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Michael Drewniok
Apokalypse ohne Weltuntergang

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2020

Santa Lora ist eine Kleinstadt im Süden des US-Staats Kalifornien. Trotz der geringen Einwohnerzahl gibt es eine Universität, die in diesem heißen Sommer zum Ausgangspunkt einer mysteriösen Krankheit wird. Die Betroffenen fallen in einen tiefen Schlaf, aus dem man sie nicht wecken kann. Sie müssen künstlich ernährt werden, sterben oft aber dennoch aus Gründen, die den ratlosen Medizinern unbekannt bleiben.

Die Epidemie - und darum handelt es sich - wird durch die Luft übertragen und breitet sich rasch aus. Santa Lora rückt ins Interesse der Medien. Außerdem wird der staatliche Seuchenschutz aktiv. Die Nationalgarde rückt ein, und bald ist Santa Lora eingekreist: Sämtliche Bewohner stehen unter Quarantäne. Ausbruchsversuche werden gewaltsam verhindert.

Endlich dämmert den Menschen der Ernst ihrer Lage. Die ärztliche Versorgung ist dem Heer der Schlafkranken nicht mehr gewachsen. In Santa Lora steigt die Angst. Was brüten die Behörden aus? Dass man sie mit allen Mitteln in der Stadt festhalten wird, ist den Bürgern klar, doch wie weit wird die staatliche Seite gehen?

Die Krise nimmt eine Wende, als plötzlich einzelne Kranke aus ihrem Schlaf erwachen. Was sie berichten, klingt seltsam und beunruhigend. Offenbar sind sie im Geiste in (parallele?) Vergangenheiten und Zukünfte gereist, wo sie manchmal ganze Leben verbracht haben. Sind dies krankheitsbedingte Wahnvorstellungen, oder wurden die Grenzen von Raum und Zeit wirklich durchbrochen? Sind die Schläfer in ihre Körper zurückgekehrt, oder haben sich ungebetene ‚Gäste‘ aus anderen Dimensionen dort einquartiert …?

Weltuntergang ohne Schema F

Liest man die obige Zusammenfassung der Handlung, stellen sich umgehend Bilder und Geräusche ein, die einen gewaltreichen Zusammenbruch der Zivilisation begleiten. Zu oft hat die Unterhaltungsindustrie ihn entfesselt. Die Ereignisverläufe drängen sich förmlich auf. Demnach geht es laut und blutig zu, wenn die Alltagswelt zerbricht. Umgehend fällt die Menschheit mehrheitlich moralisch in jene Vorzeit zurück, als man noch in Höhlen hauste und sich angeblich gegenseitig für einen leckeren Happen (oder eine Frau) die Schädel einschlug.

Karen Thompson Walker versucht etwas Neues bzw. Ungewöhnliches: Sie beschreibt eine Katastrophe, die nicht wie selbstverständlich den gesamten Globus erfasst, sondern sich auf eine Kleinstadt beschränkt. Zwar mischt sich unter die Figuren ein „Prepper“, der seine Zeit damit verbringt, sich und seine Familie auf den Tag X - den Untergang - vorzubereiten, doch die Autorin weigert sich, ihn als Helden oder als Buhmann in den Mittelpunkt zu stellen. Er bleibt Einzelfigur eines Figuren-Kaleidoskops, das die Autorin vor unseren Leseraugen rotieren lässt.

Walker schildert eine Katastrophe, die gleichzeitig Mysterium ist - und bleibt. Was wirklich geschieht, bleibt letztlich unklar. Die Seuche kommt, regiert und geht. Sie hinterlässt tiefe Spuren, doch es bleibt offen, ob die angedeuteten Astralreisen in parallele Dimensionen tatsächlich stattfinden. Das Phänomen des traumgeprägten Dauerschlafs könnte auch eine biochemisch ausgelöste Illusion sein, die durch Krankheit angegriffenen Hirnen entspringt. (Dass Viren den kollektiven Tiefschlaf auslösen, spricht Walker mehrfach explizit an.)

Was tun, wenn sich dein Leben auflöst?

Das „Post-Doomsday“-Genre scheidet die Welt in Überlebende und Opfer. Im Zentrum der Ereignisse stehen Erstere, während letztere als Kanonenfutter tragisch verheizt werden. In der Regel geht dem eigentlichen Überlebenskampf ein Erweckungs-Erlebnis US-amerikanischer Prägung voraus. Steht man Vampiren, Zombies oder Invasoren aus dem All gegenüber, müssen bisher friedliche Charakterzüge durch den Kampf auf Leben und Tod überwunden werden. Bleibt die Apokalypse monsterfrei, gilt es alternativ mitmenschliche Finsterlinge auszuschalten, die es auf Nahrungsmittel/Munition/Frauen abgesehen haben. (Die Reihenfolge kann wechseln.)

Solche ‚Action‘ bleibt in „Die Träumenden“ Zitat. Zwar geht es rau und planlos zu, als sich die Seuche in Santa Lara auszubreiten beginnt, doch die erwarteten Exzesse oder eine neo-barbarische Neuordnung bleiben aus. Die ängstliche Außenwelt plant zu keinem Zeitpunkt, die heimgesuchte Stadt per Atombombe von der Landkarte zu tilgen. Kurze Gewaltausbrüche sind nicht der Auslöser für kollektive Amokläufe, sondern bleiben Ausnahmen, die schnell unter Kontrolle gebracht werden.

Ohne die genretypischen Auflösungserscheinungen gänzlich zu ignorieren, stellt Walker das Individuum in den Mittelpunkt. Sie konfrontiert uns mit betont ‚normalen‘ Männern, Frauen und Kindern, die mit einer Ausnahmesituation konfrontiert werden und von den Folgen überfordert sind. Folgerichtig entfallen sowohl ‚heldenhafte‘ als auch ‚erzböse‘ Reaktionen. Niemand weiß, was zu tun ist. Manchmal setzt sich der normale Menschenverstand durch, manchmal werden Fehler begangen. Das zu verfolgen ist womöglich nicht so ‚spannend‘ wie ein ‚echtes‘ Katastrophen-Garn, aber es sorgt für einen neuen Betrachtungsfokus.

Mysterium des Schlafs

Üblicherweise ist die Apokalypse Auslöser für sich anschließendes Getümmel & Gemetzel. Walker weicht auch in diesem Punkt vom Schema ab. Sie konzentriert sich auf die Krankheit als Auflösung der Wahrnehmung zwischen Realität und Traum-Fiktion. Beides lässt sich für die Infizierten irgendwann nicht mehr unterscheiden. Das ist interessant, kann aber nicht verhindern, dass die Handlung mehrfach auf der Stelle tritt oder sich an eigentlich auserzählten Ereignissen festbeißt.

Ab einem gewissen Punkt lässt die Autorin die Schlafkranken ziehen. Nach ihrem Erwachen erinnern sie sich an Erlebnisse, die sich so (noch) nicht oder schon vor langer Zeit ereignet haben. Walker verweigert die Aussage, ob es zu echten ‚Astralreisen‘ gekommen ist. Sie interessiert sich für die Reaktionen der Betroffenen, ihrer Angehörigen und Freunde - Reaktionen, die sich nicht auf das Drücken eines Abzugs beschränken. Genau dies mag jene Leser abschrecken, die eindeutige Auflösungen vorziehen. Walker kann und will damit nicht dienen. Ob „Die Träumenden“ eine ‚übernatürliche‘ Reise erlebt oder halluziniert haben, lässt sie demonstrativ offen. Dass sie zwischendurch trotzdem die Fans der Hardcore-Apokalypse bedient, indem sie beispielsweise medizinischen Technobabbel einsetzt, schwächt freilich das Konzept ebenso wie die klischeeflach gezeichneten Figuren. „Die Träumenden“ ist letztlich weder Fleisch noch Fisch.

Womöglich kommt die Autorin der Realität dadurch (unfreiwillig) besonders nahe: Die Überlebenden rätseln, wie ihnen geschah, und suchen nach einem Sinn für ihr Leiden, den es nicht gibt, weil eine Seuche keinen Plan verfolgt. Dies ist eine Erkenntnis, die viele Leser weniger zufriedenstellt als die Identifizierung eines Strolches, dem final das Lebenslicht ausgeblasen wird. Andererseits ist dieser Plot erst recht ausgelaugt, weshalb Walker für ihr Bemühen, ihn gegen den Strich zu bürsten, ungeachtet der bedingt gelungenen Umsetzung Anerkennung gebührt.

Fazit:

Eine höchst ansteckende Seuche produziert weder Monster noch um sich schießende Neo-Höhlenmenschen, sondern wird von der Autorin als Phänomen dargestellt, hinter dem womöglich eine echte ‚übersinnliche‘ Erfahrung steckt. Die Geschichte wird ohne esoterischen Mumpitz erzählt, ist aber keineswegs klischeefrei, wodurch sie einen durchwachsenen Eindruck hinterlässt.

Die Träumenden

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