Die Schatten - Die Blackwood-Aufzeichnungen 1

Erschienen: Februar 2021

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Marcel Scharrenbroich
Hilfe vom Briefkasten-Onkel

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2021

Wenn eine beschissene Nacht noch beschissener wird…

Diese Nacht hätten sich die FBI-Agenten Odessa Hardwicke und ihr altgedienter Partner und Mentor Walt Leppo wohl nicht so spektakulär vorgestellt, als sie den Abend in einem kleinen Diner in New Jersey begrüßen. Der letzte ausufernde Amoklauf in der Stadt liegt mehr als sechzig Jahre zurück, was sich jedoch heute ändern soll.

Alles beginnt an einem kleinen Flughafen. Dort schlägt der Pilot einer Kleinmaschine wie von Sinnen auf sein Flugzeug ein, bevor er unter dem - glücklicherweise überschaubaren - Flughafen-Personal ein Blutbad anrichtet. Dann steigt er ins Cockpit und verrichtet wie ferngesteuert sein blutiges Werk. Zwischen New Jersey und New York schießt er aus seiner Privatmaschine heraus mit einer AK-47 und tötet wahllos Zivilisten. Hardwicke und Leppo sind schneller mitten im Geschehen, als ihnen bewusst wird. Direkt vorm Diner sehen sie die Maschine auf ihrem todbringenden Flug. Eine direkte Verfolgung scheidet aus, zu sehr schlägt der Pilot Haken, als dass die beiden Agenten sich mit ihrem Dienstwagen an dessen Fersen heften könnten. Ein erster Hinweis kommt per Funk, jedoch können Hardwicke und Leppo kaum glauben, dass tatsächlich der unter Korruptionsverdacht stehende, ehemalige Gouverneurs-Stabschef Cary Peters wild schießend über ihre Köpfe hinwegrauschte. Trotzdem haben sie ein mieses Gefühl bei der Sache und fahren zum Haus von Peters‘ Noch-Ehefrau…

Tatsächlich bewahrheitet sich der erste Verdacht und den beiden FBI-Agenten bietet sich ein Bild des Grauens. Peters traf bereits vor ihnen ein und tötete seine Frau und zwei der drei gemeinsamen Kinder auf bestialischste Weise. Bevor er sich dem dritten Kind zuwenden kann, greift Leppo ein und es kommt zum Kampf. Im richtigen Augenblick drückt Odessa Hardwicke ab und erschießt Cary Peters, bevor dieser ihren Partner umbringt. Doch auch Walt Leppo lässt in dieser Nacht sein Leben. Nicht durch den wahnsinnig gewordenen Peters, sondern durch die Hand von Odessa. Kein Querschläger. Kein Fehlschuss. Odessa Hardwicke erschießt ihren Partner mit voller Absicht.

Jetzt wird’s übersinnlich

In dieser Nacht, in diesem Haus, geschieht etwas, das die junge Agentin an ihrem Verstand zweifeln lässt. Nachdem der Angreifer ausgeschaltet war, griff Walt Leppo zum Messer und wollte das Mädchen, Peters Tochter, eigenhändig töten. Hardwicke blieb also keine Wahl… sie musste abdrücken. Anschließend sieht sie jedoch eine Präsenz, die aus Leppos Körper zu weichen scheint. Begleitet von einem beißenden Geruch. Kann das wirklich sein oder spielt ihr ihr Verstand in dieser angespannten Ausnahmesituation einen Streich?

Erste Hinweise darauf, dass Odessa doch nicht ihren Verstand verloren hat, liefert ausgerechnet ein einundachtzigjähriger Mann. Ein ehemaliger Agent. Earl Solomon liegt schwerkrank im New York Presbyterian Hospital. Eigentlich wollte sie ihm nur seine Habseligkeiten überbringen, nachdem Odessa nach ihrer Versetzung in den Innendienst Solomons altes Büro übernommen hat. Doch der Ex-Agent scheint sehr gut darüber Bescheid zu wissen, was sie im Haus von Cary Peters‘ Ehefrau sah… oder glaubte zu sehen. Den Schatten, der Walt Leppos Körper verließ. Des Weiteren rät Earl Solomon ihr, einen Brief zu schreiben. Nicht an den Weihnachtsmann, den Papst oder zu selbsttherapeutischen Zwecken, sondern an einen gewissen Hugo Blackwood. Einem Mann, mit dem Earl Solomon schon 1962, am Beginn seiner FBI-Karriere, zusammenarbeitete…

Mehrere Zeitlinien, trotzdem geradlinig

Das erfolgreiche Autoren-Gespann Guillermo del Toro und Chuck Hogan hat sich nach der gemeinsamen „Saat“-Trilogie erneut zusammengetan. Nachdem dieser Vampir-Stoff in die aus vier Staffeln bestehende TV-Serie „The Strain“ umgemodelt wurde, die ursprünglich fünf Staffeln umfassen sollte, durch mangelnde Einschaltquoten jedoch vorzeitig verkürzt wurde - und mich bereits nach wenigen Folgen der zweiten Season verlor - , widmete sich das mexikanisch/amerikanische Duo einer neuen Roman-Reihe. Dieses lässt sich bereits mit flüchtigem Blick aufs Buchcover entdecken, da hinter dem Untertitel „Die Blackwood-Aufzeichnungen“ eine mindestens zwei Bände ankündigende „1“ prangt. Wie und wann „The Hollow Ones: The Blackwood Tapes Vol. 1“, so der Originaltitel, fortgeführt wird, steht noch in den Sternen, jedoch bietet die Geschichte durchaus Nährboden für weitere Abstecher in übernatürliche Gefilde.

Besonders die Sprünge in verschiedene Zeitebenen wären eine gute Basis, um weiteren Storys noch mehr Tiefe zu verleihen. Schon in „Die Schatten“ hüpfen wir von der Gegenwart in die Jahre 1962, wo Earl Solomon seinen ersten Fall im Mississippi-Delta aufzuklären versucht, und 1582, wo wir in der Nähe von London den damaligen Anwalt Hugo Blackwood und seine Gattin Orleanna besser kennenlernen. Nicht das einzige Mal, dass wir mit dem Thema Okkultismus konfrontiert werden. Dieses zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch, was die düstere Note nochmals unterstreicht.

Trotz dieser Zeitsprünge liest sich „Die Schatten“ sehr flüssig und die Handlungswechsel geraten nicht zum Störfaktor, der permanent aus der eigentlichen Story reißt. Der Löwenanteil der Handlung spielt im Jahr 2019, doch die wiederkehrenden Kurztrips liefern durchaus interessante Details zu den Charakteren und ihren Beweggründen. Außerdem wird die Spannung gehalten, wenn die 2019-Handlung abrupt am Kapitel-Ende die Pause-Taste drückt.

Man nehme:

Ein ungleiches Duo mit Ecken und Kanten, welches in bester Mulder/Scully-Manier aneinander vorbeiredet, passenderweise einen ordentlichen Batzen „Akte X“, eine Prise „Doctor Who“, ein paar „Warehouse 13“-Spritzer, einem Schuss „Bones“ und garniere den ganzen Bums noch mit ein paar „Fringe“-Streuseln. Gut durchziehen lassen, et voilà… heraus kommen „Die Blackwood-Aufzeichnungen“.

Dieses nicht unbedingt Sterne-würdige Rezept liegt dabei keineswegs schwer im Magen, sondern hat eher den Fast Food-Effekt: Nichts wirklich Neues, macht kurzzeitig satt und lässt sich unkompliziert konsumieren. Nein, ein „weiteres Meisterwerk“, wie Autoren-Kollege Stephen Chbosky Guillermo del Toros und Chuck Hogans aktuellen Reihen-Auftakt auf der Rückseite des Romans bezeichnet, ist dem Duo nicht gelungen. Chboskys Buch, „Der unsichtbare Freund“, ist hingegen eines. Vielleicht sollte der gute Stephen lieber seine eigenen Werke lesen, denn schon sein Erstling „Das also ist mein Leben“ (von ihm verfilmt als „Vielleicht lieber morgen“) war vollkommen zu Recht ein hochgelobter Bestseller. „Die Schatten“ bietet hingegen kurzzeitig gute Unterhaltung, bleibt jedoch nicht lange im Gedächtnis. Zugegeben, die Briefkasten-Idee, mit der sich der mysteriöse Hugo Blackwood herbeirufen lässt, ist ganz nett, aber danach bleibt es doch recht generisch. Richtung Finale drehen „die Schatten“ dann aber noch mal auf und es wird im Endspurt an der Spannungsschraube gedreht.

Schattiges Fazit:

„Die Schatten“ fühlt sich wie der Pilotfilm zu einer Serie an. Die Hauptcharaktere werden mit einem spektakulären Fall eingeführt und den Lesern werden Punkt für Punkt alle wissenswerten Fakten geliefert, die sie zu den Protagonisten benötigen. Beziehungsweise so viele, um diese für weitere Geschichten interessant zu halten. Sollte den Autoren kein finales Konzept vorschweben oder absehbar sein, wohin die Reise gehen soll, und ob ein großer Plot hinter dem Projekt steckt, könnten „Die Blackwood-Aufzeichnungen“ irgendwann mehrere Schränke füllen. Immerhin wird eine unheilschwangere Fortführung im Epilog bereits angeteasert. So bleibt unterm Strich solide und übernatürliche Mystery-Unterhaltung… mit der Hoffnung auf einen großen, umfassenden Handlungsbogen.

Die Schatten - Die Blackwood-Aufzeichnungen 1

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