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Michael Drewniok
Zwischen bösartigen Rassisten und bösen Dämonen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 1970

1954 leben in den US-amerikanischen Südstaaten viele schwarze ‚Bürger‘, doch eine Heimat ist ihnen dieses ‚Vaterland‘ nicht geworden. Ihre Vorfahren hatte man als Sklaven in die USA verschleppt. Auch nach der Befreiung wurden die Schwarzen keineswegs frei. Ihre weißen ‚Mitbürger‘ waren mehrheitlich bemüht, sie als Konkurrenten im Kampf um den allmächtigen Dollar weiterhin nieder- sowie jeder politischen Macht fernzuhalten. Weiterhin präsent blieben Vorurteile, die den „Neger“ als ‚minderwertig‘ abstempelten.

Die Rassisten konnten ihre Vorurteile gesetzlich zementieren. Als unsere Geschichte einsetzt, herrscht in den Südstaaten strikte Rassentrennung. Wer mit der ‚falschen‘ Hautfarbe aus der Reihe tanzt, gerät buchstäblich in Lebensgefahr. Männer wie George Berry wollen helfen. Er gibt den „Safe Negro Travel Guide“ heraus, einen Reiseführer der besonderen Art: Schwarze Reisende werden vor Orten gewarnt, denen sie besser fernbleiben sollten, und leitet sie dorthin, wo sie willkommen oder wenigstens sicher sind.

Atticus Turner, Georges Neffe, stößt zum Team derer, die für den „Travel Guide“ vor Ort recherchieren, um ihn auf dem aktuellen Stand zu halten. Atticus‘ Vater ist unter mysteriösen Umständen verschwunden. Der Sohn will seine Fahrten nutzen, um nach Montrose Turner zu suchen. Dabei erfährt Atticus von einem Geheimnis: Die Realität ist deutlich komplexer als allgemein bekannt. Allgewaltige Entitäten führen seit Äonen kosmische Kriege. Die Erde ist nur einer der Schauplätze. Einige Menschen haben sich in den Dienst der Kreaturen gestellt, die sie dafür mit Macht, Reichtum und Lebenskraft entlohnen. Zu denen, die es im Dienst der ‚Götter‘ weit gebracht haben, gehört die Familie Braithwhite. Atticus wird zur Schachfigur in einem Kampf zwischen Vater Samuel und Sohn Caleb, der die Vorherrschaft an sich reißen will. Dabei lernt Atticus die magischen Kräfte und gruseligen Schergen der Braithwhites gut kennen …

Das Böse: banal und übernatürlich

„Wer Philip K. Dick, Pynchon, Comics und Matrix-Filme mag, liegt hier richtig“, meint die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Geht man von dieser Lobpreisung und einer Flut ähnlich enthusiastischer Kritiken aus, hat Matt Ruff mit „Lovecraft Country“ jenen Nerv getroffen, der die Gralshüter der ‚richtigen‘ Literatur ausnahmsweise dorthin blicken lässt, wo nach ihrer Meinung die Untiefen der trivialen Unterhaltung liegen. Ruff gilt als Schriftsteller, der im Rahmen spannend geschriebener Werke politisch und gesellschaftlich relevante Themen aufgreift. Dass er sich dabei gern populärkultureller Elemente bedient, wird ihm nicht übelgenommen, sondern gilt als besondere Herausforderung, die erfolgreich gemeistert ein zusätzliches Qualitätsmerkmal darstellt.

Die Handlung spielt auf zwei Ebenen. Zum einen beschreibt Ruff die Realität einer hässlichen Vergangenheit, die - der Leser weiß es oder sollte es wissen - keineswegs überwunden ist, sondern auch die Gegenwart heimsucht. Der US-Rassismus wird von Ruff außerordentlich intensiv dargestellt. Die Tatsache, dass einst ein „Reiseführer für Neger“ existierte, der in hohen Auflagen gedruckt wurde, ist ein bizarrer Ausgangspunkt, der eine interessante Geschichte garantiert.

Doch Ruff will mehr: Hinter den Kulissen ziehen die weißen Rassisten an Strippen, die „den Neger“ auch weiterhin als Bürger zweiter Klasse fesseln sollen. Um auch sonst heimlich, aber wunschgemäß die Geschicke der USA zu lenken, hat sich diese selbst ernannte Elite mit außerirdischen Mächten zusammengetan, die ihre Verbündeten im Tausch gegen gewisse, ausnahmslos finstere Dienste mit buchstäblich übernatürlichen Kräften ausstatten.

Künstlerische Übersteigerung statt verdoppelter Wirkung

Für „Lovecraft Country“ greift Ruff auf den „Cthulhu“-Mythos zurück, den Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) in dem Jahrzehnt vor seinem frühen Tod schuf. Das Konzept einer ‚kosmischen‘ Historie, in der die Erde eine Nebenrolle spielt, verknüpft Horror und Science Fiction. Lovecraft gelang es, die Fremdartigkeit von Wesenheiten darzustellen, die in der Menschheit höchstens Sklaven sehen und an einer klassischen Eroberung der Erde gänzlich uninteressiert sind.

Dass Ruff seine Schauergeschichte „Lovecraft Country“ nennt, zielt nicht nur auf die Präsenz der ‚Götter‘, sondern konserviert auch jene Kritik, nach der Lovecraft selbst ein unverbesserlicher Rassist war, der seine Furcht vor „minderwertigen Rassen“ auf außerirdisches Gezücht projizierte. Dabei scheint Ruff nicht zu wissen oder abzulehnen, dass dieses Lovecraft-Bild schon 1975 von L. Sprague de Camp im Rahmen seiner opulenten Lovecraft-Biografie relativiert wurde; möglicherweise ignoriert Ruff es auch, um die Moral dieser Geschichte zu unterstreichen.

Unrecht plus Grauen: Es funktioniert nicht

Bloß: Wie lautet diese? Rassismus ist nicht nur überhaupt, sondern auch teuflisch schlecht? Geht es letztlich um eine Binsenweisheit? Die beiden Handlungsebenen finden jedenfalls nie zueinander. Würde die Geschichte sich auf den „Safe Negro Travel Guide“ konzentrieren, wäre sie eindrucksvoll genug, weil Ruff den bitteren Alltag schwarzhäutiger Menschen, die eine Reise durch ihr Heimatland wie die Expedition in ein Kriegsgebiet planen müssen, in prägnante Worte fasst. Dagegen stellen Lovecrafts Kreaturen, der übernatürliche Faktor überhaupt, keine Bereicherung dar, sondern bleiben Beiwerk - ein Beiwerk, das unfreiwillig beweist, dass Ruff den Cthulhu-Mythos eher als Kulisse missbraucht. Die entsprechenden Passagen sind schön geschrieben, aber nicht unheimlich.

Das Ergebnis ist weder Fisch noch Fleisch - und manchmal Kitsch: In einer der Episoden, aus denen sich dieser ‚Roman‘ formt, erhält die schwarze Letitia Dandridge einen Zaubersaft, der sie für einige Zeit weiß färbt. Nach den damit verbundenen Vorteilen wird Letitia süchtig. Sie ‚verrät‘ ihre Wurzeln, bis sie schließlich reumütig ihre Hautfarbe und ihr ‚Schicksal‘ - die Fortsetzung des Kampfes gegen die Unterdrückung - akzeptiert. Das ist auch deshalb platt, weil es die bloße Umkehrung eines Klischees darstellt, das Kino und Fernsehen oft genutzt haben: Der böse, weiße Rassist wird in einen „Neger“ (oder Chinesen, Juden oder das Mitglied einer andere ‚Minderheit‘) verwandelt und muss am eigenen Leibe verspüren, was er bisher anderen angetan hat. Sicherlich ungewollt schließt sich somit der Kreis, „Lovecraft Country“ wurde 2019 als HBO-Serie verfilmt.

Fazit:

Ruff wirft einen eindringlichen Blick zurück in die US-amerikanische „Jim-Crow“-Ära, als die schwarze Bevölkerung unterdrückt und gedemütigt wurde. Nicht wirklich gelungen ist die Verknüpfung mit H. P. Lovecrafts „Cthulhu“-Mythos; das Grauen bleibt künstlerisch (oder künstlich) und bloße Spielerei. Das Ergebnis enttäuscht, gerade weil die Geschichte dicht und gut geschrieben ist.

Lovecraft Country

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Letzte Kommentare:
10.03.2019 10:31:06
K.-G. Beck-Ewerhardy

Ein Cover wie eine EC-Comic-Ausgabe von vor langer Zeit, mit einem geisterhaften Haus auf dem Rücken – oder dem Kopf – eines dunklen, mit Tentakeln bewehrtem Wesens. Dazu der Titel „Love-craft Country“, was zusammenmit den Tentakeln an H.P. Lovecraft und seine Dunklen Herrscher, die Uralten, denken lässt. Rechts ein gelber Stempel mit der Aufschrift „American’s Demons exposed.“ Die Marschrichtung des Inhalts dieses Buchs erscheint jedem Horrorfan sofort klar zu sein.

Wir schreiben das Jahr 1954 und die letzten GIs kommen aus den Kriegsschauplätzen in der ganzen Welt zurück. Der Zweite Weltkrieg und der Koreakrieg haben viele Leben gekostet und viele Afro-Amerikaner haben dabei in Uniform geholfen, gegen rassistische, menschenverachtende Regime in der ganzen Welt zu kämpfen – besonders in Deutschland und Italien. Erfahrungen, die sich ja nun eigentlich in den Frieden übertragen lassen müssten.

Atticus Turner ist ein Veteran, der nun wieder zurück im Lande ist und der feststellen muss, dass seine Hautfarbe immer noch ein Grund für viele Menschen in den Südstaaten ist, ihn abwertend oder nachgerade feindselig zu behandeln. Auf dem Weg zu Verwandten in Chicago wird er auf der Landstraße auch folgerichtig von einem Polizisten angehalten für DWB („driving while being black“) und kommt mit einiger Verspätung und etwas derangiertem Gepäck an seinem Ziel an, wohin ihn sein Vater gerufen hat. Diesen findet er allerdings vor Ort nicht vor und nach einigen Recherchen erfaährt er, dass Montrose Turner mit einem unbekannten Weißen in einem sehr edlen Auto zuletzt gesehen worden ist. Später, in den Unterlagen seines Vaters, findet er einen Hinweis auf einen Ort namens Ardham – was er zunächst als Arkham liest -, einer seltsamen, sehr isoliert liegenden Siedlung mitten im Jim-Crow-Gebiet. Zusammen mit seinem Onkel George und seiner Nichte Laetitia macht er sich zu einer Zwischenstation auf, an der die Nichte zurückbleiben soll – und auf diesem Weg machen die drei Farbigen sehr viele überaus unangenehme, aber für die damalige Zeit wohl übliche Erfahrungen mit ihren weißen Mitbürgern.

In der Gegend Ardham stoßen die drei zunächst auf sehr rassistische Polizisten und dann auf ein Monster im Wald, bis sie schließlich zu einem seltsamen Ort (Ardham selbst) und schließlich zu einem noch seltsameren Herrenhaus kommen, wo sie überaus freundlich empfangen werden. Doch bald erfahren sie, dass sie sich in den Fängen der Adamiten, einer besonderen Sekte, befinden, die speziell Atticus, der mit einem der Sektengründer blutsverwandt sein soll, für ein ganz besonderes Ritual benötigt.

Dies ist nur das erste Abenteuer, das die Turnerfamilie und ihre Bekannten mit den Adamiten und ihren Gegnern erleben. Danach geht es noch – im Episodenstil – um ein Spukhaus, ein magisches Buch in einem Versteck voller Fallen, ein sehr seltsames Observatorium, einen unglaublichen Fluch und eine Art Reise in die Vergangenheit, wobei ihnen allerlei gruslige Monster über den Weg laufen und mächtige Zauberer, die um die Vormachtstellung innerhalb ihrer Kreise suchen.

Doch eigentlich – eigentlich geht es doch um etwas ganz anderes. George Turner ist der Herausgeber des Safe Negro Travel Guides, der sein reales Vorbild in Victor H. Greens Negro Motorist Green Book hat und afro-amerikanischen Reisenden in den USA zeigte, wo sie essen, schlafen, tanken und aufs Klo gehen konnten, ohne gelyncht zu werden. Etwas, was elf Jahre vor Selma wirklich notwendig gewesen ist, wie auch die Erlebnisse der Heldinnen und Helden dieser Geschichten und Geschichten, die sie hören, immer wieder zeigen. So gruselig und beängstigend die Dinge auch sein mögen, die den Turners im Kampf gegen die Adamiten begegnen – und die die weißen Charaktere in den einschlägigen Comics stets vor Schreck erstarren lassen -, so verblasst es doch regelmäßig vor den Schrecken, die ihnen ihre „normalen“ Mitmenschen angedeihen lassen. Und dies leider nicht nur 1954.

Wieder einmal hat Matt Ruff ein sehr komplexes und weitreichendes Thema mit sicherer Hand satirisch aufs Korn genommen und so ziemlich jeder seiner verbalen Schüsse trifft ins Ziel. „America’s Demons Exposed“ – tatsächlich.