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Michael Drewniok
Gegen Dummheit kämpfen selbst Mutanten vergeblich

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2019

Eine unsichtbare Barriere verhindert die bemannte Weltraumfahrt. In Fishhook, einem in Mexiko gegründeten „think pool“ für wissenschaftliche Freidenker, fand man eine Alternative: die „paranormale Kinetik“, die es ermöglicht, zumindest den Geist eines Menschen ins All reisen zu lassen. Dazu benötigt man Mutanten wie den telepathisch begabten Shepherd Blaine, der seit Jahren für Fishhook durch das Universum reist und seine Erfahrungen aufzeichnet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse haben Fishhook zum Motor der technischen Entwicklung gemacht, denn die Mutanten treffen oft fremde, fortschrittliche und auskunftsfreundliche Intelligenzen.

Doch Fishhook ist zum Forschungsmonopolisten degeneriert. Eifersüchtig werden die Reisenden überwacht, damit niemand sonst von ihrem Wissen profitieren kann. Fünf Fishhook-Mutanten sind in den letzten drei Jahren spurlos verschwunden, und eines Tages schlägt auch für Blaine die Stunde: Auf einem fremden Planeten hat ein Wesen „den Geist mit ihm getauscht“: Nun teilt Blaine sein Hirn mit dem allerdings friedlichen und ungemein klugen ‚Gast‘.

Auf der Flucht vor den Fishhook-Schergen wird Blaine erstmals bewusst, dass eine tiefe Kluft die Mutanten von den ‚normalen‘ Menschen trennt. Diese fürchten die „Paras“ und halten sie für Hexenmeister und Dämonen. Auf der ganzen Welt verfolgt man die Mutanten und drängt sie in Gettos ab. Auch Blaine kann mehrfach nur knapp sein Leben retten, weil ihn sein ‚Gast‘ in die Lage versetzt, Zeitsprünge zu unternehmen.

Blaine wird Teil einer Untergrundbewegung von Mutanten, die sich nicht länger jagen lassen wollen. Doch nicht nur Fishhook-Agenten, sondern auch viel gefährlichere Gegner haben die Gruppe unterwandert. Der Tag für den globalen und endgültigen Schlag gegen die Mutanten steht längst fest, und der Feind sorgt notfalls mörderisch dafür, dass dieser Plan reibungslos anläuft …

Angst ist der Schlüssel

Unterhaltung mit Botschaft ist eine heikle Mischung. Wie Wasser und Säure sollte man sie generell getrennt halten, denn ungeschickt miteinander kombiniert torpedieren sie beide Anliegen: Der Leser ist nicht amüsiert, und er lernt nichts. Stattdessen ist er sauer. Vor allem hasst er den Zeigefinger, der sich in seiner Jugend allzu oft vor ihm erhob. So etwas prägt, und man wünscht seine Feierabend-Lektüre frei davon.

Mit „Die unsichtbare Barriere“ griff sich Clifford D. Simak 1961 ein besonders heißes Eisen. Zwar geht es durchaus lebensgefährlich zu, doch der Kampf der unterdrückten Mutanten wird nicht mit Waffengewalt ausgetragen. Wieder einmal setzt Simak nicht auf die Methoden der „harten“ Science Fiction. Beinahe mutwillig zeichnet er die zukünftigen USA fern der großen Städte auf dem Stand der 1950er Jahre. Man fährt atombetriebene Düsenfahrzeuge statt Autos und schaut nicht mehr fern, sondern in den „Dimensino“, aber gesellschaftlich hat sich nichts geändert.

Simak ist stärker an der Ursachenforschung interessiert, die schließlich in einer friedlichen Lösung gipfelt. Zudem ist „Die unsichtbare Barriere“ auch und manchmal allzu deutlich Allegorie. Simak hatte seine Lehren aus den Gräueln der Menschheitsgeschichte gezogen. Besonders der systematische Vernichtungskrieg der Nazis beschäftigte ihn als Zeitgenossen. Da er sich als Schriftsteller für das Genre Science Fiction entschieden hatte, projizierte Simak seine Darstellung der gewaltsamen Ausgrenzung einer Minderheit in eine nicht allzu ferne Zukunft. Zudem verlagerte er die Geschichte in die USA. Dies war ein Statement: Das geschilderte Unrecht spielte in keinem Ausland oder im Weltall, sondern ‚daheim‘. Für Simak waren die US-Amerikaner keineswegs immun gegen die Auswüchse einer kollektiven, in Hysterie ausartenden Angst: Die Ära McCarthy mit ihren Denunzianten und schwarzen Listen hatte es bestätigt.

Als eigentliche Ursache sieht Simak die Unwissenheit. Zwar war er auch den Schattenseiten der modernen Naturwissenschaften gegenüber keineswegs blind. Dennoch gehörte Simak zu einer Generation, die zumindest an das Primat des Wissens glaubte. Seine eigene Biografie bestätigte ihn. Aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte sich Simak zum Studenten, Lehrer und Journalisten emporgearbeitet. Er konnte und wollte Lehren annehmen. In „Die unsichtbare Barriere“ weist er immer wieder auf die Notwendigkeit hin, den Geist offen zu halten. Deshalb kann Simak auch dem „Prediger“, der sich ‚göttlicher‘ Eingebung rühmt und daraus massive Führungsansprüche ableitet, nur Skepsis und Ablehnung entgegenbringen.

Die echte Büchse der Pandora

Wer sich - womöglich absichtlich - verschließt, ist für Simak ein Opfer, das mit jenen bedauernswerten Menschen, die sich einst in einer von Hexen und Teufeln heimgesuchten Welt fürchteten, auf einer Stufe steht. Diese Furcht übersteigert Simak ironisch und dadurch die Deutlichkeit der Warnung unterstreichend, indem er Blaine beispielsweise auf den Trucker Riley stoßen lässt, den Simak als durchschnittlichen Mann des Volkes darstellt: Mit der einen Hand steuert Riley seinen Truck, in der anderen hält er das mit Silberkugeln geladene Gewehr, um auf ‚Werwölfe‘ und ‚Hexen‘ zu schießen.

Als Blaine und Riley tatsächlich auf ‚Hexen‘ stoßen, entpuppen sich diese als junge Mutanten-Frauen, die ihre Kräfte nutzen, weil sie Spaß daran haben, durch die Lüfte zu fliegen. Auch allen anderen Mutanten, denen Blaine begegnet, streben nicht die Weltherrschaft an. Sie wollen einfach in Frieden leben. Nie geht eine Gefahr von den Mutanten aus. Trotz ihrer Fähigkeiten sind sie die Opfer. Selbst Fishhook, eigentlich ein Hort des Wissens, hat sie instrumentalisiert. Es kommt noch schlimmer: Der Prediger Lambert Quinn, schlimmster Feind der Mutanten, ist selbst übersinnlich begabt. Auch und gerade die Mutanten sind - so Simak - ganz normale Menschen: In der Not schließen sie sich keineswegs zusammen. Sie fügen sich in ihr Schicksal oder agieren sogar gegeneinander.

Messias wider Willen

Shepherd Blaine: Schon der Name ist ein Symbol. Auf seine pragmatische, keineswegs perfekte Weise wird Blaine tatsächlich zum Hüter der irdischen Mutanten. Er hat auf seinen Reisen durch das All gelernt, dass sich die Menschheit in Konflikten aufreibt, für die es keine echten Motive gibt. Die Barriere um die Erde ist ein weiteres Symbol: Wer sie überwindet, findet die Freiheit, sich über allzu irdische, unter der Barriere am Kochen gehaltene Probleme zu erheben.

Dabei ist Blaine alles andere als ein Messias. Als wir ihn kennenlernen, geht er vor allem einem Job nach. Ihm muss selbst erst bewusst werden, was ihn auszeichnet: ein erweiterter Horizont. Den hat er nicht unter Einsatz von Hightech gewonnen. Simak postuliert die unsichtbare Barriere auch deshalb, um herauszustellen, dass der neugierige Geist den Forscher auszeichnet. Deshalb lässt er Blaine ein außerirdisches Wesen treffen, das ebenso klug wie friedfertig ist: Seine Intelligenz hat ihn die Furcht vor dem Fremden überwinden lassen. Sie hat sich in freundliche Neugier verwandelt.

Mit dem Wissen ist die Angst verschwunden. Wie könnte sich ein Wesen fürchten, für das die Beherrschung der Zeit zur Bagatelle geworden ist? „Time is the simplest thing“, erfährt Blaine, der endlich begreift, wie er den Krieg zwischen Menschen und Mutanten vermeiden kann.

Es kann nur besser werden

Wenn der Weg durch Raum und Zeit ohne Supertechnik möglich ist, können diejenigen, die um die Methode wissen, ihren Feinden aus dem Weg gehen. Am Beispiel eines Überfalls auf das Mutanten-Städtchen Hamilton schildert Simak die Folgen: „Die ersten Flammen zuckten durch den dunklen Ort. Schreie ohnmächtigen Zorns tönten herauf. Schüsse knallten. ‚Sie schießen auf Schatten‘, sagte Anita. ‚Dort unten ist niemand …‘“ (S. 182)

Die Verständigung wird vertagt, bis die ‚normalen‘ Menschen ihrer Furcht Herr geworden sind. Der kritische Leser mag die Flucht als allzu einfache Lösung verurteilen: Quasi rettet ein Trick in letzter Sekunde die Mutanten. Doch dies ist die Entscheidung Simaks, der ein wesentlich ‚unrealistischeres‘ Wunder eigens ausklammert: Es gibt keinen Blitz der Erkenntnis, der in die Holzköpfe der Mutantenhasser einschlägt.

Eine Konfliktvermeidung dieser Art wäre in der modernen SF nicht mehr möglich. Hier käme es zur Konfrontation, denn in dieser zynischen Gegenwart sind Hintertürchen nicht mehr gestattet: Menschen und Mutanten leben auf ein und derselben Erde. Hier und nur hier haben sie sich deshalb zu einigen – oder einander auszulöschen. Diesen Weg wollte Simak nicht gehen. Wir können ihn dafür naiv schelten. Immerhin ist er konsequent, und er findet einfache aber deutliche Worte, die seine Sicht erläutern. Wer sich auf eine Science Fiction einlässt, die nicht mehr „Space Opera“ und noch nicht „Inner Space“ ist, sondern ein bisschen betulich zu Toleranz und Verständnis aufruft, wird „Die unsichtbare Barriere“ deshalb durchaus unterhaltsam finden.

Fazit:

Wie üblich schildert Simak kein blutiges Kampfgetümmel, sondern einen Konflikt, der ohne naives Gutmenschentum einfallsreich und friedlich gelöst werden kann: ein Klassiker der Science Fiction.

Die unsichtbare Barriere

Die unsichtbare Barriere

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