehr spät entstand dieser Roman zum Horrorfilm-Klassiker von 1932 (Titelrolle: Boris Karloff). Recht stimmungsvoll wird primär eine Liebesgeschichte erzählt, deren Horror-Elemente vor allem aus heutiger Sicht dezent wirken, bis der Verfasser den Faden = er sich in unnötigen ‚Ergänzungen‘ der Vorlage verliert.

Die Mumie

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