The Chill - Sie warten auf dich

Erschienen: November 2020

Couch-Wertung:

75°
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Michael Drewniok
Eiswasser hält Geisterwut taufrisch

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Die Bürger des Provinzstädtchens Torrence in den Catskill Mountains des US-Staates New York blicken nicht auf eine wenig ruhmreiche Vergangenheit zurück. Ihre Vorfahren lebten in Galesburg, der ursprünglichen Gründung am Ufer des Cresap Creek. Genau dies wurde der Kleinstadt zum Verderben, denn in den späten 1930er Jahren wählte die Bundesregierung den Fluss aus, um einen Stausee zu speisen, der die 200 Meilen entfernte Metropole New York City mit Trinkwasser versorgen sollte.

Die alteingesessenen Bürger von Galesburg versuchten dies erbittert zu verhindern. Sie räumten den Ort nicht, sondern sabotierten den Dammbau. Als sie unterlagen, griffen sie sogar auf Mord zurück - vergeblich: Während die Rädelsführer des Widerstands Selbstmord begingen, ging Galesburg im September 1940 buchstäblich unter. Die Erinnerung an dieses hässliche Kapitel der Lokalhistorie verblasste. Geblieben ist der Chilewaukee-Stausee hinter einem Damm, der in die Jahre gekommen ist.

Damm-Ingenieur Mick Fleming stellt gravierende Schäden an der schlecht gewarteten Mauer fest. Da es seit Wochen regnet, ist der Stausee überfüllt, ein Ablassen von Wasser ohne Überschwemmung der Ortschaften flussabwärts aber nicht möglich. Der Damm selbst könnte brechen - und das soll er sogar, denn die Geister der einst gestorbenen Bürger von Galesburg ruhen nicht. Sie fordern Rache, planen aber nicht nur einen simplen Dammbruch, sondern eine Flutwelle, die noch im verhassten New York City für Tod und Verderben sorgen soll …

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

Womöglich ist es vorteilhaft, dass der Autor ein Pseudonym verwendet. Zumindest die erfahrenen Leser moderner Phantastik würden möglicherweise zögern, einen (weiteren) Roman von Michael Koryta zu lesen: Er ist es, der hier als „Scott Carson“ firmiert, wobei das Motiv für diese ‚Tarnung‘ im Dunkeln bleibt; auf seiner Website ‚beantwortet‘ er diese Frage jedenfalls nur mit launigem Unsinn.

Koryta ist ein fleißiger Erzähler, der jedoch unter einem Fluch zu stehen scheint: Er kann schreiben und weiß, wie man eine (Grusel-) Atmosphäre schafft und schürt. Trotzdem ist es ihm (nach Ansicht dieses Rezensenten) nie gelungen, sein Talent in eine durchgehend spannende (Spuk-) Geschichte einzubringen. (Er schreibt übrigens auch Krimis.) So wie ein Soufflé gern in sich zusammenfällt, nimmt auch ein Koryta-Plot leicht Schaden. Angedeutete Verwicklungen werden nur ansatzweise aufgegriffen, Story-Wendungen, auf deren Auflösung man gespannt wartet, verpuffen im Nichts. Im Finale steht man als Leser verdattert und mit vielen offenen Fragen da.

Zwar schlägt das alte Problem auch auf „The Chill“ durch, doch so schlimm wie sonst kommt es erfreulicherweise nicht. Geschickt baut „Carson“ - bleiben wir im Folgenden beim Pseudonym - die Kulissen für sein Garn auf, in denen er profilscharf gezeichnete Figuren agieren lässt. Der Plot mag generisch sein, doch die Ausgangssituation weckt Neugier: Unterwasser-Spuk ist vergnüglich, weil ihm eine zusätzliche Dimension des Schauders innewohnt.

Probleme über Probleme … und Geister

Es folgen die üblichen, freilich knappen Rückblenden in die ‚verfluchte‘ Vergangenheit, während ersten Andeutungen nach und nach handgreiflicherer Schrecken folgt. Das ist vergnüglich, doch es stellen sich leserseitig erste Irritationen ein, weil Carson einer bekannten Untugend des Horrorromans frönt: Ausführlich kreist er um die Befindlichkeiten seiner Protagonisten, die er mit Problemen bzw. Problemchen überfrachtet, die für das zentrale Geschehen unerheblich bleiben bzw. in dieser Breite niemanden interessieren, während eine Stadt von Geistern belagert wird.

Da haben wir den redlichen, aber einsamen Kleinstadt-Cop, der nicht nur von der Situation überfordert, sondern durch Familienpein abgelenkt ist: Sohn Aaron säuft und hascht und ist Dauergast im örtlichen Knast, aber eigentlich ein Guter, nur unglücklich und missverstanden, weshalb sich seine Suchtprobleme umgehend in Luft auflösen, als es umzugehen beginnt. Selbstverständlich tritt eine mysteriös vorbelastete, aber ‚starke‘ Frau auf, die mit der Unterwasser-Gruselbrut verwandt ist, weshalb sie sich irgendwann zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘ entscheiden muss. Weiterhin im Spiel sind ihr entfremdeter Vater, der die Tochter retten will, sowie ein netter, aber willensschwacher Tropf, der den Übel-Geistern in die Falle tappt und deren Schmutzarbeit im Diesseits erledigen muss.

Ähnliches Stirnrunzeln ruft das Verhalten der Geister hervor. Wieso sind sie eigentlich so angefressen? Carson deutet mehrfach eine von Hexerei oder einer ‚naturgöttlichen‘ Entität manipulierte Ortsgeschichte an, ohne jemals näher auf das Thema einzugehen. Hinter den Kulissen der Handlung geht allerlei vor, über das wir zum Nutzen der Geschichte gern mehr wüssten. Stattdessen bleibt der Autor vage und geht - fälschlich - davon aus, dass es unheimlicher ist, wenn Erklärungen weitgehend ausgespart bleiben. Im Finale outet sich einer der Geister als solcher, verweigert aber weiterhin klare Aussagen über den Sinn des Galesburg-Spuks, sondern beschränkt sich genretypisch auf Munkeleien, aus denen man als Leser selbst schlau werden soll.

Wasser-Schrecken oder nur wässriger Horror?

„The Chill“ bietet keinen feingesponnenen Schrecken. Das Übernatürliche scheut nicht einmal das Tageslicht, und seine Vertreter sind redselig, auch wenn sie - s. o. -  schweigsam werden, wenn sie Dinge beim Namen sollen. Dabei geht es im Jenseits offensichtlich turbulent zu: Es gibt Geister, die unter die Erde verbannt sind und graben müssen, während andere obertägig aktiv werden können. Hinzu kommt eine mysteriös bleibende Zentralmacht, die nicht persönlich eingreift, sondern nur über einen ‚Chronisten‘ in Gestalt eines scheinbaren Fotografen auftritt, der seit Äonen durch menschliches Versagen bedingte Katastrophen dokumentiert - eine Idee, die ein wenig an den Film „The Gathering“ (2002) erinnert.

Ansonsten bleiben die Geister unpersönlich. Das ist problematisch, weil ihr Wirken nur bedingt bedrohlich wirkt. Zudem endet das spektakuläre Dammbruch-Finale ein wenig zu offen: New York bleibt erst einmal ungeflutet, aber die Geister von Galesburg sind weiterhin aktiv und werden womöglich für eine Fortsetzung erneut heraufbeschworen …

Fazit:

Zwar inhaltlich generischer und mit Schwächen behafteter Thriller, der aber solide geplottet und geschrieben wurde. Die Figuren sind Klischees, doch sie erfüllen ihren dramaturgischen Zweck, und die Atmosphäre sorgt für einen Grusel-Grundton, der die schließlich an Tempo zunehmende Geschichte in ihr Finale als Mischung aus Katastrophen- und Spuk-Action trägt: unterhaltsames Horror-Handwerk, das zudem ohne Blut- und Metzel-Szenen funktioniert.

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