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Marcel Scharrenbroich
„Mir deucht, da schwirrt ein Geräuschli durch die Luft.“ -Mario Girotti

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jun 2019

Tag der offenen (Höllen-)Tür

Komm’se rin, komm’se ran, hier wird gespukt, wie nebenan… Gruselige Häuser und unheimliche Gemäuer haben seit Jahren wieder Hochkonjunktur. So ganz verschwunden war die Faszination an verfluchten Bauten und umhergeisternden Gestalten, die durch endlos lange Gänge schweben, ja nie wirklich, aber als Teenager, die mit handlichen Kameras bewaffnet auf Hexenjagd durch den Wald stolperten - und dabei ganz nebensächlich das Found-Footage-Genre begründeten -, ließen sie damit eine ganze Armee von Nachahmern auf die Kinozuschauer los, die nach dem verwackelten Horror höchstens mit Übelkeit und Schleudertrauma aus den Sälen taumelten. So ziemlich jede bekannte Klapsmühle wurde mittlerweile mit Camcordern und Smartphone-Kameras ausgeleuchtet und die Macher werden nicht müde, in jede heruntergekommene Bruchbude ein paar Geistererscheinungen zu quetschen.

Stephen King verfasste mit „The Shining“ wohl eine der populärsten „Spukhaus“-Geschichten, welche auch kongenial von Stanley Kubrick verfilmt wurde… und glaubt man Verschwörungstheoretikern oder der sehenswerten Dokumentation „Room 237“, steckte noch viel, VIEL mehr in dem Film als eine simple Roman-Adaption, was allerdings jeder für sich selber entscheiden sollte.

Eines der thematisch berühmtesten, literarischen Werke dürfte Shirley Jacksons „Spuk in Hill House“ sein, welches bereits 1959 veröffentlicht wurde. Der 1963 produzierte Film „Bis das Blut gefriert“ stützt sich ebenso auf die Buchvorlage, wie Jan de Bonts „Das Geisterschloss“ aus dem Jahr 1999. Psychologisch tiefgründig und durchaus komplex, kratzten beide Verfilmungen nur an der Oberfläche von Jacksons Klassiker und besonders Zweiterer nutzte die Leinwand mehr als Präsentationsfläche für die damaligen State-of-the-Art-Effekte.

Wenn man sich schon auf klassischem Grusel-Terrain bewegt, führt natürlich auch kein Weg am unvergessenen Vincent Price vorbei, der in „Das Haus auf dem Geisterhügel“ seiner verhassten Frau eine Geburtstagsparty der besonderen Art ausrichtet und dem im Remake „Haunted Hill“ eine namentliche Würdigung zuteilwird, indem sein damaliger Charakter – nun verkörpert durch Geoffrey Rush – in Steven H. Price umbenannt wird.

Wie dem auch sei, die Spukgeschichten gehen Hollywood jedenfalls nicht aus und ob romangestützt oder nicht, werden sie uns auch in Zukunft erhalten bleiben. Vera Farmiga und Patrick Wilson schlüpfen bald erneut in die Haut der realen Dämonologen Lorraine und Ed Warren, die im Laufe ihrer Karriere unzählige Spukhäuser untersuchten, Vorlesungen zu parapsychologischen Vorkommnissen hielten und mehrere Bücher verfassten, um dem „Conjuring“-Universum einen dritten Teil der Hauptreihe hinzuzufügen und auch dem „Poltergeist“ soll angeblich ein erneuter Neustart bevorstehen. Horror, so weit das Auge reicht…

Um unerklärlichen Phänomenen zu begegnen, muss man allerdings nicht extra nach Amityville, Enfield oder ins Winchester-Haus nach Kalifornien. Oft ist das Grauen näher als man denkt… quasi vor der eigenen Haustür. Hereinspaziert, in den Hamburger Mariendom.

Pater Merrin, wo sind sie???

Nachdem 1804 der Abbruch des Hamburger Doms beschlossen wurde und dort im selben Jahr der letzte Gottesdienst stattfand, begann man bereits im Folgejahr mit den Abrissarbeiten. Das Herablassen der Glocke läutete das Ende der Domkirche ein und 1806 war von dem historischen Bauwerk nichts mehr übrig. Sogar die Fundamente wurden ausgegraben und die Überreste zigtausender Körper mussten aus dem Erdreich geborgen werden, welche in unmittelbarer Nähe zur vermeintlich letzten Ruhe gebettet wurden. Zwischen Alster und Elbe erinnert heute nur noch der Domplatz an das Gemäuer, das für einige Zeit das Grauen beherbergte…

Im Jahre 1809 - der Mariendom ist längst Geschichte - fasst Christian Jakob Holenius sich ein Herz und bringt die Erlebnisse zu Papier, die ihn seit mehr als zwanzig Jahren begleiten. Erlebnisse, die immer präsent waren, ihn seinerzeit zutiefst verstörten und weit über das hinausgingen, an das er glaubte… oder zu glauben dachte. Die übernatürlichen Geschehnisse, die sich im Herbst 1787 im Mariendom zugetragen haben, sollen für die Nachwelt festgehalten werden. So wirkt sein Schreiben selbsttherapierend, als würde ihm eine Last von den Schultern genommen werden… zumal er der letzte noch lebende Zeuge der Heimsuchungen ist, die über die Jahre tiefe Spuren in ihm hinterlassen haben.

1787: Der junge Holenius kam im Alter von 26 Jahren nach Hamburg, nachdem er an der Universität in Königsberg Theologie und Juristerei studierte. Das Hamburger Domkapitel suchte nach einem Offizianten und Holenius‘ Ausbildung prädestinierte ihn geradezu für diese Tätigkeit… auch wenn Vitamin B schon zu damaligen Zeiten mehr als hilfreich war. Als rechte Hand des Domherrn Friedrich August von Welmhoff, der als Struktuar für das gesamte Bauwesen des Domstifts tätig ist, lebt er seither auch im selben Kurienhaus, zusammen mit dessen Gemahlin, ihrer gemeinsamen Tochter und weiteren Bediensteten. Holenius sorgt eigenständig für Baumaterialien, hat ein Auge auf Baustellen und deren Arbeiter und zieht fällige Mieten der Kapitels-Objekte ein. Obwohl der Mariendom dem Großteil der Bevölkerung ein Dorn im Auge ist, der marode Zustand zu wünschen übrig lässt und die Gottesdienste mehr schlecht als recht besucht sind, erledigt der eifrige Holenius seine Aufgaben gewissenhaft und voller Tatendrang. Im Herbst desselben Jahres wird sein eifriges Schaffen jedoch plötzlich und nachhaltig gestört…

Als in der Bibliothek des Kapitels ein schweres, aufgeschlagenes Buch auf dem Boden liegt, denkt sich der junge Substruktuar noch nichts besonderes dabei. Er vermutet, dass es aus dem Regal gefallen sei und ahnt noch nicht, dass es nur der Beginn einer ganzen Kette von mysteriösen Vorfällen sein wird. Die Hausdienerinnen Elsa und Katharina bitten Holenius zum Gespräch und eröffnen ihm, dass sie des Nachts Schritte auf dem Dachboden vernommen haben… zum wiederholten Male. Als sie nachschauten war jedoch niemand dort. Schwer zu glauben für einen gläubigen und vor allem rational denkenden Mann wie Holenius. Den beiden Frauen zur Seite steht der Hausbursche Karl, der Ähnliches vernommen hat. Poltern, Klopfen und Pochen hinter den Wandvertäfelungen.

Auch Tochter und Gemahlin des Domherrn werden Augenzeuginnen diabolischen Treibens, als in der Bibliothek erneut ein Buch aus dem Regal springt und wie von Geisterhand durch den Raum gleitet. Domherr von Welmhoff hält dies für dummes, hysterisches Geschwätz und schenkt den Worten seiner Lieben keinen Glauben. Holenius jedoch wird stutzig… handelt es sich doch um dasselbe Buch, welches er bereits kürzlich aufgeschlagen auf dem Boden des Saales vorgefunden hatte.

Von nun an häufen sich die übernatürlichen Vorfälle und verstärken sich in ihrer Intensität. Die Bewohner der Kurie werden regelrecht terrorisiert… von unsichtbaren Mächten, die sich bedrohlich ausbreiten. Der Domherr verpasst seinen Bediensteten einen Maulkorb, damit sich dieser Humbug in Hamburg nicht außerhalb der Dommauern verbreitet, doch Gerüchte machen schnell die Runde. Alle Angestellten des Kapitels wurden bisher Zeuge von unerklärlichen Geschehnissen und in Holenius keimt der Wunsch auf, dass von Welmhoff selbst mit den unheimlichen Kräften konfrontiert wird, um ihm die Augen zu öffnen. Sein Wunsch wird schon bald folgenschwere Wirklichkeit und der Domherr kann sich den Grausamkeiten im Mariendom nicht länger verschließen…

Flüssig > Schwülstig

„Tod im Mariendom“ ist der siebte Roman des Historikers Martin Schemm, der in Hamburg lebt und dessen historische Kenntnisse der Leser auf jeder Seite ERlebt. Der 1964 geborene Autor, der (wie Ihr Rezensent) aus Duisburg stammt, wagt sich mit seinem neusten Werk erstmals auf Grusel-Pfade und beweist dabei genau das richtige Gespür. Schemm übertreibt es nicht mit übertriebenem Horror, sondern legt Wert auf den schleichenden, atmosphärischen Spuk, der in „Poltergeist“-Manier durch die bröckeligen Gemäuer wabert. Obwohl ein paranormales Erlebnis das Nächste jagt, ist Schemm bemüht, Abwechslung in die Erscheinungen zu bringen und es nicht beim bloßen Flüstern, Poltern und Klopfen zu belassen. Während in filmischen Pendants laute und möglichst überraschende Jump-Scares für Herzrasen sorgen, ist es hier die unheilschwangere Ruhe, die für permanente Gänsehaut sorgt. Die unsichtbare Bedrohung, die sich in alle möglichen Seltsamkeiten manifestiert, ist allgegenwärtig und jederzeit spürbar. Kein Holzhammer-Horror… sondern angenehm-spannender Grusel im historischen Gewand.

Sprachlich erscheint „Tod im Mariendom“ wie aus der Zeit gefallen, was durchaus positiv gemeint ist. Hier kommt Martin Schemm erneut seine historische Kenntnis zugute, denn die Worte, die er seinen Protagonisten in den Mund legt, sind dem Jahrhundert, in dem sein Roman spielt, angemessen und tragen ungemein zur Authentizität bei. So schwülstig und hochtrabend sich die wohlgewählten Worte der Charaktere auch anhören, so erstaunlich flüssig lassen diese sich auch lesen. Diese Tatsache hat mich - ehrlich gesagt – sehr überrascht und ich war erstaunt, dass die Sprache des ausgehenden 18. Jahrhunderts heute noch so gut funktioniert.

Fazit:

Die 319 Seiten, die der Roman umfasst, vergingen wie im Flug und ich freute mich jeden Abend auf einen unheilvollen Besuch im alten Mariendom. Leider waren es sehr wenige Abende, da ich den Roman schwer wieder beiseitelegen konnte… was durchaus FÜR „Tod im Mariendom“ spricht. Ein gelungener Historien-Roman mit kräftigem Grusel-Einschlag, der trotz seiner übersinnlichen Thematik erstaunlich bodenständig und glaubwürdig wirkt.

Tod im Mariendom

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