Echo

Erschienen: Oktober 2021

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Michael Drewniok
Wenn der Berg buchstäblich ruft

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

Nick Grevers ist ein Bergsteiger, der sein Hobby als Reisejournalist zum Beruf gemacht hat. Wenig begeistert reagiert Sam Avery auf die nicht selten riskanten Unternehmen seines Lebensgefährten. Seine Befürchtungen bewahrheiten sich dramatisch: Nick ist mit seinem Kletterpartner Augustin Laber in die Schweizer Alpen gereist, wo sie zufällig auf einen Gipfel stoßen, der offenbar nie bestiegen wurde. Selbstverständlich will das Duo dies nachholen. Grevers und Laber ignorieren, dass sich die Literatur auffällig über den Maudit ausschweigt, und machen sich auf den Weg zum Doppel-Gipfel, der den Maudit wie ein Gehörn krönt.

Das Unternehmen endet katastrophal. Labers bleibt auf dem Maudit, nur Grevers kehrt zurück; sein Gesicht ist grässlich entstellt. Er gibt vor unter Gedächtnisverlust zu leiden. Im Raum steht die Frage, ob es am Berg zu einem tödlichen Kampf mit Labers kam: Wer hat wen attackiert?

Avery reist in die Schweiz und holt seinen Lebenspartner ins heimische Amsterdam. Doch Grevers hat sich verändert. Immer wieder gleitet er in geistesabwesende Phasen ab, in denen er fremd, bedrohlich und sogar unheimlich wirkt. Er gibt zu „besessen“ zu sein: Der Geist des Maudit sei in ihn gefahren und bringe sein Hirn nun zunehmend unter Kontrolle. Die fremde Macht verleiht ihm übermenschliche Kräfte - und sie ist feindselig: Bald beginnen in Grevers Umfeld Menschen zu sterben.

Dass die „Besessenheit“ keine Einbildung ist, muss Avery am eigenen Leib erleiden. Trotzdem gibt er den Gefährten nicht auf. Gemeinsam reisen sie zurück in die Schweiz, wo sie nach einer Möglichkeit suchen, den Maudit-Bann zu brechen. Doch der Geist des Berges weiß sich zu wehren. Er lässt sich nicht abschütteln und schickt das Paar durch eine wahre Hölle unheimlicher und lebensgefährlicher Begebenheiten und Begegnungen …

Lockruf der Höhe

Hohe Berge und dünne Luft: Da dürfte es einen Zusammenhang geben, der mit- oder hauptverantwortlich ist für jene Epiphanien, von denen Bergsteiger oft berichten, nachdem ihnen weit oben allerlei Naturgeister erschienen sind und sie darüber aufgeklärt haben, was wirklich wichtig ist im Leben. Schon Luis Trenker selig verbreitete rührselig Naturromantik, aber auch Reinhold Messner ist stets bereit, uns über wundersame Erfahrungen jenseits der Todesgrenze in Kenntnis zu setzen.

Nichtsdestotrotz muss auch der Spötter zugeben, dass die Bergwelt eindrucksvoll genug ist, um einschlägiges Gedankengut zu kreieren. Das felsige Terrain, die wankelmütige Wetterlage, Lawinen, Bergstürze, Gletscher, Wolkenspiele: Eine solche Umgebung lässt nicht kalt - dies vor allem, wenn man sich dorthin traut, wo auch heute ein Fehltritt oder eine falsche Entscheidung buchstäblich den Tod bringen kann. Die Medien lieben Gebirgs-Tragödien, die nicht auf das Wirken einer belebten Natur, sondern auf fatale Zufälle, Überschätzung oder Dämlichkeit zurückgehen: Berg und Mensch stehen sich quasi Auge in Auge gegenüber, und der Sieger steht keineswegs fest.

Da liegt der Schluss nahe, dass dieser Berg eine Persönlichkeit haben muss. Vor allem in einer noch nicht aufgeklärten und abergläubischen Vergangenheit hielt man dies dort für real, wo Menschen alpin lebten. Thomas Olde Heuvelt spielt darauf an, wenn er eine Gegenwart schildert, die vor Ort weiterhin entsprechende Traditionen bzw. ‚Schutzzauber‘ pflegt (auch wenn seinen Alpendörfler höchstens die Mistgabeln und Fackeln fehlen, mit denen ihre Vorfahren das Frankenstein-Monster jagten; dies gehört zu den Handlungsaspekten, die dem Verfasser nicht so gut gelingen).

Übermut tut niemals gut

… jedenfalls nicht im Horror-Genre, wo selbst unschuldige Neugier bestraft wird. Selbstverständlich zieht ein noch nie erstiegener Gipfel in Reichweite Bergsteiger wie Nick und Augustin unwiderstehlich an. Als sie den Ort ihrer Begierde erreichen, treffen sie nicht auf Rübezahl, sondern auf eine Macht, deren Wirken (bzw. Wüten) der Autor ausführlich beschreibt, ohne dabei jemals wirklich zu enthüllen, worum es sich bei dem ‚Geist‘ des Maudit eigentlich handelt: Eine ‚Erklärung‘ müsste dort zwangsläufig scheitern, wo das Mysteriöse oder Mystische im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Stilistisch erreicht „Echo“ seine Höhepunkte immer dann, wenn der Maudit Gewalt über Nick bekommt oder sich manifestiert, wenn der Berg erklommen wird. Gelungen ist die Beschreibung eines Ortes, der sich der Lokalisierung entzieht, weil er offenbar jenseits von Raum und Zeit eine separate, nur locker mit der Realität verbundene Position einnimmt. Olde Heuvelt erschafft wortgewaltig eine Welt mit eigenen (Natur-) Gesetzen, die das Verständnis des Menschen übersteigt. Scheitern muss deshalb auch die Suche nach einer Antwort auf die Frage, was der Maudit eigentlich bezweckt, wenn er sich in Nicks Hirn einquartiert.

Ebenfalls eindrucksvoll ist die Beschreibung der alpinen Bergwelt. Olde Heuvelt kennt sich dort aus, und er vermag auch zu vermitteln, wieso manche Menschen besessen sind - nicht von einem Berggeist, sondern von Besteigen hoher Gipfel. (Dass dabei die weiter oben erwähnten pseudo-philosophischen Gedankenspiele mitspielen, stört womöglich nur diesen Rezensenten, der seit jeher skeptisch zuckt, wenn es esoterisch zu wabern beginnt …)

Das Böse und seine Opfer

Ist der Maudit wirklich ‚böse‘, oder bleibt seine Motivation nur fremd? Auch hier kann Olde Heuvelt punkten. Seine Nemesis ist nicht das übliche Monster, dem die Helden final den Kopf abschlagen. Der Maudit bleibt eine übermächtige Entität, der man nicht wirklich etwas anhaben kann. Verwundbar sind höchstens seine Handlanger - Gespenster, ‚Drohnen‘ oder eben Besessene. Unter dieser Prämisse kann diese Geschichte nicht ‚glücklich‘ enden. Bis es soweit ist, entspinnt sich der übliche Kampf gegen das Schicksal. Olde Heuvelt schildert ihn aus den Perspektiven mehrerer Hauptfiguren, die - und hier beginnt das Werk zu lahmen - sehr viel reden, aber nicht immer viel zu erzählen haben.

Wir erfahren zahlreiche Details aus den Vorleben der Protagonisten. Wo Andeutungen oder kurze Rückblenden genügen würden, regiert jene Breite, der stets die Gefahr innewohnt, sich in getretenen Quark zu verwandeln. SO interessant sind die Figuren oder ihr Irren durch seelische Abgründe nicht; jedenfalls nicht so interessant wie die eigentliche Story, die vor allem in einem in die Länge gezogenen Mittelteil einerseits manchmal ins Hintertreffen gerät, während sich der Autor andererseits darin verzettelt, uns mit immer neuen Rätseln zu konfrontieren, die der Handlung keine neuen Aspekte bringen. Olde Heuvelt ist sichtlich bzw. allzu sehr bemüht, dem Drama eine ‚menschlichen‘ Unterton zu geben: Seht, wie schrecklich ist, was diesen Menschen geschieht! Diese Ansicht würde man teilen, ohne sie unter die Nase gerieben zu bekommen. (Ganz sicher eine Fehlentscheidung war es, den Text mit Amerikanismen förmlich zu würzen, um die US-Protagonisten ‚authentischer‘ wirken zu lassen: Klappt nicht und ist eher ärgerlich.)

Man könnte noch weitermäkeln, aber das hat das Werk nicht verdient. „Echo“ ist sicher kein „Meisterwerk“, wie auf dem Backcover behauptet wird, aber ein solides Grusel-Garn mit einigen großartigen Horror-Effekten, was den zeitweiligen Leerlauf und die Über-Dramatik großzügig ausgleicht. Olde Heuvelt speist uns nicht mit Trash-Horror ab, sondern legt sich ins Zeug mit einer sicherlich nicht neuen, aber spannend erzählten Geschichte, die zudem beweist, dass ‚guter‘ Horror nicht unbedingt von jenseits des Atlantiks zu uns kommen muss.

Fazit:

Die Mär vom verfluchten, ‚belebten‘ Berg, der in seine Opfer fährt, ist temporeich, überwiegend spannend und wird mit gelungenen Grusel-Elementen angereichert. Im Mittelteil gibt es Leerlauf, und die Figuren werden unnötig scharf gezeichnet. Insgesamt ist dies ein gelungener Horrorroman, der eine gute Ausgangsidee wirkungsvoll umsetzt.

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