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Michael Drewniok
Tochter Monds Hals steckt in Mutter Erdes Schlinge

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2019

In dieser Zukunft hat sich der Mensch nicht dem Weltall ferngehalten, sondern die einschlägige Technik nach der Mondlandung entwickelt und eifrig genutzt. Nun, in der zweiten Hälfte des 22. Jahrhunderts, gibt es Kolonien auf dem Mond, den inneren Planeten Merkur, Venus und Mars sowie diversen Asteroiden und Monden der Planetenriesen Jupiter und Saturn.

Aktuell herrscht Unfrieden im Sonnensystem. Die ‚außerirdischen‘ Kolonien haben sich zur „Föderation“ zusammengeschlossen. Die ferne Zentralregierung lehnen sie als zu bürokratisch und unterstützungsgeizig ab. Umgekehrt will die Erde auf ihre Macht nicht verzichten. Lange blieb das Verhältnis gereizt, aber stabil, denn der Heimatplanet kann mit einem entscheidenden Pfund wuchern: Nur hier lassen sich jene Schwermetalle fördern, die für den Bau von Raumschiffen und außerirdischen Stützpunkten unverzichtbar sind!

Nun droht das Pendel zuungunsten der Erde auszuschlagen: Auf dem Mond hat man enorme Bodenschätze entdeckt! Die Föderation könnte sie beanspruchen, weshalb die Erdregierung unbedingt verhindern will, dass sich die Nachricht verbreitet. Doch in der Mondkolonie gibt es offensichtlich einen „Maulwurf“ der Föderation. Der irdische Geheimdienst „Central Intelligence“ schickt den als Analytiker getarnten Agenten Bertram Sadler auf den Mond, um den ‚Verräter‘ ausfindig zu machen. Dort gerät er zwischen die Fronten und ist zudem fasziniert von dieser fremden, aufregenden Welt, was ihn seinen Auftrag in Frage stellen lässt, während der Konflikt sich stetig zuspitzt und sogar ein Krieg zwischen Erde und Föderation bevorsteht …

Alte Probleme auf neuen Welten

Im August 1951 veröffentlichte das SF-Magazin „Thrilling Wonder Stories” eine novellenlange Erzählung des Schriftstellers Arthur C. Clarke. Dieser sah offenbar weiteres Potenzial in seinem Text, weshalb er ihn zu einem Roman erweiterte, der 1955 ebenfalls unter dem Titel „Earthlight“ (und bereits zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt als „Um die Macht auf dem Mond“) erschien.

Liest man dieses Buch heute, so wird eines schon nach wenigen Seiten klar: Dies ist keiner jener zeittypischen Schnellschüsse, deren Autoren das Weltall als Abenteuerspielplatz nutzten (und oft genug missbrauchten). Clarke zählt zu den Großmeistern der Science Fiction. Vor allem sein Frühwerk setzte Meilenstein um Meilenstein in einem Genre, das (viel zu) lange als unterhaltsamer Bodensatz der Literatur abgetan wurde.

Inhaltliche Dichte und formale Prägnanz sorgen zusammen mit einem in Jahrzehnten absichtslos gewachsenen, aber ausgeprägten Nostalgiefaktor für noch heute spannende Lektüre. Clarke wurde schon zu Lebzeiten gern ein Hang zu eher spröden Figuren vorgeworfen. Auch Bertram Sadler ist vor allem Projektionsfläche für einen Erkenntnisfortschritt, den der Verfasser im Rahmen seiner Geschichte thematisieren möchte: Wie verhält sich der einzelne, abseits der ‚großen‘ Politik stehende Mensch, wenn er in eine Situation gedrängt wird, die ihn überfordert und zu Entscheidungen zwingt, die er nicht treffen möchte? Sadler ist der typische Herr Jedermann. Er könnte als willfähriger Mitläufer seinen Auftrag erfüllen (was ihm übrigens/allerdings erst drei Jahrzehnte später ‚gelingt‘, da er ein miserabler Spion ist), doch die Verhältnisse vor Ort bringen ihn ins Grübeln - ein Prozess, der sich hinzieht, was ungeduldige Leser, die lieber die Blaster knallen hören, Clarke offen angekreidet haben.

Neue Horizonte erfordern ein neues Denken

In dieser Geschichte geschieht wenig - vordergründig jedenfalls. Immer wieder wird die Handlung ausgesetzt, weil Clarke seinen Lesern die lunare Welt einer Zukunft verstellt, die im Rückblick ein Gefühl der Traurigkeit weckt: So meisterhaft vorgestellt vergessen wir leicht, dass der verlockende Fortschritt à la Clarke seine Schattenseiten wie Umweltzerstörung oder Ressourcenvergeudung hätte, die der Autor - weil überwunden oder unerheblich - nie erwähnt.

An abenteuerlichen Episoden mangelt es aber nicht. Sie sorgen vor allem im letzten Drittel für einen episodischen Charakter, der die Geschlossenheit der Vorgeschichte aufbricht, sind jedoch unterhaltsam, wobei in erster Linie eine Rettung aus Raumnot - ohne Raumanzüge müssen die Schiffbrüchigen sich ins Vakuum des Alls wagen - im Gedächtnis bleibt. Nichtsdestotrotz ist „Erdlicht“ ‚erwachsene‘ SF, in der keine manisch übereifrigen, karikaturesk überspitzten Heldengestalten aus Wissenschaft und Militär ihr Unwesen treiben. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg konnte und wollte Clarke nicht ausblenden, dass Schlüsse aus der jüngsten Vergangenheit gezogen werden sollten, zumal sich ein „Kalter Krieg“ nahtlos in eine unheilvolle Zukunft zu verlängern begann.

Der Mensch muss hinaus ins All; so lässt er den irdischen Horizont und die dadurch beschränkte Weltsicht hinter sich: Solcher „New-Frontier“-Optimismus war verbreitet, obwohl die reale Raumfahrt  diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs vor allem ein militärisches Projekt war. Clarke favorisiert das freie Zusammenspiel zum Wohl der Gemeinschaft: ein oft missbrauchtes Ideal, das der Autor mit Leben füllt, ohne die damit verbundene Schwierigkeit zu verschweigen: Historisch tief eingeprägte Denk- und Verhaltensmuster sind schwer zu überwinden. Entsprechende Gedankenspiele und Diskussionen füllen ebenfalls viele Seiten, wo ‚typische‘ SF-Autoren bereits die Weltraumkriegstrommeln gerührt hätten. Zu allem Überfluss bleibt Clarke unparteiisch: Die „Erde“ und die „Föderation“ sind keine Stellvertreter für „Westen“ und „Ostblock“, es gibt überhaupt keine ‚Guten‘ und ‚Bösen‘, was bemerkenswert für einen in den 1950er Jahren geschriebenen SF-Roman ist!

Faszination eines nie realisierten Alltags

Ungeachtet der immer wieder ‚ausgesetzten‘ Handlung schreitet der Konflikt zwischen Erde und Föderation kontinuierlich voran - erst im Hintergrund, bis er im Finale sogar zu einer Raumschlacht ausartet, die Clarke demonstrativ nüchtern und glanzlos beschreibt. Einen ‚Gewinner‘ gibt es nicht, sondern nur Tote und ernüchterte Überlebende, die im letzten Moment begreifen, wie nahe sie am Abgrund stehen und deshalb die Einigung suchen: dies ohne Garantie - auch hier bleibt Clarke Realist - sie immer finden zu können. Damit ist der erste Schritt in eine konstruktive und gemeinsame Zukunft getan.

Wenn dies geschieht, ist uns diese zukünftige Welt nicht nur vertraut geworden, sondern ans Herz gewachsen. Geradezu hymnisch schildert Clarke den Mond als Natur- und (künstlichen) Lebensraum. Modernen Bestseller-Autoren wie Andy Weir („Der Marsianer“, „Artemis“) ist er allemal gewachsen! Sonnenaufgang auf dem Mond, Fahrten ‚über‘ lunare ‚Meere‘ und Krater, beleuchtet vom Schein einer fernen Super-Nova: Intensiv, mit Liebe zum Detail und absolut kitschfrei lässt Clarke den ‚toten‘ Mond lebendig werden. (Die schriftstellerische Freiheit entschuldigt seine ebenso fehler- wie zauberhafte Schöpfung einer lunaren Pflanzenwelt.)

Clarke ist als Schriftsteller beileibe kein nüchterner Technokrat, ‚obwohl‘ er sich weigert, „Erdlicht“ mit einschlägigen Spannungselementen sowie einer in Not geratenen Jungfer zu ‚bereichern‘. Die Liebe beschränkt sich auf einen Brief, den Sadler seiner auf der Erde zurückgebliebenen Gattin schickt. Ansonsten ist eine „love story“ schlicht überflüssig in der Geschichte, die Clarke erzählen will. Die Liebe gilt hier einer keineswegs perfekten, aber lebenswerten Welt - dem Mond, den Clarke ins „Erdlicht“ taucht: Auch wenn er die Erde verlässt, wird und sollte der Mensch seinen Heimatplaneten nie vergessen!

Fazit:

Dieses Meisterwerk der Science Fiction bettet eine ‚ernsthafte‘ Handlung, die in einer zwar fortschrittlichen, aber von altbekannten menschlichen Konflikten geprägten Zukunft spielt, in eine heute nostalgisch-altmodische, jedoch weiterhin grandios beschriebene Mond-Welt ein. Jenseits genreüblicher Schwarzweiß-Malerei sind auch die Figurenzeichnungen und ein nachdenkliches Finale, das ohne erhobenen Zeigefinger, aber deutlich daran erinnert, dass Fortschritt sich nicht auf Technik beschränken darf.

Erdlicht

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