Couch-Wertung:

85°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

2 x 91°-100°
2 x 81°-90°
1 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:86.6
V:5
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":1,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":1,"85":1,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":1,"95":1,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Michael Drewniok
Ein Killer-Hund kommt ins Grübeln

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2019

„Ich bin ein guter Hund“: Solange er dieser Maxime folgen kann, ist für Rex die Welt in Ordnung. „Hund“ ist allerdings ein Euphemismus, denn tatsächlich zählt Rex zu den „Bioformen“: Die Naturwissenschaftler dieser nahen Zukunft kombinieren tierische und menschliche DNS, um daraus Chimären zu schaffen - lebende Kampfmaschinen, denen zudem Arme, Hände und der aufrechte Gang angezüchtet wurden. Die Bioformen sind flexibler als Roboter sowie kostengünstiger ‚herzustellen‘. Ihren Gehirnen wird der unbedingte Wille zum Gehorsam eingeprägt.

Aktuell sind Rex und seine Bioform-Kampfgefährten - die Bärin Honey, der Chamäleon-Waran Dragon und das Bienen-Kollektiv Bees - in der südmexikanischen Provinz Campeche im Einsatz. Dort sollen sie im Dienst des privaten ‚Sicherheitsdienstes‘ „Redmark“ einen Aufstand der „Anarchistas“ niederschlagen, damit die Geschäfte der im Land präsenten Großkonzerne wieder reibungslos laufen. „Redmark“-Ausputzer Jonas Murray unterscheidet nicht zwischen ‚Terroristen‘ und unbeteiligten Zivilisten, gegen die er auch Giftgas einsetzt. Da die Welt allmählich aufmerksam wird, soll Murray Zeugen und Spuren der angerichteten Gräuel verwischen. Deshalb müssen Rex und seine Gruppe immer öfter wehrlose Zivilisten niedermetzeln. Obwohl „Bioformen“ nicht selbstständig denken sollen, macht sich Rex Gedanken.

Als Murray entdeckt, das die in sein Lager gekommene Ellene Asanto keine Repräsentantin seiner Auftraggeber, sondern eine Undercover-Agentin ist, die Beweise für die „Redmark“-Machenschaften sammelt, kommt es zu einem Gewaltausbruch, der auch die Kontrolle über die „Bioformen“ beendet: Rex, Honey, Bees und Dragon sind ‚frei‘. Verwirrt flüchten sie in die Wildnis, wo sie erstmals über ihre Existenz nachdenken. Wo ist ihr Platz in einer Welt, in der man sie fürchtet und auslöschen will? Da die Kampfkraft der Gruppe gewaltig ist, hängt vom Ergebnis dieser Überlegungen viel für die Menschen (nicht nur) in Campeche, aber auch für die Bioformen ab …

Zweck und Mittel

Seit mindestens 15000 Jahren, wahrscheinlich schon sehr viel länger gehören Mensch und Hund zusammen. Kein anderes (Haus-) Tier steht dem Menschen so nahe; man kann von einer Symbiose sprechen. Was als Zweckgemeinschaft begann, wurde zu einer echten Beziehung mit allen Vor- und Nachteilen, wobei letztere vor allem den Hund trafen: Da er ‚nur‘ ein Tier ist, sah und sieht sich der Mensch im Recht, ihn so zu ge- bzw. verunstalten, wie er es für richtig hält oder mag. Dem ‚verdanken‘ wir u. a. bizarre Rassen wie den Mops, den Nackthund oder den Chihuahua, aber auch den Kampfhund, eine lebende Waffe, die ohne entsprechenden Schein auch von Hohlköpfen und gefährlichen Spinnern gehalten werden darf.

Schon früh hat der Mensch die Kraft des Hundes eingesetzt bzw. missbraucht. Ein Kampfhund muss groß, stark und leicht manipulierbar sein, um ihn gegen andere Menschen einsetzen zu können. Das ist möglich, und es wird weiterhin praktiziert, wobei die Furcht, von einem wilden bzw. wildgemachten Tier angefallen zu werden, ein Bonus ist: Oft genügt der Anblick eines ‚bösen‘ Hundes, um ein Opfer einzuschüchtern.

Adrian Tchaikovsky spielt dies nicht nur durch, sondern treibt es auf die Spitze. Rex, Honey, Bee und Dragon sind groteske Mischwesen, die aufgrund zwar limitierter, jedoch vorhandener Intelligenz in der Lage sind, vor Ort selbstständig im Sinne ihrer ‚Herren‘ zu ‚funktionieren‘. Über entsprechende Chimären wird realiter längst nachgedacht, denn im ‚Dienst der guten Sache‘ - die jeweils nach dem Willen des Auftraggebers definiert wird - wäre ein nichtmenschlicher ‚Soldat‘ eine feine Sache, weil gewissenfrei, widerspruchslos, günstig in der ‚Produktion‘ und leicht zu ersetzen bzw. zu ‚entsorgen‘, wenn es notwendig scheint.

Schreckgespenst des freien Willens

Was wäre jedoch, würde sich eine solche Kreatur ihrer nicht nur bewusst, sondern auch einen freien Willen entwickeln? Rex ist keineswegs der erste Hund, der an diesem Scheideweg steht. Bereits Olaf Stapleton (1886-1950) thematisierte in „Sirius“ (1944; dt. „Sirius“) die möglichen Konsequenzen auf unterschiedlichen Ebenen. Dean R. Koontz ging mit „Watchers“ (1987; dt. „Brandzeichen“) das Problem emotionaler an: Das Böse, das hier mordend umgeht, ist das Opfer einer genetischen ‚Programmierung‘, die ihm keine Alternative lässt, während der ebenfalls ‚verbesserte‘, aber ‚gute‘ Hund den Weg zur freien Entfaltung des Geistes findet. Kenneth van Gunden ließ in vier Bänden zwischen 1990 und 1993 das „K-9-Corps“ sogar außerirdisch als Troubleshooter agieren. Hinzu kamen und kommen unzählige andere Tiere - gern Menschenaffen oder Delfine -, die unter Menschen ihren Platz finden möchten.

Tchaikovsky zieht sämtliche Register = kreist um die Frage, auf welche Weise/n dies ge- oder misslingen könnte. Die Minderheit in Konfrontation mit der übermächtigen, ängstlichen, zu rigorosen ‚Endlösungen‘ neigenden Menschheit ist ein bekannter (SF-) Plot. Tchaikovsky erfindet dieses Rad keineswegs neu, aber er dreht es in der aktuellen Gegenwart. Anders ausgedrückt: Faktisch mag „Im Krieg“ eine Variation des Plots ‚a la „Planet der Affen“ sein, doch die Welt hat sich oft gedreht, seit diese Geschichte erstmals erzählt wurde, was sich in den Neuverfilmungen widerspiegelt. Auch mag „Im Krieg“ manchmal ein wenig zu deutlich wie ein Planspiel wirken, dessen Verfasser bemüht ist, keinen Aspekt des Themas zu vernachlässigen. Nichtsdestotrotz gelingt es Tchaikovsky, sein Anliegen lesenswert deutlich zu machen.

Die Story gliedert sich in mehrere Groß-Episoden. Zunächst lernen wir Rex und seine Gefährten als reibungslos ihren Morddienst leistende Werkzeuge kennen - und fürchten, denn der Autor schildert im Detail, was diese mit ihren Opfern anstellen. Es folgt die ‚Abnabelung‘ mit allen, ebenfalls eindringlich beschriebenen Reaktionen, als die Bioformen sich neu definieren müssen. Dem schließt sich die Konfrontation mit der Welt der Menschen an, die fasziniert, voller Furcht und unentschlossen mit der Hand am Abzug entscheiden müssen, ob sie die Bioformen an ihrer Seiten dulden oder vorsichtshalber auslöschen wollen. Die Entscheidung leitet in eine Zukunft über, die eine Koexistenz beschreibt, ohne die weiterhin vorhandenen Schattenseiten zu verschweigen.

Man muss Realist bleiben

Was zu einer höchstens actionlastigen Schwarz-Weiß-Darstellung hätte gerinnen können, wird von Tchaikovsky dramatisch und spannend präsentiert. „Im Krieg“ ist durchaus ein ‚echter‘ Science-Fiction-Roman. Es geht um elementare Fragen des Menschseins, doch der Autor schildert außerdem eine Welt im wissenschaftlichen Aufbruch, der unberechenbar, aber nicht zu stoppen ist. Neue Bioformen entstehen, und bald lassen sich auch Menschen ‚aufrüsten‘: Die Vorteile locken stärker, als die Nachteile drohen.

Man könnte den Verfasser einen Zyniker nennen, denn „Im Krieg“ endet alles andere als happy. Stattdessen muss man Tchaikovsky Anerkennung zollen: Er beschreibt den Fortschritt als Fluss, der keineswegs in einem Delta bestmöglicher Lösungen mündet, sondern verschlungene Wege geht, Neben- und Totarme bildet sowie Gedankenschutt mit sich trägt. Unterm Strich ist Fortschritt für ihn das Ergebnis unzähliger Kompromisse und Irrtümer.

Obwohl zahlreiche Bioformen auftreten, stellt Tchaikovsky Rex in den Mittelpunkt. Gerade seine (missbrauchte) Loyalität als „bester Freund des Menschen“ macht ihn zum idealen Vermittler. (Hinzu kommt, dass Söldner, die für Geld kämpfen, abwertend „dogs of war“ genannt werden.) Der Autor verzichtet auf eindeutige Schuldzuweisungen und Sentimentalitäten. Obwohl die Geschichte episodisch aufgebrochen ist, fügt sie sich zu einer Gesamtheit. Andere Autoren hätten die Lücken gefüllt, obwohl dies nicht erforderlich ist. Tchaikovsky füllt zügig, zielorientiert und ohne Schaumschlägerei 400 Seiten - eine Tugend, die in dieser Ära der Kaugummi-SF eindeutig positiv heraussticht, (Allerdings muss erwähnt werden, dass Tchaikovsky als Autor mehrerer SF-Serien durchaus in die Breite gehen kann!)

Fazit:

Die alte, aber jederzeit aktuelle Frage, ob der Mensch seine Position als „Krone der Schöpfung“ teilen würde, erhält keine grundsätzlich neue, aber plausible und spannende Antwort. Inhaltlich und formal hat der Autor den roten Faden fest im Griff, und er drischt kein Seitenstroh, um sein Werk auf das heutzutage allzu übliche Backsteinformat zu bringen.

Im Krieg

Im Krieg

Deine Meinung zu »Im Krieg«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Schreibe den ersten Kommentar zu diesem Buch.