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Michael Drewniok
Hinter der Mauer ebenso sicher wie gefangen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2019

In dieser nahen Zukunft hat der Mensch den Raubbau an seinem Heimatplaneten so weit getrieben, dass es tatsächlich zu den von lästigen Experten angekündigten Klimaveränderungen kam. Ganze Kontinente wie Afrika trocknen aus, die Menschen verhungern. Eine gewaltige Flüchtlingskarawane dringt unaufhaltsam nach Europa vor, wo sowohl die ökonomischen als auch die politischen Strukturen zerbrachen.

England hat sich unter Nutzung seiner Insellage buchstäblich abgeschottet. Die 10000 km lange Küste wird komplett durch eine hohe Mauer vor den „Anderen“ geschützt, die  über die Nordsee nach England flüchten wollen. Wer sich nicht abwehren lässt, wird kompromisslos umgebracht. Da dies bekannt ist, versuchen die „Anderen“ sich mit Waffengewalt den Weg ins Landesinnere zu bahnen. Jede junge Frau und jeder junge Mann ist verpflichtet, zwei Jahre auf der Mauer zu stehen. Dieser Wehrdienst ist gefürchtet, denn es wird buchstäblich scharf geschossen. Sollten „Andere“ durchbrechen, werden die dafür verantwortlichen Wächter selbst auf dem Meer ausgesetzt.

Für den Rekruten Joseph Kavanagh brechen harte Zeiten an, doch wie die meisten Neulinge lebt er sich rasch ein, schließt Freundschaften und leistet gute Arbeit auf der Mauer. In der Kameradin Hifa findet er sogar eine Gefährtin. Ein gesellschaftlicher Aufstieg und damit das Ende staatsbürgerlicher Einschränkungen scheinen möglich.

Doch es gärt in England. Die Regierung ist eher eine Diktatur. Viele Bürger können den ‚Krieg‘ gegen die verzweifelten „Anderen“ nicht ertragen. Eine Verschwörung soll ihnen den Weg ins Land ebnen. Der Durchbruch gelingt dort, wo Joseph und Hifa Wache schieben. Kurz darauf schaukeln sie mit einigen Leidensgefährten auf hoher See: Per Gerichtsurteil sind sie für ihr ‚Versagen‘ selbst zu „Anderen“ geworden …

Die Gegenwart - konsequent weitergedacht

Zwar ist der griffige Slogan, den wir auf der Rückseite des Covers finden, wieder einmal vor allem der Werbung geschuldet: „Migration, Klimawandel, Brexit - der Roman der Stunde“ dröhnt es dort. Was der Brexit mit dem Handlungsinhalt zu tun haben könnte, bleibt rätselhaft; es sei denn, man geht davon aus, dass die Briten - wenn sie es denn schaffen sollten, sich irgendwann von Europa zu lösen - darüber nachdenken, sich mit einer Insel-Mauer zu umgeben, um weitere Attacken aus Brüssel abzuwehren.

Auch Migration und Klimawandel spielen kaum Rollen. Was genau vorgeht auf dieser zukünftigen Erde, wird vage angedeutet. Es ist auch nicht von Bedeutung. Autor John Lanchester interessiert sich weniger für die ‚Verlierer‘ des Zusammenbruchs; dieser Begriff wird hier in Anführungsstriche gesetzt, weil man die Briten, die hinter ihrer Mauer vor Hunger, Kälte und permanenter Existenznot verschont bleiben, keineswegs als Gewinner bezeichnen kann.

Um diese Briten geht es dem Verfasser. Lanchester stellt die Frage, wie weit man gehen will und kann, wenn es darum geht, nicht einfach eine Krise zu überstehen, sondern sich im Dauerelend einen gewissen Lebensstandard zu erhalten, den man nicht teilen möchte. Schon heute fordern Hardliner ein unbarmherziges Vorgehen gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“, die zur (un-) heimlichen Erleichterung der west- und nordeuropäischen Staaten bisher nur über das Mittelmeer kommen und ihren Teil am Kuchen fordern, den (nicht nur) die Reichen & Mächtigen lieber für sich behalten wollen.

Der Preis des Überlebens

Üblicherweise gedenken jene, die solche Forderungen stellen, die praktische Ausführung anderen zu überlassen, da sie sich selbst die Hände nicht schmutzig machen möchten; verständlicherweise, denn wie Lanchester deutlich macht, würde man nicht von „Schmutz“, sondern von „Blut“ sprechen. Käme es hart auf hart, stünde diese Entscheidung an: Wir teilen und leiden gemeinsam, oder es fallen Schüsse.

In Lanchesters England hat man sich für die zweite Variante entschieden. Über den dadurch gesicherten Alltag können sich die Bürger nicht wirklich freuen. Sie kennen sehr wohl den Preis, der dafür zu zahlen ist, auch wenn dies auch und gerade von Staatswegen verdrängt wird. Der Ausnahmezustand hat nie ein Ende gefunden, weshalb eine in sich ruhende und von Wahlen freie Regierung die Menschenrechte nicht nur für die „Anderen“ negiert, sondern auch die eigenen Bürger gängelt, bespitzelt und einschüchtert.

Dies geschieht „zum Wohle der Allgemeinheit“ - eine Aussage, die seit jeher mit Lügen aller Art aufgeladen wird. In der Beschreibung der ‚wissenden Ignoranz‘, die den Alltag der Briten prägt, entfaltet Lanchester eine Meisterschaft, die durch eine betont einfache Sprache unterstrichen wird: Jenseits aller Parolen (und voller Mägen) bestimmen Angst und ein kollektiv schlechtes Gewissen die zukünftige Gegenwart.

Vom Regen in die Traufe

Gleichzeitig wird von der Regierung systematisch eine Generation herangezogen, der die Repressionen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Joseph Kavanagh, die Hauptfigur, tritt seinen Dienst auf der Mauer vor allem deshalb ungern ab, weil dieser langweilig und gefährlich ist. Über moralische Fragen zerbricht er sich nicht den Kopf, sondern feuert überzeugt auf die „Anderen“, wenn sie über die Mauer drängen, oder lässt sich gern von legal versklavten Flüchtlingen bedienen. Das hilft ihm nicht, als er in die Mühlen einer Regierung gerät, die vor allem ihre Privilegien hütet und mit brachialen Methoden von strukturelle Schwächen ablenkt. So muss auch der pflichtbewusste Kavanagh hinaus aufs Meer.

Damit verliert die Handlung ihren titelgebenden Fokus. Das Geschehen zerfasert bzw. wird zu einem recht beliebigen Survival-Drama. Die Welt der „Anderen“ ist einerseits primitiv und wird andererseits von offener Gewalt bestimmt: Das haben wir in unzähligen Romanen, Filmen und TV-Serien gelesen bzw. gesehen - oft besser, als Lanchester es zu beschreiben vermag. Nun nimmt die Handlung endlich Tempo auf und bietet jene Spannungselemente, die ihr fehlten, als sie noch auf und hinter der Mauer spielte. Doch schon dort gab es Plausibilitätsprobleme: Wenn Lanchester eine Regierung im Ungeiste George Orwells („1984“) darzustellen versucht, wirkt diese vergleichsweise naiv und ihre Allmacht behauptet.

Misslungen ist das ‚offene‘ Ende, das vermutlich literarisch = symbolträchtig bzw. vieldeutig sein soll, aber zumindest in der Realität verankerte Leser enttäuscht. Lanchester scheint sich vor einem konsequenten Ende zu drücken. Was er stattdessen schildert, ist ähnlich verquast wie das Finale allzu lang laufender Mystery-Serien. Deshalb bleibt „Die Mauer“ letztlich unbefriedigend. Die Geschichte verliert spätestens in der zweiten Hälfte ihre Dichte und damit an Intensität. Sollte Lanchester tatsächlich vor einer möglichen Zukunft warnen wollen, gerinnt ihm dies zu einem literarischen Planspiel.

Fazit:

Zunächst intensiv schildert der Autor die nur scheinbar sichere Existenz, die ein zukünftiges England verbarrikadiert hinter einer gewaltigen Mauer fristet. Verzweifelte Flüchtlinge von „draußen“ hält man gewaltsam fern, die Bürger leben in einer Quasi-Diktatur. Was dies aus den Menschen macht, stellt der Verfasser glaubhaft dar. Als die Hauptfiguren die Mauer hinter sich lassen, beginnt die Handlung zu zerfasern und beliebig zu werden, was ihre Wirkung nach und nach schwinden lässt.

Die Mauer

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Letzte Kommentare:
04.08.2019 00:15:39
K.-G. Beck-Ewerhardy

Eigenzitat aus amazon.de:

Joseph Kavanagh ist ein Verteidiger, einer der Wehrdienstleistenden, der einige Jahre nach der "Veränderung" auf der um Großbritannien gezogenen Mauer steht um sein Vaterland gegen die immer wieder anschwimmenden "Anderen" zu verteidigen. Der Anstieg des Meeresspiegels hat die Strände Britanniens verschwinden lassen und eine mehr als 10.000 Kilometer lange Mauer umgibt die Insel und verhindert unter anderem auch die Einfuhr diverse Lebensmittel und die Lebensumstände sind insgesamt deutlich schlechter als die der Elterngeneration, was einer der Gründe ist, warum Joseph seine Eltern nicht sonderlich schätzt - oder überhaupt jemanden von deren Generation.

Sehr anschaulich lässt der Autor die Langeweile und die Bedrohlichkeiten eines militärischen Wach-diensts unter Todesgefahr in der Sprache seines Ich-Erzählers deutlich werden, dessen Entwicklung in seiner Dienstzeit sehr nachvollziehbar dargestellt wird. Im Dienst distanziert er sich emotional immer mehr von seiner Umgebung und fährt seine Emotionen runter, um dann in Urlaubsphase umso heftiger über die Stränge zu schlagen. Bis in seinem Wachabschnitt eine unerwartete Katastrophe eintritt, die sein Leben für immer verändern soll.

Da die Geschichte nur aus Josephs Sicht geschrieben wird, bleiben den Leserinnen und Lesern viele wünschenswerte Informationen - etwa zu anderen Ländern - verborgen, denn Josephs Wahrneh-mungsfeld ist sehr eingeschränkt und das verändert sich auch über den gesamten Verlauf des Ro-mans kaum - und das ist zumindest rein intellektuell gesehen ein wenig schade. Wenn auch folgerichtig.

Das Ende des Buchs erscheint mir dagegen weniger folgerichtig und auch eher unbefriedigend, weswegen ich ihm trotz einiger guter Ideen nur drei Punkte geben möchte.

19.05.2019 11:00:07
PMelittaM

Seit dem „Wandel“ ist der Wasserspiegel der Erde gestiegen und viele Menschen auf der Flucht. Großbritannien hat eine Mauer um die britische Insel gebaut, um „Andere“ abzuhalten, ins Land zu kommen. Die Mauer wird von „Verteidigern“ bewacht, die, sollte es jemand schaffen, die Mauer zu überwinden, Gefahr laufen, selbst auf dem Meer ausgesetzt zu werden. Jeder Brite muss wenigstens einmal im Leben auf die Mauer.

Der Leser begleitet Joseph Kavanagh, von seinen Mauerkameraden Yeti genannt, der zu Beginn des Romans seinen Dienst auf der Mauer antritt. Wer die Anderen sind, ist ihm nicht ganz klar, er weiß nur, das diese Menschen wegen des Wandels ihre Heimat verlassen mussten und nun verzweifelt nach etwas suchen, wo sie in Sicherheit sind. Diejenigen, die an der Mauer erwischt werden, haben zwar nur die Wahl zwischen Tod und Sklaverei (wer sich für letzteres entscheidet, wird verniedlichend „Dienstling“ genannt), aber ihre Kinder haben die Chance, britischer Bürger zu werden (wohl auch, weil das britische Volk selbst die benötigte Geburtenrate nicht mehr gewährleisten kann). Für mich dabei mit am schockierendsten war die Aussicht der Verteidiger selbst auf dem Meer zu landen, nicht, weil sie etwa Schuld daran sein könnten, dass jemand illegal ins Land gekommen ist, sondern einfach nur, weil für jeden, der es geschafft hat, einer gehen muss.

Der Dienst auf der Mauer ist langweilig, 12 Stunden müssen die Männer und Frauen ausharren und aufs Meer starren. Kommt es tatsächlich zu einem Überfall wird es brandgefährlich, denn die Anderen tun alles, um die Mauer zu überwinden, und so kommt es immer zu Toten auf beiden Seiten. Und selbst wenn man das überlebt, hat man noch lange nicht überlebt, denn dann droht die Aussetzung auf dem Meer.

Leider ist, trotz dieses Hintergrundes, auch der Roman relativ langweilig. Kavanagh erzählt in Ich-Form, und er erzählt ausführlich und erstaunlich sachlich, wenig emotional. Und das, obwohl er sich auf der Mauer verliebt, mehr als einmal in Lebensgefahr gerät und erleben muss, wie Kameraden sterben. Auch erfährt der Leser leider wenig über die gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe des Landes bzw. der Welt und das alltägliche Leben, alles bleibt relativ abstrakt, die Charaktere blass. Das hat zwar einerseits auch etwas Bedrückendes, weil man als Leser so im Ungewissen bleibt, aber, es hätte den Roman auch interessanter machen können, hätte man mehr erfahren.

Die Geschichte ist hochaktuell, und oft hat man das Gefühl, die Situation zu kennen, auch der Bau einer Mauer, um sich abzuschotten, alles Fremde draußen zu lassen, ist eine durchaus mögliche und von einigen gewünschte Zukunftsversion. Das ist im Grund auch das, was den Roman letztlich ein wenig rettet. Mehr hätte man aber mit einer emotional packenderen und interessanteren Geschichte erreichen können. Erst im letzten Drittel kommt mehr Spannung auf, man kann nur hoffen, dass es viele Leser bis hierhin geschafft haben. Im Gegensatz zu anderen Rezensenten empfinde ich das Ende der Geschichte übrigens als sehr passend.

Die Geschichte lässt mich zwiegespalten zurück, zum einen macht sie mich betroffen, auch, weil so die Zukunft möglich sein könnte, zum anderen hätte ich mir eine weniger langatmige und sachliche Erzählweise und greifbarere Charaktere gewünscht, um wirklich emotional beteiligt sein zu können, vielleicht hätten der Geschichte auch einige Seiten weniger gut getan. Dass die Geschichte eine durchaus mögliche Zukunftsvision darstellt, ist bedrückend, sie aus der Sicht eines Einzelnen darzustellen, gar nicht einmal eine so schlechte Idee, die Umsetzung lässt aber leider zu wünschen übrig, da sie emotional nicht packt und wegen ihrer Langatmigkeit Gefahr läuft, dass das Buch schnell wieder aus der Hand gelegt wird. Bis zum Ende lesen lohnt sich aber. Ich vergebe 64°, aber auch eine Leseempfehlung – lasst euch auf die Geschichte ein und zum Nachdenken anregen.