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Michael Drewniok
Mörderische Intrigen auf ohnehin lebensgefährlichem Mond

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2019

Ende des 22 Jahrhunderts hat die Menschheit die Raumfahrt kontinuierlich entwickelt. Der Mond und der Planet Mars sind besiedelt, auf diversen Monden jenseits der Mars-Umlaufbahn wird nach wertvollen Metallen geschürft. Raketen halten den Kontakt zwischen den großen und kleinen Kolonien aufrecht.

Auf Titan, dem sechsten Mond des Ringplaneten Saturn, wird Ruthenium gefördert, ein seltenes, für die moderne Energiegewinnung unverzichtbares Metall. Die „Sicherheitskommission“ der Erde - man nennt sie auch die „interplanetarischen Friedensstifter“ - hält deshalb ein wachsames Auge auf die Titan-Kolonie, die von hartgesottenen Eigenbrötlern und den Nachfahren ehemaliger Sträflinge bewohnt wird.

Als beunruhigende Nachrichten zur Erde dringen, schickt die Sicherheitskommission den erfahrenen Colonel Robert Benedict zum Titan. Er wird begleitet von seinem Sohn, dem Studenten Tucker ‚Tuck‘ Benedict, der die Gelegenheit nutzt, den persönlichen Traum vom Raumflug in die Wirklichkeit umzusetzen. Da man außerdem versucht hat den Colonel zu ermorden, will er den Vater beschützen.

Auf Titan trifft sich Benedict Senior mit Anson Torm, dem Oberhaupt der Kolonisten. Dessen Stuhl wackelt, denn John Cortell sägt eifrig daran. Er ist ein erklärter Feind der Erdregierung, der er zum angeblichen Wohl der Kolonie den Gehorsam verweigern will. Ein offener Konflikt droht, denn Benedict und Torm können sich über eine wirkungsvolle Gegenstrategie nicht einigen. Deshalb ergreifen ihre Söhne - Tuck und Dan - die Initiative. Sie kommen einem regelrechten Komplott auf die Spur, dessen Drahtzieher nicht nur ein großes Geheimnis, sondern auch Mordpläne hegen …

„Jugend benötigt Anleitung“

„Der sechste Mond“ ist der Debütroman eines Autors, der gerade Mitte 20 war und erst seit kurzem veröffentlichte. Dieses Wissen bietet eine Erklärung für gewisse Figurenschwächen oder Handlungspassagen, die es heute erforderlich machen, bei der Lektüre die Zähne zusammenbeißen lassen. Auf der anderen Seite verdeutlicht diese Tatsache, wieso „Der sechste Mond“ deutlich besser als andere zeitgenössische Science-Fiction-Romane, die sich an ein jugendliches Publikum richteten, geraten ist.

Als Nourse sein Buch schrieb, wurde „Jugend“ üblicherweise mit intellektueller Unreife und Unwissen gleichgesetzt. Wenn Jugendliche - auch in dieser Übersetzung wie in Deutschland einst üblich „Jungen/s“ genannt - ein Abenteuer erlebten, war dies in Wirklichkeit eine verkappte Lehrstunde, in deren Verlauf den Protagonisten vor allem elementare Lebensweisheiten eingetrichtert wurden. Fehler wurden begangen, um Korrekturen = weitere Lektionen auszulösen; dies in der Regel so offensichtlich, dass wohl vor allem das überschaubare Lektüreangebot das Zielpublikum davon abgehalten hat, solche Zeigefinger-Hoch-Schwarten kollektiv dem Altpapier zuzuführen.

„Erwachsene“ waren Vorbilder, deren Vorschriften (oder Befehle) zu befolgen waren, selbst wenn deren Unsinn offensichtlich wurde. Wie bei einem überforderten Roboter ließen daraus resultierende Konflikte bei den gemaßregelten „Jungens‘ Rauch aus den Ohren quellen. Eine Mischung aus blindem Aktionismus und glücklichen Zufällen sorgte dafür, dass trotzdem alles gut ausging. Final gab es zusätzlich lobende Worte ‚von oben‘, während besagte „Jungens“ begriffen hatten, dass sie noch viel lernen und gehorchen mussten. Bewährte Autoritätsstrukturen blieben gewahrt, Ausbrüche aus jenem politischen und gesellschaftlichen Umfeld, das wie selbstverständlich aus der (konservativen) Gegenwart übernommen und in die beschriebene Zukunft exportiert wurde, zum Wohle des Status quo verhindert.

„Jugend sorgt für Bewegung“

1954 war Alan E. Nourse wie gesagt selbst noch jung. Zwar rüttelte er in seinem Roman an keiner Stelle an den beschriebenen Grundfesten, doch er zelebrierte sie auch nicht. Trotz ihrer einsilbigen Vornamen sind Tuck und Dan keine naiven, leicht zu begeisternden, in jede Tücke stolpernden „Jungens“, sondern junge Männer, die ihre Hirne einsetzen, um eigene Wege zu gehen. Was sie sich einfallen lassen, funktioniert - auch dies wirkt plausibel - weder auf Anhieb noch ohne Zwischenfälle, stellt aber eine echte Alternative zum Denken und Handeln der Älteren dar. Dieses Mal ist sie es, der eine Lektion erteilt wird. Nourse lässt keinen Zweifel daran, dass Benedict und Torm Senior dies klar ist. Sie werden sich zukünftig an dem orientieren, was die Söhne angestoßen haben.

Diese ‚parallele‘ Entwicklung der Generationen ist dem Verfasser augenscheinlich wichtig. In einem auch der deutschen Übersetzung dankenswerterweise vorangestellten Vorwort („I've Never Been There“) stellt Nourse außerdem fest, dass ihm die möglichst ‚korrekte‘ Beschreibung des Mondes Titan sehr am Herzen lag. Die Anführungsstriche machen deutlich, dass dieser Anspruch viele Jahrzehnte später keine Rolle mehr spielt. Man kann dem Verfasser keinen Vorwurf daraus machen, dass er mit vergleichsweise dürftigen Fakten eine außerirdische Welt zum Leben erwecken musste. (Dies übrigens buchstäblich, denn Nourse besiedelte den Titan mit den Methan atmenden, Steine fressenden „Clordelkus“, die jedoch für das Geschehen ohne Bedeutung sind.)

Ebenfalls dem Vorwort entnehmen lässt sich Nourses Wissen um die relative Beliebigkeit seines Plots. Dieser sollte primär als Treibriemen dienen und abenteuerlich die Botschaft/en transportieren. Die Geschichte vom Aufstand im Weltall war bereits damals bewährt, und sie wurde seither noch oft aufgegriffen. Sie funktioniert, wenn man innerhalb dieses Rahmens für unterhaltsame Abweichungen sorgt. Zudem gelingt Nourse - wenn auch ein wenig ungelenk - eine unerwartete Volte, die dem Finale eine besondere Wende gibt.

Wenn es eine echte Negativkritik gibt, so richtet sich diese gegen die Charakterisierung der Titan-Kolonisten. Vor allem John Cortell und seine Schurkentruppe wirken wie dem klassischen Kasperle-Theater entliehen. Ihr Zorn ist nie nachvollziehbar, sondern nur eine infantile Mischung aus Dummheit, blinder Wut und Mordlust, die ‚Intrige‘ so durchsichtig gestrickt, dass selbst ein Clordelkus ihr auf die Schliche kommen könnte. Dazu passt, dass Nourse die Mehrheit der Siedler als Hohlköpfe schildert, die jedem nachlaufen, der laut genug brüllt. Dies kennzeichnet dieses Buch endgültig als weiterhin lesbares, aber nicht unbedingt lesenswertes SF-Garn, das vor allem den Genre-Nostalgiker anspricht.

Fazit:

Science-Fiction-Abenteuerroman, der (damals) aktuelles astronomisches Wissen mit einer ‚lehrreichen‘ Handlung verknüpfte, wobei Autor Nourse nicht so plump vorging wie andere SF-Kollegen: kein Klassiker, höchstens nostalgisch angestaubte Unterhaltung.

Der sechste Mond

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