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Michael Drewniok
Fatale Faszination einer fruchtlosen Vergangenheit

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2019

Die Welt befindet sich Anno 2827 wieder im Mittelalter. Vor acht Jahrhunderten brach die Hightech-Zivilisation der Vorfahren binnen kurzer Zeit zusammen. Nur noch Ruinen und rätselhafte Artefakte künden von vergangener Größe. Sie werden gleichermaßen bestaunt und gefürchtet von den Menschen einer Epoche, die aus der Katastrophe mehrheitlich diese Lehre gezogen haben: Technik ist des Teufels, weshalb eine wieder mächtig gewordene und misstrauische Kirche (wohl nicht nur) in England streng darauf achtet, dass entsprechende Neugier oder gar die Nachahmung einstiger ‚Wunder‘ bereits im Keim erstickt wird - eine Prozedur, die für „schuldig“ befundene Zeitgenossen in der Regel nicht überleben.

In Exeter schickt Bischof Pole den Jung-Priester Christopher Fairfax in das entlegene Dorf Addicott St. George. Dort verlor Pfarrer Thomas Lacy durch einen ominösen ‚Unfall‘ sein Leben. Ausgerechnet Kirchenmann Lacy war besessen von der Vergangenheit und besaß eine Sammlung streng verbotener Objekte und Bücher. Addicott birgt diesbezüglich reiche Schätze - vor allem auf dem „Teufelsstuhl“, wo ein mysteriöser Turm ohne Fenster und Zugänge aus dem Boden ragt. Hier fand man Lacy mit eingeschlagenem Schädel. Dass es bei seinem Ende nicht mit rechten Dingen zuging, verkündet der ebenfalls der Ketzerei verdächtige Historiker Nicholas Shadwell ausgerechnet während der Trauerfeier.

Trotz seines Pflichtbewusstseins kann Fairfax seiner Neugier nicht widerstehen. Er vertieft sich in Pfarrer Laceys Bücher und erfährt zumindest in Umrissen von jener Krise, die 2025 zur Katastrophe führte. Unter Shadwells Leitung und finanziert vom gierigen Captain John Hastings wird auf dem „Teufelsstuhl“ gegraben. Fairfax nimmt teil, obwohl sich die Anzeichen mehren, dass fremde Augen das Unternehmen beobachten. Doch die schöne Lady Sarah Durston hat Fairfax den Kopf verdreht, weshalb er ignoriert, dass sich Unheil über der Gruppe zusammenbraut …

Flaue Geschichte einer alternativen Geschichte

Robert Harris gehört zu den erfolgreichen Schriftstellern der Gegenwart. Jedes neue Werk wird - flankiert von lautstarker Werbung - in die Buchladenketten geschafft, um dort in hohen Stapeln feilgeboten zu werden. Die Rechnung geht insofern auf, als Harris‘ Romane sich in jenen „Bestsellerlisten“ wiederfinden, die gern als Maßstab für Erfolg bzw. Qualität herangezogen werden, obwohl sie eher aktuelle Lesemoden widerspiegeln.

„Der zweite Schlaf“ ist ein ausgezeichnetes (= trauriges) Beispiel. Das Buch wird sich zufriedenstellend verkaufen, obwohl sich keine Lektüre-Empfehlung aussprechen lässt. Tatsächlich scheint der Verfasser selbst ratlos gewesen zu sein, welche Geschichte er eigentlich erzählen will. Faktisch ist „Der zweite Schlaf“ ein Roman ohne Handlung in dem Sinn, dass sich aus einer interessanten Ausgangssituation ein spannendes Geschehen entwickelt, das in einem ‚aufklärenden‘ Finale gipfelt.

Immerhin: Harris startet vielversprechend, obwohl zumindest diejenigen Leser, die sich in der Science Fiction auskennen, auf die ‚eigentliche‘ Überraschung warten: Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet der große Robert Harris ein stinknormales „Post-Doomsday“-Garn spinnt! Doch genau das IST dieses Buch, dessen Titel unfreiwillig die Reaktion der Leser zusammenfasst, je weiter die Lektüre fortschreitet.

Nach dem Knall …

Zunächst versucht Harris uns weiszumachen, dass Christopher Fairfax tatsächlich ein Mann des Mittelalters ist. Er bekräftigt dies durch Situationsschilderungen, die uns aus einschlägigen Historienromanen bekannt sind. Hier und da streut Harris anachronistische Details ein, die uns verwirren und den Aha-Effekt vorbereiten sollen: Diese Geschichte spielt in der Zukunft, wobei diese kein erfreulicher Ort ist (und leider auch kein interessanter). Harris scheint vorauszusetzen, dass diese Konstellation neu = überraschend ist. Setzt er darauf, dass die Science Fiction noch immer ein Inseldasein jenseits der ‚richtigen‘ Literatur fristet, zu der dieser Roman zählen soll? Dies wäre ein ‚Plan‘, der schon daran scheitern würde, dass zahlreiche Autoren längst jenen Plot-Pool ausgeschöpft haben, an dessen Oberfläche Harris zaghaft ein wenig Schaum schlägt.

(Für ihn) schlimmer noch: Sie haben sehr oft sehr viel besser erzählt, statt rotfadenlos durch eine flüchtig zusammengestichelte Episodensammlung zu treiben. Will man es auf die Spitze treiben, könnte man feststellen, dass Walter M. Miller, jr (1923-1996) in „A Canticle for Leibowitz“ (dt. „Ein Lobgesang auf Leibowitz“) bereits 1959 alles Relevante zum Thema „(Katholische) Kirche nach der Apokalypse“ gesagt hat.

Harris hat dem nichts hinzuzufügen. Er reißt Themen an, vertieft sie, um sie umgehend zu vergessen, und setzt an anderer Stelle an, wo er ebenfalls stockt. Geht es um Mord? Gibt es eine Intrige? Verbirgt sich unter dem „Teufelsstuhl“ ein Geheimnis, das die Vergangenheit ‚erklärt‘? Jedes Mal kann man dies bejahen, ohne mit zufriedenstellenden Antworten belohnt zu werden.

… ist schon wieder vor dem Knall

Harris ergeht sich in ausführlichen Beschreibungen einer „Post-Doomsday“-Kultur, in der schon wieder der Wurm steckt. Offenbar sollen die Leser einen Verständnisbogen zur untergegangenen Vergangenheit = unserer Gegenwart schlagen. Welche Lehren sollen wir ziehen? Klagt Harris die globale Digitalisierung an? Den Klimawandel? Den Brexit? Möglicherweise will er schlicht andeuten, dass der Mensch es noch jedes Mal versaut hat, einen echten Neuanfang zu schaffen. Der Titel mag darauf anspielen: Angeblich wacht der Mensch gegen Mitternacht auf, um nach einer Pause erneut und dieses Mal bis zum Morgen einzunicken. Erst dann wacht er erfrischt und tatendurstig auf. Laut Harris hätte die Menschheit ihren zweiten Schlaf = ihre zweite Chance vertan. Dieser Schluss würde zum höhepunktfreien Finale passen: Letztlich werden wir alle sterben, so viel wir auch wissen und so sehr wir uns auch wehren. Eine solche Quintessenz ist durchaus legitim. Sie sollte jedoch die Lektüre wert sein. In unserem Fall kann man nur darüber froh sein, sich endlich zur letzten Seite durchgekämpft zu haben.

Sollte die Zukunft à la Harris dem schleichenden Untergang geweiht sein, sorgt das nicht für Betroffenheit. Die geschilderte Welt wird von Hohlköpfen und Pappkameraden bevölkert. (Dies schließt ganz im Sinn der modernen Gleichberechtigung die weibliche Hauptfigur ein.) Christopher Fairfax ist und bleibt ein naiver Tropf, der intellektuell immerhin über einer Dorfbevölkerung steht, die Harris offenbar bei Monty Python („Die Ritter der Kokosnuss“ bzw. „Jabberwocky“) entliehen und mit dem „Komödienstadl“ abgestimmt hat.

Die Christen-Kirche hat sich dorthin zurückgekämpft, wo sie Dan Brown & Co. seit jeher sehen. Ihre scheinheiligen Repräsentanten hocken auf zusammengeraubten Sach- und Wissensschätzen, die sie keineswegs herausrücken wollen. Da ist es kein Wunder, dass Harris Bischof Pole im Finale wie einen Schwarzen Engel einschweben lässt, damit er - Orwell lässt grüßen - schnell & tückisch noch mit einigen finsteren Wahrheiten aufwarten kann, bevor ihn Gottes Faustschlag trifft ... Nein, „Der zweite Schlaf“ ist kein gutes Buch, um es objektiv auszudrücken, sondern eine Zumutung, die der Autor möglicherweise über seine Leser bringt, weil ein vertraglich festgelegter Abgabetermin ihn zur Herausgabe eines Manuskripts zwang, das eigentlich noch ein Entwurf war.

Fazit:

Routiniert geschriebener, jedoch inhaltlich missratener, mit Klischeefiguren durchsetzter Roman, dessen (der Science Fiction entlehnte) Handlung ziellos und ideenfrei über die Seiten mäandriert, um in einem Finale zu (ver-) enden, das die Ratlosigkeit eines Verfassers zu verraten scheint, der dieses (Mach-) Werk nur noch los sein wollte: erwähnenswert höchstens als Beispiel für gelungenen Marketing-Hype.

Der zweite Schlaf

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