Im Banne des Meteors

Erschienen: Januar 1958

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Michael Drewniok
Märchenwelt im Meteor: Pulp von Vorgestern

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2019

„Nemo“ nennt er sich, denn er erwacht ohne Erinnerung an seine Herkunft oder Vergangenheit auf der Oberfläche eines kleinen Meteors, der den Planeten Saturn umkreist. Es gibt Atemluft, Wasser und Nahrung, die geringe Schwerkraft lässt sich ertragen, und schließlich findet Nemo sogar eine hübsche Menschenfrau, die er „Nona“ nennt. Auch sie weiß nicht, wie sie auf dem Meteor gelandet ist.

Die beiden werden ein Paar. Als ein Feuer den Aufenthalt auf der Oberfläche lebensbedrohlich werden lässt, flüchten Nemo und Nona in den Untergrund. Sie entdecken, dass sie das Meteorwasser atmen können, und tauchen in ein unter-‚irdisches‘ Meer ab. Dort treffen sie auf die Mariniden, die sie nach anfänglichen Kommunikationsproblemen in ihre Unterwasserstadt Rax einladen.

Nemo und Nona leben sich rasch ein, finden Freunde und gründen eine Familie. Das kleine Glück gerät in Gefahr, als der intrigante Og sich ausgerechnet in Nona verguckt. Als Nemo ihn zum Duell fordert, flüchtet Og ins Land der „Wilden Wasser“, wo die Magogen hausen. Dort ist Og geboren, und hier brütet er Rachepläne aus.

In Rax verschwinden plötzlich Mariniden-Frauen. Sie werden ins Wasserland verschleppt, wo die Männer in der Überzahl und einsam sind. Als auch Nona entführt wird, macht sich Nemo mit seinen Freunden, dem Muschelsammler Caan und dem jungen Thronfolger Prinz Atar, auf den Weg in die „Wilden Wasser“. Dort geraten sie an gefährliche Seeungeheuer und auch sonst in Lebensgefahr: Die Magogen machen mobil! Og bereitet einen Krieg gegen die Mariniden vor. Er will über das gesamte Wasserreich herrschen - mit Nona als Königin an seiner Seite …

„Fiction“ ohne „Science“, aber mit Schwung

Auch die Science Fiction hat ihre Historie. An dieser Stelle kann darauf nur hingewiesen werden, um das hier vorgestellte Werk grob einzuordnen. „Im Banne des Meteors“ ist als Lektüre so ungewöhnlich, dass dies ratsam scheint. Gerade der moderne, aber mit besagter Historie nicht vertraute Leser dürfte ansonsten irritiert oder gar ablehnend reagieren, womit diesem Garn Unrecht geschehen würde.

Als Buch erschien „Im Bann des Meteors“ 1952, doch Autor Ray Cummings hatte sich die Geschichte von Nemo und Nona deutlich früher ausgedacht. In neun Fortsetzungen erschien sie in einem der in den 1920er Jahren wie Pilze aus dem Waldboden schießenden „Pulp“-Magazine. „Science and Invention“ bot seinen Lesern vor allem populär- (und pseudo-) wissenschaftliche Beiträge, die durch Erzählungen aufgelockert wurden. 1924 gehörte Cummings zu den Autoren, die dies möglichst unterhaltsam erledigten.

Die Welt hat sich seither gewaltig verändert. Was einst als innovativ galt, ist heute im Bestfall nostalgisch. „Im Banne des Meteors“ steht nicht einmal auf der Schwelle zum Klassiker. Primär ist diese Erzählung als Zeitzeuge interessant: „Unterhaltung“ wurde in der Vergangenheit definitiv anders definiert als heute! Das betrifft nicht nur den eigentlichen Inhalt, sondern auch die Art des Geschichtenerzählens. Diese Diskrepanz sorgt für eine zweite Rezeptionsebene, die dem Werk ursprünglich völlig abging.

Warum ausgerechnet ein Meteor?

Cummings besaß definitiv keine ausgeprägten naturwissenschaftlichen oder astronomischen Kenntnisse. Dass er „Im Banne des Meteors“ kurz nach dem Ersten Weltkrieg schrieb, schützt ihn vor scharfer Kritik: Diese Welt ist Vergangenheit, seine Versäumnisse sind nur noch historisch relevant. Stattdessen wirkt Cummings‘ geradezu offensive Leugnung der Realität heute wie ein Stilmittel. „Im Banne des Meteors“ gewinnt eine märchenhafte Intensität, die der Autor in dieser Intensität sicher nicht beabsichtigt hat. Schon die Wahl des Handlungsortes ist kurios. Warum ausgerechnet ein „Meteor“? Womöglich hatte Cummings keine Ahnung, dass zwischen „Meteor“ und „Mond“ zu differenzieren ist: Nemos Exilheimat kreist jedenfalls stabil um den Saturn und hat ihre Meteor-Tage hinter sich.

Immerhin ist sich Cummings der Tatsache bewusst, dass ein so kleiner Himmelskörper eigentlich keine Atmosphäre besitzen oder gar Leben beherbergen dürfte. Er ‚begründet‘ dies damit, dass Wissenschaftler nicht alles wüssten - und überhaupt: Dieser Meteor IST menschentauglich - Punkt! Damit ist Cummings im Recht. Er ist der Autor und entscheidet, wie er uns seine Geschichte erzählen will! Realität ist kein Kriterium für gelungene Science Fiction, auch wenn lange das Gegenteil behauptet wurde.

Der Charme eines absoluten - und naiven - Abenteuers, das der Autor im Rahmen seines limitierten Talents durchaus schwungvoll erzählt - die Übersetzung hat dies erstaunlich gut bewahrt -, hilft die Tatsache zu ignorieren, dass Cummings sich kräftig aus zeitgenössischen Werken bedient hat. Das war keineswegs unüblich und blieb in einer Ära lange vor dem Internet in der Regel unbemerkt. Der u. a. ‚zitierte‘ Edgar Rice Burroughs hatte für ‚seine‘ „Tarzan“-, „Barsoom“- und „Pellucidar“-Romane selbst allerlei Vorbilder ausgeschlachtet.

Logik wird überschätzt

„Pulp“-Autoren waren unterbezahlt und überbeschäftigt. Viel Zeit konnten sie auf ihre Werke nicht verwenden. Ausführliche Recherchen blieben aus bzw. wurden bestenfalls durch Fantasie ersetzt. Die Figurenzeichnung folgte bewährten Klischees und war notorisch flach. Nemo und Nona stellen keine Ausnahmen dar. Auch die vorgeblich exotischen Meteor-Außerirdischen sind leidlich verkappte „Eingeborene“, wie sie nicht nur die zeitgenössische Trivialliteratur, sondern auch das Kino als „Neger“, „Indianer“ bzw. übergreifend als - manchmal immerhin „edle“ - „Wilde ‚bereicherten‘.

Die „Mariniden“ werden scheinbar vorurteilsfrei geschildert. Als Irrtum stellt sich das spätestens heraus, wenn die Mariniden-Magogen-„Mischlinge“ kollektiv als Verräter und Meuchelmörder gebrandmarkt werden, woraufhin sie Nemo - der sich zum Kriegsherrn aufgeschwungen hat - vorsichtshalber ausrottet. Früher war keineswegs alles besser, weshalb solche Rassismen ihren Weg in die ‚unschuldige‘ Unterhaltung fanden. In einem anderen Punkt kann Cummings dagegen positiv überraschen: Zwar wirkt Nona zunächst wie die übliche „Frau in Gefahr“, die von ‚ihrem‘ Mann ständig gerettet werden muss. Doch als der Krieg gegen die Magogen ausbricht, rekrutiert Nona die Mariniden-Frauen, stürzt sich mit ihnen ins Gefecht und erweist sich im Kampf taktisch ihrem Nemo überlegen, was dieser neidlos anerkennt.

Für Verwunderung sorgt der plötzliche Abbruch der Geschichte, während die Entscheidungsschlacht noch tobt. Es folgt ein fiktives Nachwort des ‚Chronisten‘ Ray Cummings, der die Geschichte des irgendwie und irgendwann auf die Erde zurückgekehrten Nemo kommentiert. Möglicherweise macht sich hier die Kürzung der Vorlage für die deutsche Übersetzung bemerkbar, doch wahrscheinlich ließ Cummings tatsächlich die Feder fallen, weil ihm nichts mehr einfiel oder er - was wahrscheinlicher ist - für weitere Fortsetzungen nicht mehr bezahlt wurde. Viele Jahre später trägt dieses eigenartige ‚Ende‘ eher zur Wirkung dieser exotischen Uralt-Phantastik bei.

Fazit:

Richtig alter SF-Pulp (entstanden 1924!), der abseits jeglicher „Science“ ein märchenhaft anmutendes Garn spinnt, in dem sich Abenteuer an Abenteuer reiht: inhaltlich absolut und formal reizvoll gealterte Trivial-Phantastik, die ungeachtet ihrer Mängel unterhaltsam geblieben ist.

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