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Michael Drewniok
(Spuren-) Jagd auf den Urvater (fast) aller Vampire

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2019

Erwartungsgemäß steht der Roman von Bram Stoker im Zentrum dieses voluminösen Bandes. Obwohl die Zahl derer, die „Dracula“ nur aus Film und Fernsehen kennen, global deutlich höher sein dürfte als die derjenigen, die das Buch gelesen haben, ist die Story weidlich bekannt und muss an dieser Stelle nur skizziert werden:

Graf Dracula, der vor Jahrhunderten zum Vampir mutierte, damit quasi unsterblich wurde sowie buchstäblich überirdische Mächte entfesseln kann, will das heimatliche Transsilvanien verlassen und neue Jagdgründe erschließen. Er hat sich entschlossen, die aufstrebende Industrienation England heimzusuchen. Umständlich lockt er einen Juristen in sein Schloss, um in und um London diverse Immobilien zu erwerben, die ihm als Schlupfwinkel dienen sollen, damit er ungestört seiner nächtlichen Nahrungsaufnahme frönen kann: Dracula ernährt sich von Menschenblut!

Zwar kommt der Graf nach England, aber sein Plan fliegt auf. Unter der Leitung des Wissenschaftlers van Helsing macht sich ein kleines Team von Vampirjägern daran, Dracula zu verfolgen und ihm den Garaus zu machen. Der listige Blutsauger fügt seinen Verfolgern manche Schlappe zu, flüchtet dann aber zurück nach Transsilvanien, wo es vor den Toren seiner Burg zum finalen Kampf zwischen Untod und Leben kommt …

Dem Roman folgt als „Appendix 1“ ist die Erzählung „Draculas Gast“. Zunächst sollte dieser Text in den Roman integriert werden, wurde aber von Stoker gestrichen und 1914 (von seiner Witwe) erstmals als separate Story veröffentlicht.

Roman und Erzählung sind mit zahlreichen Anmerkungen versehen. Herausgeber Leslie S. Klinger kommentiert den Text der ungekürzten Originalausgabe dort, wo sich heutigen Lesern Fragen stellen. „Dracula“ erschien erstmals 1897. Was für Stokers Zeitgenossen Allgemeinwissen war, ist inzwischen oft in Vergessenheit geraten. Klinger entschlüsselt historisch politische, kulturelle, juristische oder künstlerische Chiffren, deren Kenntnis das Verständnis des Romans erleichtert und erweitert.

Graf Dracula als ‚historische‘ Figur

Bram Stoker hätte sich seinerzeit über mehr Resonanz gefreut. „Dracula“, der Roman, an dem er Jahre gearbeitet hatte, war zunächst kein Erfolg. Dass sich dies nach seinem Tod 1912 allmählich und dann schlagartig änderte, war Stokers persönliche Tragödie (aber ein Glücksfall für seine Witwe und Kinder). Nichtsdestotrotz setzte „Dracula“ 1897 Maßstäbe, auch wenn vieles von dem, was wir heute mit dem Vampirgrafen verbinden, nicht auf Stokers Mist gewachsen ist - eine Wortwahl, die übrigens Absicht ist, denn zu den Einsichten, die wir Leslie Klinger verdanken gehört, dass „Dracula“ ein erstaunlich schlecht konstruiertes Buch ist.

Wobei die Betonung auf „konstruiert“ liegt. Unzählige Anmerkungen legen offen, wie sorglos bzw. gleichgültig Stoker mit Geografie, Zeit und Handlungsabläufen umgegangen ist. Seit Jahrzehnten scheitern „Dracula“-Nerds an einer verlässlichen Chronologie der Ereignisse, obwohl Stoker vorgeblich präzise Daten und Tageszeiten nennt. Klinger zieht daraus den Schluss, dass hier etwas vertuscht werden soll: Er geht (spielerisch) davon aus, dass „Dracula“ auf realen Ereignissen beruht, deren ‚Dokumentation‘ (= der ‚Roman‘ „Dracula“) nachträglich bearbeitet wurde, um Beteiligte zu schützen; zu diesen könnte sogar Dracula selbst zählen, der seinen Tod nur markierte, um weiterhin ungestört sein Unwesen treiben zu können.

Stoker waren die Widersprüche gleichgültig - und er hatte Recht: So unlogisch sein Garn auch sein mag, funktioniert es trotzdem als spannende Unterhaltung. Klinger kann zwar Widersprüche und Irrtümer ‚erklären‘. Dadurch verwandelt er allerdings diese „kommentierte Ausgabe“ in eine weitere Fiktion. Vor allem in Teil 2 („Der Graf im Spiegel von Literatur und Wissenschaft“) muss Klinger die die Realität seiner ‚Dracula-Verschwörung‘ anpassen. Die objektiven Fakten beißen sich nicht selten mit Klingers ‚Fakten‘. Entsprechende Erklärungen nehmen viel Raum ein, den Klinger besser der „Dracula“-Materie gewidmet hätte.

Mitgerissen von einer Lawine sekundärer Fakten

Klinger bezeichnet Stoker Notizen zu Transsilvanien, den Vampirismus, über Wahnsinn (Stichwort Renfield) und andere romanrelevante Themen als „Papiere“ = Primärquellen einer Handlung, die sich (mehr oder weniger) tatsächlich abgespielt hat. Der eigentliche Roman wird bei Klinger zur ‚frisierten‘ Version, die sich dem Fachmann aufgrund ihrer Fehler entlarvt.

Die Kommentare sollen auf diese Weise entlarvende Korrektur sein, womit Klinger auch daran erinnert, dass „Dracula“ zum Spielball durchaus intellektueller Deutungs-Zirkel geworden ist, die sich detailliert mit dem Roman beschäftigen und praktisch jede Äußerung auf möglichen Subtext destillieren. Freilich überträgt sich dieses Vergnügen nicht unbedingt auf die Leser, zumal sich Geschwätzigkeit als unerfreuliche Konsequenz einstellt. Es stört und ärgert, dass viele Fußnoten reine Nitpickerei darstellen. Klinger bombardiert uns mit Antworten auf Fragen, die kaum jemand stellt; er mag oder kann sich nicht auf das Wesentliche beschränken. Daher muss man die wirklich interessanten Fakten aus überflüssigem Faktenschutt waschen.

So löst jeder Ortsname eine Flut von Informationen aus, die für das Geschehen schlicht belanglos sind. Stoker wusste das, und auch Klinger dürfte bekannt sein, dass es das Privileg jedes Autors ist, sich die Realität zu Eigen zu machen = der erzählten Geschichte anzupassen. Dass sich daraus Diskrepanzen ergeben (weshalb Burg Dracula im Finale völlig anders aussieht als in den Auftaktkapiteln), fügt Klinger umständlich in jene ‚Verschwörung‘ ein, die dafür sorgen soll, dass „Dracula“ als ‚Bericht‘ unerkannt bleibt.

Ein Gruselgarn wird zum modernen Mythos

„Dracula“ hat sich nach Stokers Tod zu einem multimedialen Phänomen entwickelt. Flankiert wird die kommentierte Romanausgabe von Aufsätzen, die sich mit der Vorgeschichte und dem Nachleben des Buches beschäftigen.

Vor den Roman stellt Klinger einleitend das Kapitel „„Dracula im Kontext“. Er führt uns in die viktorianische Welt ein, in der nicht nur die eigentliche Geschichte spielt, sondern auch Bram Stoker fest verwurzelt war. „Dracula“ stellt eine Sammlung zeitgenössischer Regeln und Moralvorstellungen dar, deren Wissen u. a. über jene heute endlosen Passagen hinweghilft, in denen Stoker damit ringt, die erstaunlich handlungsaktive Mina Harker einerseits als „neue Frau“ darzustellen, während sie andererseits dem „Frau = Engel = Hüterin des Heims“-Klischee der spätviktorianischen Ära nicht so entwachsen soll, dass dadurch Leser ‚moralisch‘ empört werden: Die „kommentierte Ausgabe“ erschien vor der „#MeToo“-Ära, deren Vertreter/innen Stokers Frauenbild sicherlich ausführlicher kommentieren würden …

Weiterhin thematisiert Klinger die Entstehungsgeschichte des Romans, der keineswegs das Vampir-Genre begründete. Klinger skizziert die „Vampirliteratur vor ‚Dracula‘“. Außerdem stellt er uns Bram Stoker vor, der um 1900 eher als Theater-Manager denn als Schriftsteller bekannt war, und geht auf die (scheinbar realen) Biografien der Hauptpersonen des Romans ein, wobei Dracula (alias Vlad „der Pfähler“ Tepes?) im Vordergrund steht. Schon jetzt wird deutlich, woran Klingers Beiträge generell kranken: Sie bleiben oberflächlich. Das mag dem Umfang des Gesamtwerks geschuldet sein, widerspricht aber dem Anspruch an eine „kommentierte“ Ausgabe.

Zuviel des (nicht durchweg) Guten

Zu den reizvollen, aber sinnlosen, weil nie wirklich zu lösenden ‚Problemen‘ gehören „Die Datierung von ‚Dracula‘“ (Appendix 2) und „Die Chronologie von ‚Dracula‘“ (Appendix 3). Der (ohnehin durch den Zahn der Zeit angenagte) Unterhaltungswert des Romans leidet darunter, dass den Lesern unlogische Handlungswendungen und -brüche, chronologische Widersprüche oder echte Fehler unter die Nasen gerieben werden. Solche Bockschüsse sind (manchmal) interessant, prägen aber nicht das Bild, das jede/r Leser/in sich von „Dracula“ macht. Nicht grundlos (und völlig richtig) hebt Klinger hervor, dass gerade seine „Polyphonie“ dieses Garn über seine Mängel erhebt: „Dracula“ WILL kein ‚runder‘ Roman sein, sondern präsentiert sich als Sammlung von Tagebucheinträgen, Zeitungsartikeln u. a. Quellen, die sich nie zu einem vollständigen Bild zusammenfügen. Zudem lässt Stoker mehrere ‚Zeugen‘ ‚sprechen‘, deren Erinnerungen eine individuelle, oft eingeschränkte Sicht widerspiegeln. „Dracula“ wird dadurch zu einem Episodenroman, dessen Lücken die Leser für sich füllen sollen und können.

Unter dem Obertitel „Der Graf im Spiegel von Literatur und Wissenschaft“ informiert uns Klinger darüber, wie Dracula zum heute global omnipräsenten Archetyp aufsteigen konnte. Er verfolgt dessen Spur durch immer neue Buch- und Comic-Inkarnationen („Dracula nach Stoker. Das literarische Nachleben des Grafen“), schildert aber auch wie dieser literaturwissenschaftlich zu Ehren kam („Sex, Lügen und Blut. Dracula in der akademischen Welt“). (Manche Aficionados gründeten sogar langlebige Clubs und Zirkel, die uns der Autor als „Draculas Freunde“ vorstellt.) Zur ‚Wissenschaftlichkeit‘ der kommentierten „Dracula“-Ausgabe passt eine Bibliographie, die allerdings eher bunt als faktentief wirkt; außerdem wurden die Titel bereits in den Kommentaren zitiert.

Selbstverständlich geht Klinger auf Dracula als Theater-, Film- und Fernsehfigur ein, wobei er auf prominente Verkörperer wie Bela Lugosi oder Christopher Lee eingeht („Das offizielle Leben Draculas. Dracula auf Bühne und Leinwand“). „Draculas Stammbaum“ ist ein Blick auf den Blutsauger als historisch reale Kreatur, die ihr zugeschriebenen Eigenschaften und deren Differenzierung bzw. Variation, nachdem der Vampir nicht nur zum multimedialen Phänomen bzw. Mythos wurde, sondern sich im Zuge dieser Evolution veränderte, sich den Zeitläufen anpasste und quasi immer wieder ‚neugeboren‘ wurde. Abgeschlossen wird das Buch von einem (flüchtigen) Blick auf „Das Manuskript“, womit Stokers Arbeitsnotizen und ein (eher zufällig erhaltenes) Korrekturexemplar des Romans gemeint sind.

Handwerklich gefällt diese Ausgabe als solides, „bibliophiles“ Buch, fest gebunden und auf feines Papier gedruckt; der Kaufpreis ist nicht grundlos recht hoch, zumal dies kein Werk für die Freunde des eher vordergründigen, auf den Effekt zielenden (oder auf den Punkt kommenden) Horrors ist. Anzumerken ist die mittelmäßige bis mindere Qualität vieler Abbildungen. Dies betrifft primär jene eigentlich detailreichen Bilder, die viel zu kleinformatig wiedergegeben werden. Zu erkennen ist dann nur wenig, was den gewünschten Informationszweck torpediert. Die großformatigen und farbigen Titelbilder und Filmplakate sind deutlicher, zeigen aber ebenfalls oft Druckschwächen.

Dass die „Große kommentierte Ausgabe“ arg veraltet ist, kann nicht Klinger angelastet werden. Sein Werk wurde nur übersetzt, aber nicht aktualisiert, was angesichts der Tatsache, dass sich Draculas Welt seit 2007 weitergedreht und erheblich entwickelt hat, ein echtes Manko darstellt.

Fazit:

Was 1897 als wenig beachteter Schauerroman erstveröffentlicht wurde, zeigt sich hier als wahrer Buchklotz, der bereits optisch verdeutlicht, dass sich ein untoter Blutsauger zum modernen Mythos aufgeschwungen hat. Die zahlreichen Kommentare liefern viele heutzutage in Vergessenheit geratene Hintergrundinformationen, verlieren sich allerdings oft in ausufernden Belanglosigkeiten. Zum Roman kommen interessante Fakten über den ‚historischen‘ Dracula und sein ‚Fortleben‘ in allen Medien, wobei negativ auffällt, dass der Informationsfluss 2007 endet. Für „Dracula“-Fans (bzw. „Dracula“-Nerds) ist dieses Buch dennoch eine Fundgrube.

Dracula - Große kommentierte Ausgabe

Dracula - Große kommentierte Ausgabe

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