Die Farben der Magie

Erschienen: Mai 2015

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Lars Hermanns
Geschmackssache...

Buch-Rezension von Lars Hermanns Jul 2006

Die gesamte Geschichte spielt in einer Welt, die der unseren so ähnlich ist...  und sich doch so gänzlich von ihr unterscheidet. Die Scheibenwelt ist eine Welt, wie sie sonderbarer kaum sein könnte. Eine große, geschlechtslose Schildkröte (Groß-A’Tuin) schwimmt durch den interstellaren Ozean. Auf ihrem Rücken befinden sich vier riesige Elefanten (Berilia, Tubul, Groß-T’Phon und Jerakeen), die ihrerseits die Scheibenwelt auf ihrem Rücken tragen. Den Rand dieser bizarren Scheibenwelt bildet ein riesiger Wasserfall, der sich an ihm in die unendlichen Tiefen stürzt.

In dieser Welt trifft nun ein Tourist namens Zweiblum ein. Der erste Tourist, der die große Stadt Ankh-Morpork je betreten hat. Dieser wirft förmlich mit Gold um sich und ahnt nicht, in welche Gefahr er sich mit seinem Verhalten bringen kann. Dabei trifft er auf den erfolglosen Magier Rincewind, der es ebenfalls auf sein Gold abgesehen hat. Zusammen mit Zweiblums magischer Schatztruhe erleben sie Abenteuer, wie sie sonderbarer kaum sein können...!

Zeitsprünge und verschobene Dimensionen

Aufgrund diverser Kritiken war ich auf einiges gefasst gewesen. Doch generell hatte ich ein Abenteuer erwartet, das vielleicht ein wenig an ";Der Herr der Ringe"; erinnern mochte. Eine uns fremde Welt voller magischer Geschöpfe und Wesen mit einem Kampf von Gut gegen Böse.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt....!

Obwohl dieses Buch nur 270 Seiten hat, habe ich mich doch denkbar schwer damit getan. Normalerweise hätte ich einen Roman dieser Stärke in wenigen Stunden durchgelesen. Hier war jedoch alles vollkommen anders.

Terry Pratchett hat in meinen Augen leider die schlechte Angewohnheit, zwischen einzelnen Szenen und Ereignissen wild hin- und herzuspringen. Dadurch fällt es einem gelegentlich sehr schwer, die Zusammenhänge richtig zu erkennen. So erfährt man zunächst, wer Rincewind ist. Dieser erzählt, was er kurz zuvor in Ankh-Morpork erlebt hat und weshalb die Stadt in Flammen steht. Dann geht die Geschichte plötzlich in der Gegenwart weiter. Doch nicht nur Zeitsprünge werden immer wieder in einer Form des heillosen Durcheinanders beschrieben. Nein, es werden sogar Dimensionen ineinander verschoben. Phantasie und Wirklichkeit werden schier miteinander vermengt und lassen sich zeitweise nur schwer voneinander unterscheiden.

Die Geschichte an sich ist eigentlich sehr interessant aufgezogen. Obwohl die Scheibenwelt der unseren so fremd zu sein scheint, finden wir doch immer wieder Parallelen zu unserer Erde. Erinnern wir uns: Bevor Christopher Columbus im Jahre 1492 Amerika entdeckte, waren die Gelehrten der Meinung, dass die Erde eine Scheibe sei, die hinter dem Horizont in einem Wasserfall ende, der die Schiffe ins Nichts stürzen ließe. Erst durch die erfolgreiche Überquerung des Atlantiks durch die Niña, Pinta und Santa Maria wurde deutlich, dass man auf einer Westroute nach Indien gelangen konnte. Nur wusste damals noch niemand, dass es eben nicht Indien, sondern Amerika war. Und diese Begebenheit von einst wurde hier offensichtlich aufgegriffen und phantastisch umgesetzt.

Weitere Parallelen finden sich nun auch zwischen der Scheibenwelt und dem, was wir unter ";Unterhaltung"; verstehen. So treffen Rincewind und Zweiblum auf den Barbaren Hrun. Dieser ist ein wackerer Streiter, wie man sich vielleicht Conan vorstellen mochte. Witzig ist hierbei, wie dieser Barbar sein Leben bzw. seine Berufung betrachtet. Er ist ein Held. Und Helden haben verschiedene Aufgaben zu erfüllen: Schätze rauben, Jungfrauen retten (und entjungfern) und jeden Gegner im Kampf besiegen. Und dies wird in diesem Buch wirklich eindrucksvoll beschrieben. Wir haben also schon Barbaren und Zauberer, die unsere Geschichten und Märchen seit langer Zeit eine gewisse Würze verleihen. Doch damit noch lange nicht genug.

Anleihen bei Lovecraft?

Zweiblum selbst wird als ein Mann mit vier Augen beschrieben. Wenn man das Buch aufmerksam liest, dann wird einem klar, dass es sich wohl eher um einen Mann mit Brille handeln wird. Seine Beschreibung passt nämlich nicht wirklich zu einem Monster. Und vier Augen lassen tatsächlich auf eine Brille schließen. Er scheint also eine Art von ";normalem"; Menschen zu sein, der jedoch vom so genannten Gegengewichts-Kontinent entstammt. Ein Ausländer also. In seiner Begleitung befinden sich jedoch zwei Dinge, die ihn dann wieder weniger ";normal"; wirken lassen. Da wäre zum einen seine magische Schatztruhe, die ihrem Herrn überall hin folgt. Sie besitzt mehrere hundert Beine und scharfe Zähne, die sie zur Verteidigung des Inhaltes einzusetzen vermag. Und dann gibt es da noch einen kleinen Kasten, mit dem Zweiblum Bilder machen kann. Zunächst dachte ich an einen Fotoapparat. Später wurde jedoch klar, dass ein kleiner Gnom in diesem Kasten sitzt, der flink die Bilder zeichnet. Witzige Kombination aus Realität und Phantasie.

Es gibt im Verlauf der Abenteuer immer wieder weitere Momente, die einen daran erinnern, dass es sich um eine Fantasy-Geschichte handelt. Drachen dürfen dabei natürlich auch nicht fehlen.

Alles in allem hat Terry Pratchett eine Welt erschaffen, die garantiert ihre Anhänger gefunden haben wird. Ich finde die Abenteuer auch nicht wirklich schlecht, doch hätte mir eine bessere Struktur der Geschichte deutlich besser gefallen. Sie folgt nämlich leider keinem klaren Schema, sondern springt - wie eingangs erwähnt - inhaltlich immer wieder vor und zurück. Dadurch wird es einem teilweise schon arg erschwert, den Faden nicht zu verlieren. Was dann noch befremdlicher war, das ist die Szene, in der Rincewind und Zweiblum plötzlich an Bord eines Passagierflugzeugs sind, ehe sie wieder in ";ihre"; Welt zurück finden. Hierbei hat Terry Pratchett offensichtlich ein Thema aufgegriffen, das schon bei diversen Science Fiction Stories Anwendung gefunden hat: das Paralleluniversum bzw. die zweite Dimension.

Befremdlich finde ich bei diesem Abenteuer aber auch, dass sich Terry Pratchett offensichtlich bei dem Autor H.P. Lovecraft bedient zu haben scheint. In der Geschichte der Scheibenwelt taucht nämlich immer wieder ein Monster auf, das genauso beschrieben wird, wie die ";Großen Alten"; des Cthulhu-Mythos’ von H.P. Lovecraft. Unförmige Wesen mit Papageienschnäbeln und Tentakeln bewehrt sind vermutlich nicht wirklich zufällig in beiden Autorenköpfen entstanden.

Detailliert, aber unorthodox

Ich würde DIE FARBEN DER MAGIE als gewöhnungsbedürftig bezeichnen. Es ist in meinen Augen eine Geschichte, die man entweder mag oder eben nicht. Mir persönlich hat sie nicht ganz so gut gefallen, wie ich erwartet hätte. Vieles war zu verworren und unorthodox umgesetzt. Sehr schön fand ich hingegen, wie detailliert Pratchett seine Scheibenwelt vorgestellt hat. Ihre Struktur und die unterschiedliche Lebensweisen ihrer Bewohner. Durchdacht und intelligent umgesetzt. Doch eben zugleich auch chaotisch und unkoordiniert.

Dies führt mich zur abschließenden Bewertung mit ";mittelprächtig"; und einer Empfehlung mit Vorbehalt. Man muss sich wirklich im Klaren darüber sein, dass diese Geschichte mit keiner anderen Fantasy-Geschichte vergleichbar ist. Vielmehr würde ich sie eher als Märchen bezeichnen. Mit einem Fantasy-Abenteuer à la ";Herr der Ringe"; hat sie leider wirklich nicht viel gemein. Das wird auch an den verschiedenen Charakteren mehr als überdeutlich.

RINCEWIND, der erfolglose Zauberer, der nicht einmal den ersten Abschluss geschafft hat. Der Zauberer, dessen einzige ";magische"; Fähigkeit darin besteht, Gefahren zu trotzen und dem Tod (zu dessen Leidwesen) immer wieder von der Sense zu springen. Vor Jahren hat er einen übermächtigen Zauber in sich aufgenommen. Doch gelingt es ihm bislang nicht, diesen auch nur ansatzweise einzusetzen. Gegen Ende des Buches erfährt man dann auch, weshalb er so erfolglos ist. Ein Feigling, der Problemen lieber aus dem Weg geht, und der ein Meister darin ist, sich zu verstecken.

ZWEIBLUM ist der Tourist, der alles, was ihm widerfährt, nur als großes Abenteuer betrachtet. Naiv und unbesonnen gerät er von einer Gefahr in die nächste. Immer darauf sinnend, dass einem Touristen doch nichts widerfahren würde. Mord und Totschlag sieht er als Vergnügen an. Eine Eigenschaft, die in unserer Zeit durch die Medien zunehmend auch uns widerfährt. Sensationsgier, ohne zu bedenken, welche Schicksale vielleicht dahinter verborgen sein mögen.

Wer verworrene Märchen mit diversen Seitenhieben und Parallelen mag, der wird vermutlich begeistert sein.

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