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Michael Drewniok
Todesjagd als Medienspektakel

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2019

2025 werden die USA durch eine praktisch endlose Wirtschaftskrise gebeutelt. Umweltzerstörung und -verschmutzung haben die Lage verschärft. Nahrungsmittel sind knapp und teuer, und die Atemluft ist vor allem in den Großstädten mit Giftstoffen belastet - eine Tatsache, die der Bevölkerung tunlichst vorenthalten wird. Dies ist möglich, weil die faschistoide Regierung quasi den Dauer-Notstand ausgerufen und die Bürgerrechte abgeschafft hat. Dies soll auch Regimekritikern den Mund stopfen, die von einer zu Bütteln verkommenen ‚Polizei‘ verfolgt und ausgeschaltet werden.

Um dem trotzdem schwelenden Volkszorn ein Ventil zu verschaffen, arbeitet die Regierung eng mit einem Fernsehen zusammen, das seine Zuschauer beschwichtigen und ablenken soll. Dies wird vor allem durch eine Flut brutaler Reality-Shows garantiert, in denen die ‚Teilnehmer‘ für Preisgeld an potenziell tödlichen ‚Spielen‘ teilnehmen. Besonders beliebt ist die Show „Menschenjagd“, deren Teilnehmer versuchen, sich 100 Tage vor Kopfjägern, Polizisten und beutelustigen Mitbürgern zu verbergen, die hohe Prämien kassieren, wenn sie das vogelfreie Opfer verraten oder gar töten können.

Ben Richards meldet sich als Kandidat. Mit Gattin Sheila gehört er zur Unterschicht und schlägt sich mühsam durchs Leben. Nun ist die zweijährige Tochter Cathy erkrankt und benötigt medizinische Versorgung, die sich die Eltern nicht leisten können. Dan Killian, Produzent von „Menschenjagd“, erkennt das Potenzial des Kandidaten, den er quotenträchtig zum Schurken aufbaut. Die Rechnung geht zunächst auf, zumal Richards die Hatz länger als erhofft durchhält. Als er allerdings die daraus resultierende Popularität nutzt, um das System anzuprangern, zieht dieses alle Register, um den lästigen Störenfried zum Schweigen zu bringen …

Bevor er berühmt wurde

Stephen King gehört seit vielen Jahren zu jenen Schriftstellern, die den globalen Buchmarkt scheinbar automatisch dominieren. Was auch immer er schreibt, es klettert in den Bestsellerlisten dorthin empor, wo Geld und Ruhm warten. King ist quasi zum multimedialen Fixstern geworden, denn obwohl er es längst nicht mehr nötig hätte, hat sein Fleiß nie nachgelassen: Er schreibt und schreibt - und schreibt.

Seine frühen Jahre als Schriftsteller waren mühsam und frustrierend. Kings Autobiografie ist bekannt, weshalb seine Leser wissen, dass er als unterbezahlter (und alkoholsüchtiger) Lehrer mit seiner Familie in einem Trailer hausen musste, bis sich in den 1980er Jahren endlich der ersehnte Erfolg einstellte. Zuvor hatte King sich mehrfach als Autor versucht, aber niemand gefunden, der seine Romane veröffentlichte. Nachdem „Stephen King“ zum „branding“ wurde, beschloss der auf diese Frühwerke durchaus stolze Autor, sie unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Aus „Stephen King“ wurde „Richard Bach“, dessen Werke mit denen Kings zwar nicht mithalten konnten, sich aber gut verkauften. Nachdem das Versteckspiel endete, griffen erwartungsgemäß alle King-Fans zu, die wissen wollten, ob „Bach“ ihnen ebenfalls den gewünschten Lesestoff bieten konnte.

„Menschenjagd“ hat King angeblich im Winter 1971 binnen dreier Tage in seine Schreibmaschine gehauen. Solche Informationen sollte man eher anekdotisch deuten, zumal King genug Zeit blieb, sein Werk zu überarbeiten: „Menschenjagd“ erschien erstmals 1982. Der Eindruck von Hast und Hektik spiegelt sich primär in einer Handlung wider, die eine rasante Hetzjagd darstellt. Dies unterstützt eine Unterteilung in 100 kurze Kapitel, die rückwärts gezählt werden und einen Countdown imitieren, dessen Ende identisch mit dem spektakulären Finale der Geschichte ist.

Solidarität als Illusion

In „Menschenjagd“ erzählt King eine Geschichte, deren inhaltliche Brisanz durch den Film von 1987 in den Hintergrund geraten ist. Heute wirkt sein Blick auf das Jahr 2025 trotz zahlreicher Anachronismen unangenehm aktuell: So dürften die USA in gar nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich aussehen, wenn auf den Demagogen Trump weitere ‚Führer‘ folgen sollten, die noch fixierte Menschenrechte aushebeln, um ihre Unfähigkeit und ihren Unwillen zu vernebeln, dringende wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme tatsächlich anzugehen.

Wenn „Menschenjagd“ ein wenig angestaubt wirkt, so liegt dies u. a. daran, dass zumindest das TV-Programm viel von dem verwirklicht hat, was King 1982 noch als Schreckensvision darstellte. Zwar dürften sich Menschen (noch) nicht auf Leben und Tod vor der Kamera messen, aber ansonsten ist eigentlich alles möglich. „Panem et circensis“ - „Brot und Spiele“: Bereits der antikrömische Dichter Juvenal brachte es im Zeitalter blutiger Arena-Spektakel auf den Punkt. Der Mensch hat sich nicht wirklich geändert. Unter der dünnen Tünche der „Zivilisation“ schaut er in bequemer Sicherheit weiterhin gern Zeitgenossen zu, die sich öffentlich zum Narren machen - oder sterben.

Kings USA-Bild ist generell düster. Die Bürger beugen sich einem Regime, das sie begünstigt, solange sie ihm beugen sowie ‚produktiv‘ sind. Werden sie ‚aussortiert‘, kontrolliert und kriminalisiert man sie, was die Restbevölkerung in der Hoffnung duldet, selbst vom Abstieg verschont zu bleiben. Solidarität ist unter diesen Umständen eine gefährliche Ausnahme. Stattdessen beteiligt man sich mehrheitlich an der Menschenjagd.

Der Kessel explodiert

Die traurige Realität des Jahres 2025 stellt uns King vor, indem er Ben Richards im Verlauf seiner Flucht mit ‚exemplarischen‘ Mitbürgern konfrontiert. Ausführlich schildert er beispielsweise die Begegnung mit einer privilegierten Frau, die Richards als Geisel nimmt. Sie muss erfahren, dass sie in die „Menschenjagd“ integriert wird, statt gerettet zu werden. Parallel dazu findet ein quälender Lernprozess statt, der davonbläst, was das System in die Köpfe seiner Nutznießer eingegeben hat.

Vom Zahn der Zeit deutlich angenagt ist Kings Konstrukt einer Widerstandsbewegung, die sich (recht plakativ, manchmal sogar peinlich) am Beispiel zeitgenössischer „Black-Power“-Bewegungen orientiert, deren Schlagwörter und Ziele King ein wenig zu übertrieben zitiert. Dazu passt ein Ende, das zwar ebenso tragisch wie ‚logisch‘, aber schlicht unwahrscheinlich ist.

Generell ist King stark, wenn er sich auf Ben Richards und seine kleine, elende Welt konzentriert. In dieser Hinsicht wirkt der Film zum Buch konsequenter, weil er das Geschehen konzentriert. Wenn King Richards durch Nordamerika flüchten lässt, bleiben Erlebnisse und Begegnungen episodisch. Dass diese USA am Rande einer Revolte oder eines ökologischen Kollapses stehen, bleibt Behauptung. King will seinen Roman binnen 72 Stunden geschrieben haben: Hier glaubt man ihm, denn das Konzept wirkt nur unzureichend ausgearbeitet, weshalb „Menschenjagd“ letztlich eine nie ausgegorene Mischung aus Action und Kritik bietet.

„Running Man“ - der Film

Nachdem die Katze bzw. der King aus dem Sack war, wurde Hollywood aufmerksam.  „Menschenjagd“ kam 1987 ins Kino, doch wer sich den Film anschaute, musste sich mit beträchtlichen Änderungen abfinden. In den 1980er Jahren waren testosterongetränkte Action-Filme, deren Helden Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone oder Chuck Norris hießen, überaus erfolgreich: Medikamentengedopte Muskelpakete lehrten Schurken und Außerirdische Mores, indem sie ihnen buchstäblich die Ärsche aufrissen und dabei faule One-liner-Witzchen rissen.

Da Ben Richards von Arnold Schwarzenegger gemimt (bzw. verkörpert) wurde, fiel Kings Systemkritik unter den Tisch. Schwarzenegger konnte als Richards kein Opfer sein oder gar sterben. Stattdessen stellt er sich heldenhaft dem allgegenwärtigen Polizeistaat entgegen und legt ihn quasi im Alleingang lahm. Das „Menschenjagd“-Spielfeld wurde auf ein abgeriegeltes Viertel der Stadt Los Angeles verkleinert, in dem theatralische Wrestling-Mutanten ihre ‚Mitspieler‘ möglichst blutig niedermetzelten (weshalb „Running Man“ hierzulande zwischen 1989 und 2014 indiziert war und nur gekürzt veröffentlicht werden durfte).

Schon 1987 blieb die Resonanz auf den Film durchwachsen. „Running Man“ konnte nicht zum Klassiker reifen. Zu schlicht ist das Drehbuch, zu einfallsarm die Regie, zu statisch der ‚Held‘, der viel zu stark wirkt, um jemals glaubhaft in Lebensgefahr zu geraten. Positiv ist die im Vergleich zum Roman deutlich zynischere Sicht auf eine jegliche Moral verleugnende Fernsehwelt, die allerdings gleichzeitig mit einschlägigen Schauwerten bedient wird.

Fazit:

Die rasante Action-Handlung findet vor einem dystopischen Hintergrund statt, der den Verfasser als (weitsichtigen) Pessimisten zeigt; die Kluft zwischen „reich“ und „arm“ wird bei King zur (befestigten) Grenze, hinter der die Privilegierten gesetzliche und moralische Solidarität mit Füßen treten, um weiterhin auf Kosten der weniger Glücklichen existieren zu können - eine Botschaft, die im „Running-Man“-Film von 1987 nicht ohne Grund ausgeblendet wurde.

Menschenjagd - Running Man

Menschenjagd - Running Man

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