The Passengers - Du entscheidest über Leben und Tod

Erschienen: Juni 2020

Couch-Wertung:

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Marcel Scharrenbroich
Kontrollverlust

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2020

StVO §1 Grundregeln (1) *

Wir kennen sie alle… oder sollten es zumindest: Die Straßenverkehrsordnung. Auch wenn viele Verkehrsteilnehmer den Blinker (korrekt: Fahrtrichtungsanzeiger) mittlerweile als Sonderausstattung anzusehen scheinen und dessen Benutzung für überflüssig erachten und der Ausspruch „Der Vollidiot hat seinen Führerschein wohl im Lotto gewonnen!!!“ näher an der Realität ist, als er eigentlich gemeint ist, da schon mehrfach bewiesen wurde, dass zwielichtige Gesellen ordentlich Kohle mit falsch ausgestellten Fahrschul-Dokumenten machen und somit für wenige Hundert Euro ein Lappen über den Tisch geht, obwohl der Käufer niemals eine Fahrschule (geschweige denn einen Fahrersitz) aus der Nähe gesehen hat, sollte man das Flensburger-Punkte-Konto und den deutschen Bußgeld-Katalog nicht unterschätzen. Bei Missachtung drohen nicht unempfindliche Strafen, die mit Blick auf die Raser-Szene, denen man die Pappe per se auf Lebenszeit entziehen sollte, allerdings gar nicht hoch genug ausfallen könnten.

Davon abgesehen, dass gerade Großstädte immer mehr Boliden zu beheimaten scheinen und man kaum noch eine Straße auf Fahr- und Gegenfahrbahn passieren kann, ohne dass einer von beiden in eine (kaum vorhandene) Parklücke ausweichen muss, gestaltet sich die Fahrerei eh immer mehr zum Abenteuer. Da kannst Du der beste Autofahrer der Welt sein, wenn andere Verkehrsteilnehmer - mit Handy am Ohr, Fluppe in der Schnauze und der freien Hand entspannt den Lack der Fahrertür-Außenseite kraulend – ihre geleasten Proll-Kutschen wie die letzten Henker mit den Knien durch die Gegend lenken. Die möchte man in ihren tiefergelegten und knüppelharten Blech-Särgen am liebsten sofort unter die Erde treten. Wäre es da nicht schön, wenn man sich keine Sorgen mehr über rücksichtslose Lenkrad-Rambos machen müsste? Noch besser, sich selber nicht mehr den Nacken verrenken und für andere aufpassen müssen? Sich während der Fahrt anderen Sachen zu widmen und Kontrolle voll und ganz an die Technik abtreten? Einsteigen, Ziel eingeben, sich Zurücklehnen und entspannt und mit konstantem Blutdruck am Wunschort austeigen? Tja, in England ist das möglich… zumindest in der nahen Zukunft. Und wenn es nach Schriftsteller John Marrs geht.

StVO §1 Grundregeln (2) **

Englands Straßen sind so sicher wie nie zuvor. Die Zahl der Verkehrstoten ist seit der Einführung der selbstfahrenden Fahrzeuge drastisch gesunken. Dabei unterscheidet man die Fahrzeuge in sechs Klassen. Klasse 0 ist uns allen bekannt, denn hier steuert der Fahrer noch komplett selbstständig. Weitere Klassen sind auch keine Zukunftsmusik mehr und durchaus schon im Verkehrseinsatz. Bis Klasse 4 ist menschliches Eingreifen noch möglich und die Entscheidung des Fahrers steht über der Computer-gestützten Fahrhilfe. Klasse 5 agiert dann komplett autonom… wobei praktischerweise dann direkt auf den Einbau von Lenkrad und Bremsen verzichtet wurde. Klingt irgendwie nicht sehr vertrauenerweckend, oder? Die Kontrolle völlig aus der Hand zu geben und sein Leben (und das seiner Lieben) der Technik – in Form von Kameras, Sensoren, Chips und Radar – zu überlassen. Allerdings sollen die jährlichen Opferzahlen somit um sage und schreibe 95% reduziert und zusätzlich die Umweltbelastung erheblich gesenkt werden. Die Übergangszeit, bis der Straßenverkehr komplett auf Klasse 5-Fahrzeuge umgestellt wird, soll zehn Jahre betragen… dann werden menschengeführte Kraftfahrzeuge per Gesetz verboten.

Angeblich ist die neue Technik unfehlbar und vor äußeren Angriffen bombensicher geschützt. Sollte es doch einmal zu Unfällen mit Personenschaden kommen, tagt eine Unfalluntersuchungskommission, die bis auf eine Ausnahme aus Angestellten der Regierung besteht. Die fünfte Person kommt aus der Mitte des Volkes, ähnlich dem Geschworenengericht bei Strafverfahren in den Vereinigten Staaten. Die Teilnahme ist verpflichtend. Eigentlich eine Formsache, da die Schuldfrage bei den Unfällen mit Todesfolge schon im Vorfeld in Stein gemeißelt scheint und die Regierung sich mit einer Fehlbarkeit der Technik ins eigene Bein schießen würde. So steckt der Fehler immer im Detail… also auf der menschlichen Seite.

Libby Dixon, eine unbescholtene Bürgerin, hat das „Glück“, als fünftes Rad am Wagen in eine solche Untersuchung, die immer streng geheim und an unterschiedlichen Orten stattfindet, einberufen zu werden. Fünf Tage sind für eine Klärung der Schuldfrage veranschlagt, obwohl mindestens vier Personen im Raum schon wissen, wie es (mal wieder) abläuft. Allerdings haben sie nicht mit Libby gerechnet, die bereits geprägt durch ein traumatisches Erlebnis ist, und sich trotz ihrer schüchternen Art nicht unterkriegen lässt. Und alle fünf Kommissionsmitglieder haben nicht mit einem Hacker gerechnet, der das angeblich unfehlbare System knackt und allen Beteiligten einen Tag beschert, den sie wohl nicht mehr so schnell vergessen werden…

StVO §3 Geschwindigkeit (1) ***

Mit ganz alltäglichen Problemen sind auch noch die acht unterschiedlichen Bürger beschäftigt, die morgens (mehr oder weniger) unbedarft in ihre Klasse 5-Vehikel einsteigen. Beispielsweise die schwangere Claire, die dem Fortschritt eher skeptisch gegenübersteht, und gerne die Kontrolle behält. Der sympathische Jude, der sein autonomes Vehikel gleich als Wohnungsersatz zweckentfremdet hat. Die gealterte Film-Diva Sofia Bradbury, die sich während der Fahrt mit Hochprozentigem und Schmerztabletten bei Laune hält. Das Ehepaar Sam und Heidi Cole, die sich getrennt voneinander auf den fremdgeführten Weg machen. Oder Shabana, die mit Unterstützung ihres Sohnes endlich den Mut fasste, vor ihrem gewalttätigen Ehemann zu flüchten. Sie alle sind mit sich selbst beschäftigt… als plötzlich eine unbekannte Stimme aus den Lautsprechern tönt.

Der Fremde teilt ihnen mit, dass er die Kontrolle über ihre Fahrzeuge übernommen hat. Aussteigen unmöglich. Sein Plan ist es, alle Wagen zu einem gemeinsamen Ziel zu lenken, wo diese dann miteinander kollidieren. In zwei Stunden und dreißig Minuten soll die Todesfahrt mit einem Knall enden. Ein Schock für alle Insassen. Als der mysteriöse Entführer, dessen Motive noch unklar sind, sich an die Unfalluntersuchungskommission wendet und die Öffentlichkeit in diesen makabren Akt des Terrors involviert, entsteht ein weltweites Medianspektakel sondergleichen.

StVO §4 Abstand (1) ****

Mit seinem dritten Roman „The One - Finde dein perfektes Match“ schaffte der britische Autor John Marrs den internationalen Durchbruch. Das Sci-Fi-Drama, bei dem durch einen DNA-Test der perfekte Seelenverwandte gefunden werden kann, überzeugte wohl auch die Verantwortlichen von NETFLIX, da der Streaming-Riese demnächst eine zehnteilige Serie aus dem Stoff zur Verfügung stellen wird. Mit „The Passengers“ bleibt Marrs dem Sci-Fi-Genre treu und legt einen Near-Future-Thriller vor, der sich nicht nur erschreckend nah anfühlt, sondern auch mit hohem Tempo durch die Geschichte peitscht. Es ist kaum möglich, dass man das Buch nach nur einem oder zwei Kapiteln wieder aus der Hand legt, da Marrs stets den jeweiligen Erzählstrang mit deftigen Cliffhangern kappt und man sich als Leser nur schwer bremsen kann, nicht doch noch länger Beifahrer bei seinem Höllenritt zu sein. Immer wieder wechselt er vom Kammerspiel bei der Untersuchungskommission zum tragischen Geschehen in den verschiedenen Fahrzeugen. Ein wahres Auf und Ab, das sehr durchdacht und ausgewogen wirkt. Zudem scheut John Marrs keine plötzlichen und mindestens ebenso drastischen Wendungen und Entwicklungen. Dabei hält er den Charakteren gnadenlos den Spiegel vor, was sich nachdenklich stimmend auf die Leserinnen und Leser überträgt. Rassismus, skrupellose Politiker, blutgeile User in den sozialen Medien, die sich in ihrer Anonymität sicher und allmächtig fühlen, und die Realität bei ihrem Blick auf ein rechteckiges Display komplett aus den Augen verloren zu haben scheinen. Erschreckend, mahnend, aber nicht anklagend… das übernehme ich dafür: Wer menschliche Schicksale, Tod und Verzweiflung, nackte Angst und Hoffnungslosigkeit mit einem beschissenen Emoji kommentiert und als „Unterhaltung“ betrachtet, gehört derart mit seinem jeweiligen Endgerät verseift, dass die Updates von der Speicherkarte fliegen! So.

Das schlicht in Schwarz gehaltene Paperback aus dem Hause Heyne, kommt mit einem geprägten Schriftzug und einem ebenso simplen wie aussagekräftigen Power-Knopf auf der Front daher. Der blaue Buchschnitt fällt sofort ins Auge, was sehr gut ist… denn so verpasst Ihr diesen schwer empfehlenswerten Roman nicht beim nächsten Stöbern in der Buchhandlung Eures Vertrauens.

Fazit:

Mit Libby Dixon haben wir eine sympathische Hauptfigur, die im Laufe des Buches über sich hinauswächst und einen nachvollziehbaren Wandel durchläuft. „The Passengers“ liefert konstante Hochspannung, überzeugt mit knackigen Twists und ist trotz Near-Future-Settings auch für reine Thriller-Freunde eine große Empfehlung. Vergesst nicht, den Sicherheitsgurt anzulegen… denn John Marrs tritt das Gaspedal auch bei Rot durch.

 

* Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
** Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
*** Wer ein Fahrzeug führt, darf nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird.
**** Wer vorausfährt, darf nicht ohne zwingenden Grund stark bremsen.

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