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Marcel Scharrenbroich
auF der andEren seiTe bist du… gotT!

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jan 2020

„Keine Sorge. Probier’s weiter.“

Christopher Reese ist siebeneinhalb Jahre alt. Für sein Alter hat der Junge aber bereits einiges in seinem Leben zu verkraften gehabt. Sein Vater beging Selbstmord und Christopher fand ihn leblos im Badezimmer. Seitdem zieht seine Mutter Kate ihn alleine groß… falls sie nicht gerade alle Hände voll damit zu tun hat, sich ihrem gewalttätigen Liebhaber Jerry entgegenzustellen. Bereits das erste Mal hätte ein Mal zu viel sein sollen, doch nach einem erneuten Ausraster hat Kate Reese Kind und Kegel gepackt und die Flucht ergriffen. Seitdem hielt es Mutter und Sohn nie lange an einem Ort und es standen häufige Umzüge an. Aktuell steht Pennsylvania auf der Reiseliste, in der Hoffnung, dort endlich langfristig Fuß fassen zu können.

Für einen guten Schüler wären die häufigen Orts- und damit auch Schulwechsel in dem jungen Alter wohl spielend zu meistern gewesen, doch Christopher ist wahrlich nicht von der Lern-Muse geküsst. Beim Lesen vertauscht er ungewollt die Buchstaben und auch Mathematik ist ein wahres Grauen für ihn. Ein Buch mit sieben… nein, sogar acht Siegeln. Seine Mutter versucht zwar immer wieder ihren Sohn aufzumuntern und zu unterstützen, doch insgeheim hat Christopher die Hoffnung schon aufgegeben, dass er mal ein geistiger Überflieger wird. Hänseleien an der neuen Schule helfen da auch nicht unbedingt. Noch bevor er sich richtig im überschaubaren Örtchen Mill Grove eingelebt hat, bekommt Christopher jedoch ganz andere Probleme, die spöttische Scherze seiner Mitschüler regelrecht harmlos erscheinen lassen.

Es fängt mit einer Stimme an, die Christopher in den angrenzenden Missionswald lockt. Einmal dort, spuckt das dichte Grün den Jungen erst nach sechs Langen Tagen wieder aus. Ebenso wie Kate Reese und der alarmierte Sheriff, ist auch Christopher ratlos, was in dieser Zeit mit ihm passierte. Wo genau und warum er im Wald war. Ihm fehlt jede Erinnerung an das Geschehene. Doch etwas hat er mitgebracht… Plötzlich liest er fehlerfrei Texte. Der Logik-Knoten, der ihm die Mathematik fernhielt, löst sich und tatsächlich steht der kleinen, gebeutelten Familie ein Lotto-Gewinn ins Haus. Und zwar einer, der sich gewaschen hat. Mit einem Schlag ist Kate Reese alle Schulden der Vergangenheit los und kann mit ihrem Sohn das zweckmäßig bewohnte Motel gegen ein angemesseneres Domizil eintauschen. Zudem findet Christopher Freunde, mit denen er sich die Zeit vertreibt. Klingt, als wäre ein Traum wahrgeworden.

Diese unfassbare Glückssträhne hat allerdings auch ihre Schattenseiten, denn Christopher wird immer häufiger von dröhnenden Kopfschmerzen geplagt. Außerdem hört er immer noch die Stimme… eine Stimme, die er als „der nette Mann“ bezeichnet. Von ihm bekommt der Junge einen Auftrag. Er soll mitten im Missionswald ein Baumhaus bauen. Warum weiß er zwar nicht, doch es soll bis Weihnachten fertig sein. Mithilfe seiner neuen Freunde nimmt Christopher dieses Unterfangen in Angriff, natürlich ohne ihnen von den Regieanweisungen des „netten Mannes“ zu erzählen. Wie besessen arbeitet Christopher an der rechtzeitigen Fertigstellung und ignoriert sogar Verbote seiner Mutter. Doch mit Erreichen des Ziels ist es nicht getan, denn Christopher ist ein wichtiges Puzzleteil in einem unheilvollen Spiel, das schon über Jahrzehnte auf einem Brett namens Mill Grove gespielt wird. Schon bald häufen sich die mysteriösen Vorgänge in der Kleinstadt und Christopher schwebt in Lebensgefahr. Die Bedrohung offenbart sich Stück für Stück und nimmt schon bald apokalyptische Ausmaße an. Und das Schicksal von Mill Grove und weit darüber hinaus liegt in den Händen eines kleinen, siebenjährigen Jungen…

Lieber heute als morgen…

…habe ich diesen Roman regelrecht durchgeprügelt. Mit einem motivierenden „Komm, ein Kapitelchen noch“ überwand ich jeden Anflug von Müdigkeit und machte so manche Nacht zum Tag. Als hätte ich es geahnt, freute ich mich seit Bekanntgabe der Veröffentlichung auf Stephen Chboskys neustes Werk. Diese Ahnung kam nicht von ungefähr, denn schon sein Debüt-Roman „Das also ist mein Leben“, der im amerikanischen Original als „The Perks of Being a Wallflower“ bereits 1999 veröffentlicht wurde, begeisterte mich ungemein. Chbosky übernahm Mitte 2011 auch gleich die filmische Inszenierung seines gefeierten Young Adults-Romans und nahm auf dem Regiestuhl Platz. Ende 2012 startete „Vielleicht lieber morgen“ auch in Deutschland und gehört für mich zum mit Abstand Besten, was das Coming-of-Age-Genre zu bieten hat. Angefangen von dem herausragenden Ensemble um Logan Lerman, Emma Watson und Ezra Miller, über die tolle Bildsprache der Umsetzung, bis hin zum grandiosen Soundtrack, der perfekt gewählt wurde. Temptation von NEW ORDER, THE SMITHS mit Asleep, IMAGINE DRAGONS‘ It’s Time oder der unsterbliche DAVID BOWIE mit Heroes. Hier sitzt jeder musikalische Beitrag wie eine Eins. Hier zeigt sich wirklich der Vorteil, wenn ein Regisseur sein eigenes Buch für die Leinwand adaptiert. Er hat die Bilder bereits beim Schreiben im Kopf und muss nicht verkrampft die Daumen drücken, dass ein vom Studio bestellter Filmemacher auch die Intention des Schriftstellers sieht und nicht am Thema vorbei inszeniert. Alles schon passiert, was besonders häufig vorkommt, wenn Hollywood ausländische Stoffe durch den Massenmarkt-Mixer kurbelt. Mit „Der Dunkle Turm“ haben sie es allerdings geschafft, auch eine heimische Vorlage komplett zu besudeln… anderes Thema.

Nachdem Stephen Chbosky Mitte der 2000er-Jahre die kurzlebige Serie „Jericho“ produzierte und mit „Vielleicht lieber morgen“ sein Regiedebüt gab, schrieb er 2017 noch am Drehbuch von Disneys Real-Film-Adaption von „Die Schöne und das Biest“ mit, was ihn erneut zu einer Zusammenarbeit mit Emma Watson brachte, bevor Chbosky 2017 den Regieposten bei der gefeierten Roman-Verfilmung „Wunder“, nach dem Buch von Raquel J. Palacio, übernahm. Das Film-Genre ist dem Roman- und Drehbuchautor aus Pittsburgh also nicht fremd, was man seinem zweiten literarischen Werk auch deutlich anmerkt. „Der unsichtbare Freund“ ist über seine fast epische Länge von über 900 Seiten regelrecht filmisch inszeniert. Dies überträgt sich auch hervorragend auf den Leser, da die Handlung Szene für Szene auf einer inneren Leinwand flimmert. Dass Mammut-Werke auch gerne mal zweiteilig in die Kinos kommen können, hat jüngst erst „ES“ in zwei separat angelegten Kapiteln gezeigt. Und sollte ein großes Studio mal geneigt sein, eine Menge Kohle in die Hand zu nehmen, wäre es zu wünschen, wenn Stephen Chbosky selber ans Werk gehen würde… alles andere würde mich nachhaltig zerstören, da er beim Schreiben sowohl mit viel Fingerspitzen- als auch Feingefühl vorgegangen ist.

Königliches Gesamtpaket

Der zweite Roman in 20 Jahren… und der zweite Volltreffer! Chbosky beweist, dass er nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegt ist und lässt nach einem Jugendroman im Coming-of-Age-Stil einen waschechten Horror-Thriller folgen. Auch in „Der unsichtbare Freund“ geht er sehr behutsam mit seinen Figuren vor und nimmt sich viel Zeit, um eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Die übernatürlichen Elemente fließen nur langsam ein, damit der Leser eine Bindung zum siebenjährigen Christopher aufbauen kann. Eine gelungene Herangehensweise, die das Mitfiebern (im wahrsten Sinne des Wortes) im weiteren Verlauf noch auf die Spitze treibt. Denn spätestens im letzten Drittel geht es inhaltlich über Tische und Bänke und die Handlung überschlägt sich atemlos und spannend. Doch schon viel früher zieht Chbosky die richtigen Fäden und stellt damit die Weichen für ein episches, überlanges Finale. Kein Handlungsstrang wirkt aufgesetzt oder als Mittel zum Zweck. Es gibt einfach keine Längen, was bei einem solchen Umfang schon bemerkenswert ist. Selbst in den leisen Passagen läuft der Autor zu Hochform auf, was noch längst keine Selbstverständlichkeit ist. Je schmaler der Klotz an noch verbleibenden Seiten wurde, desto trauriger stimmte mich der Gedanke, bald Abschied von den liebgewonnenen Charakteren nehmen zu müssen.

Natürlich liegen thematisch Vergleiche mit Stephen King nahe. Zumindest wildert Stephen Chbosky in dessen favorisierten Jagdgebieten. In der Horror-Steppe gibt es allerdings genügend Platz… und davon kann der Genre-Neuling auf Anhieb ein gewaltiges Areal für sich beanspruchen. Anders als King, der ebenfalls häufig junge Protagonisten für seine Schauer-Stücke zwischen die Buchdeckel wirft, wirken die Kids bei Chbosky irgendwie authentischer. Ich nehme seinem Christopher die Verzweiflung, Angst und aufkeimende Stärke deutlich mehr ab, als beispielsweise Stephen Kings zwölfjährigem Luke Ellis in dessen „Das Institut“. „Der unsichtbare Freund“ drückt einfach die richtigen Knöpfe beim Leser. Scheinbar mühelos wird hier in Regionen vorgedrungen, die höchstens der king’sche Klub der Verlierer in „ES“ erreichen konnte.

Handwerklich auf Top-Niveau… und mit ein paar optischen Kniffen bei der Schriftart, sorgt Chbosky dafür, dass man regelrecht in die Handlung des dicken Brockens gesaugt wird. Das Hardcover mit rotem Lesebändchen und treffend gestaltetem Schutzumschlag ist im Heyne-Verlag erschienen und eine uneingeschränkte Empfehlung für… für… für JEDEN, der nur ansatzweise gerne liest.

Fazit:

Es bleibt zu hoffen, dass nicht wieder 20 Jahre ins Land ziehen, bis Stephen Chbosky seinen nächsten Roman vorlegt. „Der unsichtbare Freund“ ist nämlich nahe an der Perfektion und im Genre der übernatürlichen Mystery-Thriller erreicht er diesen Status sogar. Auch deshalb, weil Chbosky auch hier seine bisherigen Stärken ausspielen kann… die mit dem jungen Christopher - quasi in einer Coming-of-Age-Vorstufe - positiv hervorstechen.

Der unsichtbare Freund

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