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Lisa Reim
Die Bürokratie des Grauens

Buch-Rezension von Lisa Reim Mai 2020

Nach einem Aufstand, der mit Gewalt von der Regierung beendet wurde, ist in dem namenlosen arabischen Land nichts mehr, wie es einmal war. Aus dem Nichts ist ein Tor in der Wüste erschienen, und was es mit dem Gebäude dahinter auf sich hat, weiß niemand so genau. Dennoch wird dieses Tor zum Lebensmittelpunkt der Bevölkerung, denn für jede noch so geringe Kleinigkeit brauchen sie dessen Genehmigung. Die Menschenmenge, die in der Wüste auf die Öffnung wartet, wird immer größer. Und mit ihr die Hilflosigkeit und Wut angesichts der undurchschaubaren Bürokratie eines Regimes, das die Menschen kleinzuhalten versucht.

Inmitten dieser Menschenmassen befindet sich der angeschossene Yahya. Er braucht eine Genehmigung, um die Kugel in seinem Körper herausoperieren zu lassen. Eine Kugel, die ihn bei einer Auseinandersetzung zwischen Staat und Volk getroffen hatte. Doch dieses Ereignis hat offiziell nie stattgefunden.

Machtmissbrauch eines totalitären Staates

Ein bedrückendes Setting hat die ägyptische Autorin Basma Abdel Aziz mit ihrer Geschichte über eine der Willkür des Staates ausgelieferte Bevölkerung da geschaffen.  Obwohl im arabischen Raum angesiedelt, stehen die dargestellten Strukturen symbolisch für jedwedes diktatorische Regime: Ein Staat, der die Menschen mit Gewalt unterdrückt, und eine absurde Form der Bürokratie, der das Wohl der Leute vollkommen egal ist. Das Tor als Hoffnungsschimmer ist dabei eine perverse Farce, denn in der Schlange gibt es kein Vorankommen, tagelang, wochenlang. Und ob es sich überhaupt öffnen wird, weiß keiner.

Anhand von Einzelschicksalen werden den Lesern die zermürbenden Auswirkungen dieses kafkaesken Systems nähergebracht. Trotzdem ist der rote Faden nicht immer deutlich. Ohne erkennbares Ziel bewegt sich die Geschichte immer wieder zwischen den Perspektiven hin und her und geht dabei nicht in die Tiefe: Die Handlung tritt auf der Stelle. Damit reflektiert der Erzählstil den Inhalt des Buches und führt den Unsinn der bürokratischen Folter vor Augen. Ein schöner Kniff, aber spannend zu lesen ist das nicht, und auch das Ende liefert keinen Höhepunkt. Man darf also nicht den Fehler begehen und dieses Buch als leicht zu verdauendes Stück Unterhaltungsliteratur betrachten.

Trocken wie die Wüste selbst

Nicht nur inhaltlich, auch stilistisch ist dieses Buch keine leichte Kost. Sprachlich sympathisiert der Text mit Beamtensprache und kommt oft genauso zäh daher. Vieles wird einfach nur nacherzählt, es gibt kaum Dialoge oder szenische Umsetzungen. Den Figuren kommt man deshalb leider nicht sehr nahe, was angesichts der psychischen Auswirkungen des totalitären Systems recht schade ist. Natürlich ist auch diese Distanz zwischen Lesern und Figuren nur Sinnbild für die Diskrepanz zwischen Bevölkerung und Staatsmacht. Das macht die Lektüre jedoch nicht weniger anstrengend.

Fazit:

„Das Tor“ ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, sowohl was den deprimierenden Inhalt als auch den Erzählstil angeht. Auch wenn der Vergleich mit Kafkas „Prozess“ oder Orwells „1984“ naheliegen mag, an deren Raffinesse kommt Basma Abdel Aziz nicht heran. Am Ende lässt man es einfach über sich ergehen – wie die Figuren in dem Buch.

Das Tor

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