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Marcel Scharrenbroich
Die Menschheit schafft sich ab

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mai 2019

Schöne neue (Online-)Welt…

Liest man heutzutage ältere Science-Fiction-Romane, oder schaut sich thematische Filme an, die schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben, wird man schnell feststellen, dass der dort behandelte „Fortschritt“ uns schon mit großen Schritten eingeholt hat. Von Reisen durch die Zeit, dem Beamen, durch die Luft schwebenden Fortbewegungsmitteln und dem edlen Duellieren mit Lichtschwertern, sollte sich ein Flegel an der Rewe-Kasse mal wieder vordrängeln, träumt man zwar immer noch, andere Bereiche der Technisierung sind aber schon längst Realität… und für viele Menschen nicht mehr wegzudenken.

Hatte man früher eine Frage, hat man entweder jemanden in seinem Umfeld um Rat gebeten, ist in die Bibliothek gerannt, oder hat sich grübelnd und schlaflos die Nacht um die Ohren geschlagen. Heute fragt man einfach den portablen Computer in der Hosentasche, der auf alle Fragen der Welt eine Antwort parat hat (und sei sie noch so unsinnig) und praktischerweise auch noch Fotos macht und über eine Telefon-Funktion verfügt. Noch einfacher: man ruft sein Anliegen einfach in den Raum und wartet (das passende Endgerät vorausgesetzt) darauf, dass Alexa, Siri & Co. uns monoton die gewünschten Infos ins Hirn säuseln. Dank der neugierigen Damen und der NOCH neugierigeren Firmen im Hintergrund, wird eh alles mitgehört und sollte ich mal wieder lauthals „NOCH HEUTE SPEISEN WIR IN DER HÖLLE!!!“ durch meine heiligen Hallen grölen (was durchaus mal vorkommen kann…), kann ich mir ziemlich sicher sein, dass der Film „300“ mir bei meinem nächsten Trip ins Internet zum Kauf angeboten wird. Wie praktisch! Schöne neue Welt… oder?

Befreiung vom Seelenballast und dem eigenen „Ich“

NOCH schlimmer sieht es aber in der nahen Zukunft aus. Der totale Überwachungsstaat ist traurige Realität geworden und „dank“ implantierter Technologie sind die Menschen permanent unter Beobachtung und weltweit vernetzt. Intelligente Maschinen übernehmen die Arbeit und die Generation „Mensch“ ist Passagier erster Klasse auf einem sinkenden Schiff, das zudem drei Tonnen Dynamit gelagert hat, dessen Zündschnur bereits lichterloh brennt… Damit unsere Rasse nicht schon ausstirbt, bevor wir vollends durch humanoide Maschinen ersetzt werden, gibt es für die Bessergestellten menschliche Ersatzteillager. Diese perfekten Abbildungen, die der jeweiligen Person wie aus dem Gesicht geschnitten scheinen und über deren Genmaterial verfügen , werden „Hälften“ genannt. Unselbstständig und auf dem geistigen Stand eines Kleinkindes, warten diese „Hälften“ schlummernd nur darauf entrümpelt zu werden, sollte ein wichtiges Organ des „Originals“ den Geist aufgeben. Diejenigen, die hinter diese erschreckende und dystopische Fassade geblickt haben, leben in großer Gefahr. Als Rebellen haben sie sich in die Wildnis geflüchtet, ständig in der Angst von den mächtigen Diktatoren entdeckt zu werden. So auch Marie…

Die ehemalige Psychoanalytikerin versteckt sich mit Gleichgesinnten in den Wäldern. Komplett offline und dem elendigen Fortschritt rebellierend den Finger zeigend, haust man hier ohne jeden Komfort. Auf das Nötigste beschränkt leben sie wie Einsiedler in Zelten, notdürftig zusammengebauten Unterkünften und unterirdischen Höhlensystemen. Verletzt, durchnässt und frierend schreibt Marie hier ihre Geschichte auf, denn… sie weiß nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt.

Hingeschluderter Monolog

Aus der Sicht ihrer gleichnamigen Hauptfigur schreibt die Schriftstellerin Marie Darrieussecq drauflos, als gäbe es kein Morgen mehr… Und wer weiß? Vielleicht gibt es das ja auch nicht? „Unser Leben in den Wäldern“ pfeift somit auch auf klassische Erzählstrukturen, die der Leserschaft sonst in Romanen präsentiert werden. Marie – oder Viviane, wie sie sich auf ihrer Flucht nennt – greift zum Stift und nutzt die Gunst der Stunde, um sich alles von der Seele zu schreiben, was sie belastet. Das hektische Notieren ihrer Gedanken soll ihr helfen, selbige zu sortieren. Das zu verstehen, was um sie herum geschieht.

„Wenn es ihr hilft, ist doch alles okay“, mag man meinen. Jein… denn einerseits tragen die niedergeschriebenen Erinnerungen in all ihrer Knappheit zwar zur Authentizität bei und unterstreichen in ihrem Stil die Umstände des hastigen Festhaltens der klobigen Textblöcke, schmeißen den Konsumenten ihrer Aufzeichnungen aber kopfüber ins kalte Wasser. Immer wieder schweift Marie ab, stellt Vergleiche an, ohne Details zu liefern, findet keinen angemessenen Rhythmus, auf den man sich als Leser einstellen kann. Einzelne Kapitel gibt es nicht… auch hier wieder das zweischneidige Schwert: Realismus + Atmosphäre > Verständnis + Chronologie… macht unterm Strich = ???

Gefühlt auf jeder zweiten Seite finden sich Sätze wie „Wo war ich jetzt.“ oder „Zurück zur Sache.“ Man möchte Marie - trotz der schwierigen Umstände – regelmäßig zurufen „ORDNE ERSTMAL DEINE GEDANKEN, BEVOR DU DEN VERDAMMTEN STIFT ANSETZT!“… was sie aber wohl auch nicht aus ihrem Kamikaze-Schreibfluss bringen würde.

Immerhin zieht im letzten Drittel die Spannung an und es werden auch Ängste thematisiert, die auch UNSERE Gesellschaft wiederspiegeln und so Parallelen zur Gegenwart aufzeigen. Marie, ihre Rebellen-Begleiter und ihre befreiten „Hälften“ werden zu Flüchtlingen im eigenen Land. Geflüchtet in die Offline-Welt, die sie im wahrsten Sinne zurück zu den Wurzeln führt.

Gesellschaftskritische Dystopien, die erschreckende Einsichten in eine mögliche, düstere Zukunft liefern, gibt es wie Sand am Meer… und wenn man an solchen Stoffen interessiert ist, findet man auch Beispiele, die diese Thematik besser verkaufen als „Unser Leben in den Wäldern“. Zu erwähnen wären hier Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“, der Comic „Snowpiercer“ oder ein filmischer Ausflug in die „Matrix“.

Kurz, keineswegs knackig… dafür aber „schnell“.

„Schnell“… auch so ein Wort, das einem schon nach der Hälfte des Büchleins in den Augen brennen dürfte. Marie wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass sie schwer in Eile ist. In Eile sollte man beim Lesen des 110-seitigen Tagebuchs der Protagonistin nicht sein, da sonst vollends das Verständnis auf der Strecke bleiben könnte. In der Kürze von „Unser Leben in den Wäldern“ liegt aber dennoch die Stärke der Erzählung. Diese verhindert, dass Marie Darrieussecq sich noch mehr in ihrem eigenen Text verrennen könnte und den roten Faden komplett aus den Augen verlieren würde. So bekommt sie erfreulicherweise immer wieder die Kurve, bevor man entnervt eine Pause einlegen möchte.

Fazit:

Das letzte Drittel rettet Maries kurze Geschichte vor der Mittelmäßigkeit und belohnt, dass man sich zuvor durch rund 60-70 Seiten „gearbeitet“ hat, die es einem nicht gerade leicht machen, dem Geschriebenen zu folgen. Insgesamt ganz nett, aber keine Sternstunde am dystopischen Sci-Fi-Himmel. Eher ist es eine mahnende Novelle, die vor einer durchaus möglichen Überwachungs-Zukunft warnt und nicht selten den Spiegel hervorholt, damit die gegenwärtige Smartphone-Gesellschaft sich in diesem bewundern kann… sollte sie ihren Blick vom Display lösen können.

Unser Leben in den Wäldern

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