Mustererkennung

  • Klett-Cotta
  • Erschienen: Januar 2004
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Frank A. Dudley
95°

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2006

Die Zeichenhaftigkeit der Welt

Mit dem ersten Satz seines ersten Romans hat William Gibson 1983 bereits Literaturgeschichte geschrieben: ";Der Himmel hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war”. Zwanzig Jahre später steht auf der ersten Seite seines Romans ";Mustererkennung” ein Satz, der seinen Leser ebenso elegisch auf das vorbereitet, was nun folgen wird: ";Es ist die matte, gespentische Unstunde, limbische Impulse schwappen durch die graue Substanz, erratische Regungen des Stammhirns funken inadäquates Reptilienverlangen nach Sex, Nahrung, Betäubung, obwohl im Augenblick nichts davon real verfügbar ist”.

Die Hauptfiguren der beiden Bücher heißen Case beziehungsweise Cayce. Während Case der erste Cyberpunk ist und in der Zukunft, wie sie Gibson 1983 dystopisiert hat, durch den Cyberspace surft, bis ihm die Synapsen qualmen, lesen wir in ";Mustererkennung” von den Erlebnissen Cayces, die in der jüngsten Vergangenheit liegen.

Cayce Pollard ist eine Markenberaterin, die für ihre Kunden ständig auf der Suche nach neuen und vielversprechenden Trends ist. Sie ist ";eine Wünschelrutengängerin in der Welt des globalen Marketings”, zeigt jedoch  allergiehafte Symptome, wenn sie auf die Logos von verwässerten Marken wie Tommy Hilfiger trifft. In ihrer Freizeit treibt sie sich mit Vorliebe im Internet herum und sucht nach neuen und scheinbar zusammenhängenden Filmclips, die irgendjemand regelmäßig hochlädt. In einem Forum diskutiert sie leidenschaftlich mit anderen ";Clipheads” über die Filmschnipsel und ihre Bedeutung.

Hubertus Bigend, Eigentümer der Werbeagentur ";Blue Ant”, heuert Cayce an. Sie soll sich, ausgestattet mit einem unbegrenzten Spesenkonto, auf die Suche nach dem Ursprung der geheimnisvollen Clips machen. Bigend vermutet hinter den selektiven Postings ein Genie des viralen Marketings, mit dem er zusammenarbeiten will. Die Suche führt Cayce um den halben Globus, von London nach Tokyo und von dort nach Moskau, sie ist stets online und mobil erreichbar.

Während ihrer Queste im Namen des absoluten Marketings erinnert sie sich regelmäßig an ihren Vater. Dieser war, ebenso wie Cayce, am 11.9.2001 in New York. Während sie die Anschläge unversehrt überstand, ist ihr Vater seitdem verschwunden.

Der Chronist des Internetzeitalters

Ist das noch Science Fiction, was William Gibson in ";Mustererkennung” schreibt? Ja, und zwar weil Gibson uns zeigt, dass wir mitten in der Science Fiction leben, dass seine Vision des Cyberspace längst Realität geworden ist. Zugleich führt er uns einen Aspekt der Postmoderne vor, der täglich unser Leben bestimmt: Die Zeichenhaftigkeit der Welt. Alles ist Logo und Symbol bis ins Kleinste hinein, die Realität ist zersprengt, versehen mit Wahrheiten wie die Tagcloud einer Web-2.0-Anwendung.

Mit seinen Romanen hat sich Gibson immer näher an die Gegenwart, eine Gegenwart, herangeschrieben. Je stärker er das Jetzt verdichtet und extrapoliert, desto deutlicher wird, dass er der wahre Chronist des frühen Internetzeitalters ist.

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