Sieben Pfeifer

Erschienen: März 2018

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Marcel Scharrenbroich
Die Vorboten der Apokalypse

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jun 2021

Der beste Freund des Menschen… pah!

In der US-Kleinstadt Kingsbury besucht Rose Kerrigan regelmäßig ihren Großvater, der seit sechs Monaten in einem Pflegeheim lebt. Walter Hartung leidet an Alzheimer. Kein schöner Gedanke… weder für Rose noch für ihre kalte, herrische Großmutter Isobel. Dieser wäre es am liebsten, wenn Rose den alten Mann gar nicht mehr besuchen würde, doch die wenigen Stunden, in denen seine Enkelin ihm aus Büchern vorliest, gehören zu Walters Highlights des Tages. Selbst wenn er Rose nur in hellen Momenten erkennt. Nach einem kleinen Schlaganfall hat Walter so einen Moment und vertraut Rose an, dass er panische Angst vor etwas hat, das ihn angeblich holen wolle. Dass er für seine Sünden büßen müsse. Nur wirres Geschwätz? Vermutlich…

Erfolgreich von ihrer zänkischen Großmutter in die Flucht geschlagen, nimmt Rose eine Abkürzung über den Friedhof, weil sie sich noch mit Freunden in der Stadt treffen möchte. Die unheimliche Atmosphäre wird noch verstärkt, als Rose plötzlich ein seltsames Geräusch wahrnimmt. Ein grelles Pfeifen durchschneidet die Totenstille. Laute, die sie noch niemals vernommen hat, obwohl sie in dieser Gegend aufgewachsen ist. Noch schenkt die junge Frau diesem abendlichen Phänomen keine größere Aufmerksamkeit.

Doch auch an anderer Stelle wird das Geräusch wahrgenommen. Walter Hartung schreckt hoch, als das Pfeifen in seine Ohren dringt. Sie sind da… gekommen, um ihn zu holen. Da ist der alte Mann sich sicher. Er soll für seine Taten zahlen. Und er soll Recht behalten…

Rose ist am Boden zerstört. Ihr Großvater überlebte die folgenschwere Nacht nicht. Doch das rätselhafte Phänomen breitet sich über Kingsbury aus. Einhergehend mit dem mysteriösen Pfeifen, treten vermehrt Sichtungen großer schwarzer Hunde auf. Rose, die in Abwesenheit ihrer Eltern deren Haus hütet und sich um den Familienhund Lucy kümmert, wird eines Nachts selber zur Ohren- und Augenzeugin. Nachdem Lucy sich durch das grelle Pfeifen kaum mehr beruhigen lässt, erblickt Rose einen wunderschönen Hirsch am Rande des angrenzenden Waldes. Diese Schönheit währt jedoch nicht lange, als sich plötzlich zwei schwarze Bestien aus den Schatten stürzen und den Hirsch zerfleischen. Als Rose vollkommen übernächtigt ihrer Großmutter von dem Vorfall berichtet, reagiert diese geschockt. Fast, als würde Isobel ganz genau wissen, welches Unheil Kingsbury in Form von schwarzen Hunden heimsucht. Sie antwortet nur mit zwei Worten: „Die Pfeifer“!

Sagenhaft düstere Aussichten

Die Geschichte geht zurück auf eine alte Legende, tief verwurzelt in der englisch/irischen Folklore. So sagte man, dass das nächtliche Pfeifen von sieben Vögeln als schlechtes Omen angesehen wurde. Vorboten einer drohenden Apokalypse. Tatsächlich sollen Minenarbeiter derart abergläubisch gewesen sein, dass sie sich nach Vernehmen des Pfeifens der „Seven Whistlers“ weigerten, ihre Arbeit aufzunehmen. Ein Phänomen, welches sich im 19. Jahrhundert schnell verbreitete. Hunde kommen durch die walisische Mythologie ins Spiel. Als Cŵn Annwn bezeichnet, die Jagdhunde der keltischen Unterwelt, sind diese der „Wilden Jagd“ zugehörig. Vor allem geprägt durch Jacob Ludwig Karl Grimm, geht die „Wilde Jagd“ auf eine alte europäische Volkssage zurück und handelt von übernatürlichen Jägern, deren Sichtung angeblich ebenfalls großes Unheil ankündigt.

Diese netten Vierbeiner zieren dann auch das Cover von „Sieben Pfeifer“. Für die Illustration (nach dem Aufschlagen wartet ein weiteres Motiv) konnte man den kanadischen Künstler John Howe gewinnen, der vor allem Tolkien-Kennern kein Unbekannter sein dürfte. Er illustrierte unter anderem „Herr der Ringe“ und „Das Silmarillion“. Ebenso ist er für die Visualisierung von „Der Fährmann“, einem weiteren Roman von Christopher Golden, verantwortlich, der ebenfalls im BUCHHEIM VERLAG erschien. Beim Verlag legt man generell großen Wert darauf, den Leserinnen und Lesern auch optisch und haptisch das beste Lesevergnügen zu bieten. So kommt „Sieben Pfeifer“ mit farbigem Buchschnitt, einem Lesebändchen und einem tiefengeprägten Schriftzug, was die eh schon hochwertige Verarbeitung nochmals auf ein neues Level hebt. Wer Bücher nicht nur wegen ihres Inhaltes schätzt, sondern auch Wert auf eine gelungene Aufmachung legt, ist bei BUCHHEIM in guten Händen.

Golden’s Girl

Mit gerade einmal 165 Seiten ist „Sieben Pfeifer“ eher eine Novelle als ein ausgewachsener Roman. Dem Inhalt tut dieser Umstand jedoch keinen Abbruch. Obwohl die Geschichte schon nach wenigen Seiten an Fahrt und mit zunehmender Seitenzahl ebenso an Tempo aufnimmt, hatte ich nicht das Gefühl, dass irgendwelchen Elementen zu wenig Zeit eingeräumt wurde. Markante Orte, die für die Handlung wichtig sind, werden uns vorgestellt, der Rest der Kleinstadt im US-Bundesstaat Vermont baut sich in der Fantasie der Leser auf. Wenn ich Kleinstadt lese, kann ich mir natürlich ein grobes Bild machen… dafür müssen die Autoren mich nicht mit jeder Straße, jedem Baum und jedem Steinchen am Wegesrand bekanntmachen. Ähnlich verhält es sich mit den Einwohnern von Kingsbury. Wir haben einen harten Kern von Figuren, die für die Story wichtig sind. Darauf wird sich konzentriert. Damit sich der Ort dennoch lebhaft und bevölkert anfühlt, bekommen wir zwischenzeitlich immer wieder Dinge offenbart, die vermeintlich Unbeteiligten wiederfahren. Unterschwellig wirkt die Bedrohung somit umso greifbarer. Kein Phänomen, dem sich nur unsere Heldin entgegenstellen muss. Einfache Bürger sind ebenso involviert, wie Menschen über die Stadtgrenzen von Kingsbury hinaus. Denn wenn ein Fünkchen Wahrheit an dieser Legende ist, lässt die Apokalypse sich mit Sicherheit nicht durch Ortsschilder ausbremsen. So etwas geht uns verdammt nochmal alle etwas an, denn schon morgen könnten hier ein… Moment, hat da gerade jemand gepfiffen?

Kommando zurück…es war nur der Nachbar, auf der Suche nach seiner Asthma-Tröte. Jedenfalls nutzt das Autoren-Gespann die 165 Seiten optimal aus, um ohne Längen und zeitraubender Detailverliebtheit eine Geschichte zu präsentieren, die auch nicht länger hätte sein dürfen. Lieber kurz, knapp und auf den Punkt, als rumzueiern und die überschaubare Story mit belanglosem Füllmaterial aufzupumpen. Bestseller-Autor Christopher Golden, den Comic-Freunde durch seine „Wolverine“- und „Punisher“-Arbeiten kennen, arbeitete schon mehrfach mit „Hellboy“-Schöpfer Mike Mignola zusammen und lieferte neben einigen Vorlagen für dessen Höllenjungen noch Storys für „Joe Golem“ und „Baltimore“. „Baltimore, oder, Der standhafte Zinnsoldat und der Vampir“ ist auch der Titel des Romans, angelehnt an Hans Christian Andersens „Der standhafte Zinnsoldat“, den Golden und Mignola 2007 (in deutscher Übersetzung erstmals 2008) in Zusammenarbeit verfassten. Nicht die einzige Kooperation mit anderen Autorinnen und Autoren des US-amerikanischen Vielschreibers. Für „Sieben Pfeifer“ tat er sich abermals mit Amber Benson zusammen, mit der er 2005 bereits die „Ghosts of Albion“-Reihe schuf. Schon 2002 lernten sie sich bei der gemeinsamen Arbeit an dem DARK HORSE Comic „Buffy the Vampire Slayer: Willow and Tara“ kennen, dem im Folgejahr noch der Zweiteiler „Willow and Tara: Wilderness“ folgte. Keine rein zufällige Konstellation, denn Golden schrieb bereits Ende der 90er begleitende Romane zur damals enorm erfolgreichen TV-Serie. Und Amber Benson? Tja, die war sogar aktiver Teil des Ganzen und spielte ab der vierten Staffel die Rolle der lesbischen Hexe Tara Maclay. Nach Ende der sechsten Staffel, mit der sie aus der Serie ausstieg, blieb Benson der Schauspielerei weiterhin treu. Neben TV-, Kurz- und B-Movies trat sie auch in erfolgreichen Serien-Formaten wie „Supernatural“ oder „Grey’s Anatomy“ in Gastrollen auf und schreibt zudem Drehbücher und führt Regie.

Fazit:

„Sieben Pfeifer“ ist ein durchaus atmosphärischer Grusler für einen lauschigen Abend. Reduziert auf eine überschaubare Länge, kann man die erneute Zusammenarbeit von Amber Benson und Christopher Golden auch an eben diesem in einem Rutsch durchziehen. Der Mythen- und Folklore-Hintergrund ist durchaus interessant, was den Mystery-Faktor noch erhöht. Das einführende Gespräch zwischen den beiden Autoren ist ein netter Pluspunkt. Optisch und haptisch eine extrem gelungene und ebenso wertige Novelle aus dem BUCHHEIM VERLAG.

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