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Michael Drewniok
Schlafende Frauen sollte man nicht wecken

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2019

Zunächst geschieht es in beruhigender Ferne: In Australien fallen Frauen in einen tiefen Schlaf. Dabei beginnt sich ihre Haut mit einem haarigen Gespinst zu bedecken, das schließlich den gesamten Körper umschließt. Um sie zu wecken, werden die Betroffenen von dem Flaum befreit. Die Folgen sind spektakulär: Zwar kommen die Frauen zu sich, doch sie verwandeln sich in Mordmaschinen, die ihre männlichen Helfer oder einfach nur anwesende Männer attackieren; Frauen bleiben ungeschoren. Nach getanem Gemetzel schlafen die Frauen wieder ein.

Die „Aurora“-Seuche springt schnell auf den Rest der Welt über. Auch in den USA fallen ihr immer mehr Frauen zum Opfer. Auf die Folgen ist man nicht vorbereitet. Niemand weiß, was zu tun ist. Die Bürger fühlen sich von der Regierung und ihren Behörden alleingelassen und greifen zur ‚Selbsthilfe‘, die erst noch mehr Schaden verursacht und später in eine mörderische ‚Säuberung‘ auszuarten droht.

Auch in Dooling, einer Kleinstadt im neuenglischen Osten der USA, bricht „Aurora“ über die Menschen herein. Als Mütter, Töchter und Ehefrauen ins Koma fallen, bricht der US-Tatmensch aus bisher gesetzestreuen Bürgern männlichen Geschlechts hervor: Es wird geplündert, man verbarrikadiert sich oder schießt kaliberstark auf ehemalige Nachbarn, die schlagartig zu Feinden erklärt werden.

Dooling unterscheidet sich von den übrigen „Aurora“-Hotspots durch die Anwesenheit der mysteriösen Evie, die offensichtlich keine Menschenfrau ist. Evie kann ihren Geist wandern lassen, mit Tieren ‚reden‘ und Gedanken lesen. In einem Waldstück nahe der Stadt erhebt sich plötzlich eine Art „Mutterbaum“, um den herum die Natur buchstäblich zu leben beginnt. Wer ist Evie, was will sie, ist es möglich „Aurora“ zu stoppen - oder findet gerade ein Evolutionssprung statt, der die geplagte Erde binnen weniger Jahrzehnte menschenleer räumen wird …?

Hehres Thema wird routiniert umgesetzt

Stephen King mag in die Jahre kommen, doch müssen die Leser jener Phantastik, die er mit ins Leben gerufen hat und immer noch im Schlaf beherrscht, sich keine Sorgen machen: Nachschub ist gesichert. Nachdem Sohn Joe als „Joe Hill“ schriftstellerisch bereits mehrfach erfolgreich in den Fußstapfen des Vaters wandelte, wird nun auch Bruder Owen aktiv. Noch stützt er sich auf die Schreibhand des Seniors, was zusätzlich garantiert, dass die Fans nicht durch Experimente abgeschreckt werden: Wo „King“ auf dem Titel steht, wird in der Tat „King“ geliefert.

Dies sorgt in diesem Fall für ein Garn, das - kurz zusammengefasst - inhaltlich unterhaltsam, aber nie innovativ sowie formal konventionell ist. Die dürftige Story wird überaus routiniert über beinahe 1000 Seiten gestreckt - ein Umfang, der ihr dennoch nicht bekommt. Sie quillt über von überflüssigen Exkursen sowie unnötig eingeführten und folgenlos verschwindenden Figuren. Diese werden in belanglose Konflikte und Krisen verwickelt, was allzu deutlich dem Zweck dient, ein Geschehen zu verzögern, das ohnehin im Schneckentempo einem zwar blei-, aber wenig ideenhaltigen Finale entgegenstrebt.

Immerhin: Es strebt, statt sich nur zu schleppen. Hier macht sich die seit vielen Jahrzehnten eingeschliffene, auch ohne Einfalls-Input perfekt funktionierende Schreibe von King Senior bemerkbar. Anfang des 21. Jahrhunderts war er nach eigener Auskunft fast ständig betrunken und/oder von Drogen benebelt, was seinen in dieser Phase entstandenen Werken kaum anzumerken ist. Stephen King KANN schreiben; dass ein Plot Handwerk auf diesem Niveau nicht verdient, ist weniger wichtig.

Mystik mit #MeToo-Booster

„Sleeping Beauties“ ist die ideale Vorlage für eine dieser Mystery-Serien, die Netflix & Co. derzeit mit großem Erfolg produzieren. Statt sich auf die Handlung zu konzentrieren und diese voranzutreiben, geht das Geschehen in die Breite. Die beiden Kings liefern Stoff für viele aktionsreiche Leerlauffolgen. Man könnte problemlos die Hälfte dieses Romans streichen, ohne seinen Kerninhalt anzutasten.

Heißt man Stephen King, steht Streichen nicht zur Debatte. Zusätzlich wird „Sleeping Beauties“ eine subtextuelle Bedeutung unterstellt, die den Roman aus den seichten Gewässern der Unterhaltung in das tiefe Fahrwasser ‚echter‘ Literatur lotsen soll. Nach Ansicht nicht weniger Kritiker verschlüsseln die Kings den offenbar seit Adam und Eva tobenden Krieg der Geschlechter als moderne Fantasy. „Sleeping Beauties“ wird in dieser Sicht zur Bestandsaufnahme des aktuellen Verhältnisses zwischen Männern und Frauen. Um gerecht zu bleiben, sollte man erwähnten, dass die Kings selbst sich zurückhalten. Nur manchmal wird über das Thema ‚diskutiert‘; in Anführungsstrichen steht dieses Verb, weil dann Phrasen ausgetauscht werden. Kein Wunder, dass die Autoren sich vor einer finalen Entscheidung drücken, indem sie versöhnlich werden: Es gibt weder ein #MeToopia noch eine Untergangsgesellschaft hilflos zerstrittener Kerle, sondern es läuft darauf hinaus, dass Männer und Frauen nicht unbedingt miteinander, aber auf keinen Fall ohneeinander existieren wollen oder können.

Bis beide Geschlechter diese kaum erderschütternde Erkenntnis verinnerlicht haben, bleibt weder lange ungeklärt, wohin die Frauen verschwinden, noch kann die Lüftung diesem Geheimnis Substanz einhauchen. King fürchtet sich nicht vor trivialen Bildern, die er der Populärkultur entlehnt. Das funktioniert auch in diesem Fall, weil er - es muss wiederholt werden - sein Handwerk beherrscht. Allerdings kommen er und Junior gerade so eben über die Sprunglatte; sie wird nicht gerissen, doch sie wackelt, zumal einige Handlungselemente den Tatbestand des esoterischen Kitsches erfüllen.

Munkel statt Durchsicht

Ebenfalls ein Manko moderner (Serien-) Unterhaltung ist das Schwelgen in Andeutungen. Immer neue Mysterien werden angerissen, ohne dass eine Aufklärung folgt. Es gibt nicht für alles Erklärungen, antworten die Befürworter dieser Praxis auf entsprechende Kritik - so ist das Leben! Das ist recht unverschämt, weil nichts ein Garn wie „Sleeping Beauties“ mit der Realität verbindet. Hier soll eine Geschichte erzählt werden: Dass zufriedenstellend (und spannend) geklärt wird, was dem Hörer, Leser oder Zuschauer schleierhaft war, ist weiterhin ein Wertungsmerkmal für eine gute Geschichte.

Gerade die Hauptfigur verdeutlicht das Dilemma: Evie weiß alles und kann alles, wendet ihre Tricks jedoch meist publikumswirksam an. Sie müsste keine Ratten nach ihrer Pfeife tanzen oder Lumpenschädel platzen lassen, um ihre Mission zu erfüllen. Dies geschieht nur, weil es für eindrucksvolle Effektszenen sorgt. Evie redet in Rätseln, die tatsächlich pseudomystische Worthülsen sind. Als Charakter bleibt sie eine Leerstelle; auch hier sollen die Leser einsetzen, wer oder was Evie eigentlich ist: auch dies ein Problem, das die Generation Netflix kennt.

Apropos: Noch bevor „Sleeping Beauties“ in den USA als Buch erschien, waren die TV-Rechte bereits verkauft. Eine Produktionsfirma mit dem hippen Namen „Anonymous Content“ hat sie erworben und bastelt an der Umsetzung. Sollte die Serie erfolgreich laufen, haben Vater und Sohn King per Epilog bereits für eine Verlängerung vorgesorgt: Etwas hat überlebt und kann bei Bedarf zur Wiederkehr überredet werden.

Fazit:

Globusweit schlafen sämtliche Frauen ein, denn eine überirdische Macht hat beschlossen, die Menschheit zu einer Entscheidung zu zwingen: Will sie maskulin bestimmt = gewaltbereit weiterexistieren, oder wollen die Frauen in einer anderen Dimension (zunächst) männerrein den Neustart versuchen? Was nach einem durch aktuelle Diskussionen ausgelösten Planspiel klingt, ist eine Mischung aus Mystery und Fantasy und wird von einem Meister der modernen Phantastik, der seinen Sohn als Schriftstellergesellen vorstellt, (manchmal allzu) routiniert dargeboten: trotz erheblicher Redundanzen unterhaltsames Lesefutter.

Sleeping Beauties

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Letzte Kommentare:
28.03.2019 18:59:30
K.-G. Beck-Ewerhardy

Nach einigen Kooperationen mit seinem Sohn Joe Hill King, bei denen der Nachname des Sohns genau weggefallen ist, wie bei dessen Eigenprodukten, hat sich Stephen King für diesen Roman mit seinem ebenfalls seit einiger Zeit als Autor tätigen Sohn Owen zusammen getan um ein Buch zu schreiben, dass zunächst wie eines der üblichen Weltuntergangsszenarios aussieht, wie man sie etwa auch aus „The Stand“ kennt.

Eine Krankheit breitet sich in Australien und einigen anderen weit entfernt liegenden Orten der Welt aus, die anscheinend nur Frauen befällt. Nach dem Einschlafen wachen diese Frauen nicht wieder auf und um ihre Gesichter – und schließlich um ihre ganzen Körper – bildet sich ein weicher Kokon. Diesen zu entfernen erweist sich als höchst ungesund für den Entferner, denn die so „Befreiten“ erwachen in einer mörderischen Wut und schlafen nach dem jeweiligen Mord sofort wieder ein und ein neuer Kokon formt sich.

Aber wie gesagt, das alles geschieht in weit entfernten Orten. In den Lokalmedien in Dooling, West Virginia ist dies höchstens eine Randnotiz, denn wie in vielen amerikanischen Orten werden lokale Probleme wesentlich wichtiger genommen als nationale. Und internationale Krisen scheinen gar nicht zu existieren – oder bekommen den emotionalen Status von „Oma beißt Hund“. Lila Norcross, Sheriff von Dooling, denkt in erster Linie über die Untreue ihres Mannes nach, nachdem sie ein Basketballspiel gesehen hat, bei der ein Mädchen mit dem seltenen Nachnamen ihres Mannes geglänzt hat. Dieser wiederum kümmert sich aufopferungsvoll als Psychiater um seine Patientinnen in der örtlichen Strafvollzugsanstalt für Frauen – und macht sich Gedanken darüber, wie man einen übergriffigen Wächter loswerden könnte. Er ahnt nichts vom Verdacht seiner Frau.

Da kommen die beiden überraschend dienstlich zusammen, als Lila eine nur mit einem Herrenhemd bekleidete Frau verhaftet, die kurz zuvor wohl zwei Crystal-Meth-Produzenten massakriert und dann deren Wohnwagen-cum-Labor in Brand gesteckt hat. Diese Frau, die schließlich bereit ist, mit dem Namen Evie Black angeredet zu werden, scheint nicht sonderlich besorgt zu sein, in Haft zu sein und scheint sich geradezu darauf zu freuen in eine gepolsterte Zelle in der Stafvollzugsanstalt zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Frauenschlafkrankheit namens „Aurora“ in Washington DC angekommen, was aber für die meisten Menschen in „Small-Town USA“ auch so etwas wie feindliches Ausland darstellt und darum nicht weiter beachtet wird.

Als die Krankheit aber schließlich auch Dooling erreicht reagieren die Menschen sehr schnell – und in der Regel sehr unbedacht. Angefeuert durch eigene Vorurteile und durch Misinformation aus den sozialen Netzwerken, beschließen einige Menschen, die eingesponnenen Frauen zu verbrennen, da diese angeblich durch ihre Ausatemluft die noch gesunden Frauen anstecken und zeitgleich versuchen alle noch wachen Frauen mit allen legalen und illegalen Mitteln den Schlaf auf Distanz zu halten. Doch das geht nur für eine bestimmte Zeit. Und die Männer merken, wie kompliziert eine Welt ohne Frauen werden kann. Und dann kommt das Gerücht auf, dass die neue Insassin der Strafvollzugsanstalt ganz normal schläft – und auch regelmäßig wieder aufwacht. Eine Konfrontation bahnt sich an, die über das gesamte weitere Schicksal der Menschen entscheiden könnte.

Dooling steht hier stellvertretend für die gesamte Welt und der Kampf der Geschlechter steht hier absolut im Mittelpunkt. Es geht um die großen und kleinen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, um die psychologische, mentale und körperliche Gewalt, die Frauen tagtäglich erleben müssen – und die schon vor der letzten Präsidentschaftswahl in den USA zu einer massiven Gegenbewegung zum Feminismus geführt hat, die wohl auch mit dafür verantwortlich gewesen ist, dass man nach einem Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln keine Frau zur Präsidentin machen wollte. Eine Tendenz, die sich im Übrigen in vielen englischsprachigen – aber auch anderen – Ländern zeigt. Im zweiten Teil dieses Buchs finden wir die eingesponnenen Frauen in einer Welt ohne Männer wieder, was den Kontrast zwischen Männern und Frauen noch einmal verdeutlicht. Hier kommt – zusammen mit Evie Black – nun ein phantastisches Element in die Geschichte hinein, die im Endeffekt noch genauso viele Fragen offen lässt, wie etwa „Under the Dome“ (das Buch, nicht die Fernsehserie).

Wie immer haben die beiden Autoren ausgiebig recherchiert und neben dem genannten Hauptthema geht es auch um Fragen des Strafvollzugs, der institutionalisierten Betreuung von Kindern und Jugendlichen ohne elterliche Betreuung, um die informationelle Isolation vieler Amerikanerinnen und Amerikaner, die in der Regel nicht über ihr County hinaus denken und weder von nationalen noch von internationalen Problemen eine Ahnung haben – und auf dieser Grundlage auch ihre Wahlentscheidungen auf nationaler Ebene treffen.

Eines der politischsten Bücher Kings, der ja bereits im Vorfeld der letzten Wahl in den USA einige der Trump-Anhängerinnen interviewt hat und diese Interviews unter anderem im GUARDIAN veröffentlichte. Aber auch eine komplexe, personalreiche Erzählung voller Gedanken zum Menschen an sich und wie er vielleicht besser sein könnte, als er tatsächlich ist.