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Marcel Scharrenbroich
Ein „Outsider“ und andere Außenseiter

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2020

Hallo Holly!

Wenn Journalisten „Blutige Nachrichten“ liefern, treibt das meist die Quote nach oben. So makaber es sich anhört, so wahr ist es leider auch. Wer würde schon gebannt einem Moderator zuhören, der fröhlich grinsend verkündet, dass heute mal nix aufregendes passiert ist und sich alle liebhaben? Eben… Da wird ein Furz aufgeblasen, bis kein Hahn mehr danach kräht, ob er nun müffelt oder nicht, oder auch gerne die Wetterkarte bei 25 Grad mal so tiefrot eingefärbt, als hätte Luzifer höchstpersönlich zum Angrillen geladen. Bei drittklassigen TV-Asis wartet man nur darauf, dass sie sich nach kurzem „Hallo“ (falls dieses überhaupt fehlerfrei ausgetauscht wird) die getunte Fresse einschlagen, und die nächste reißerische Eilmeldung ist nur einen Wischer in den sozialen Medien entfernt, wo sich vornehmlich das Stammpublikum besagter Asis dann beim Schreib-Versuch von kaum verständlichem Inhalt abenteuerlich die Finger verdreht. Sender -> Empfänger. Ursache -> Wirkung. Pest -> Cholera. Hauptsache es ist laut, provokativ, konfrontativ und „blutiger“ als bei den anderen…

Sensationsjournalismus ist auch das Kernthema der Kerngeschichte von Stephen Kings neustem Streich. Chronologisch an dritter Stelle, nimmt „Blutige Nachrichten“ den Löwenanteil der vier gebotenen Erzählungen ein. Charles „Chet“ Ondowsky ist ein solcher Reporter, der immer live vom Geschehen berichtet. Eigentlich eine kleine und unscheinbare Nummer bei einem Lokalsender, berichtet Chet nicht nur von tragischen Zwischen- und Unfällen, sondern greift auch beherzt ein, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht. So auch an jenem schicksalshaften 8. Dezember 2020, als ein Bote ein Paket an die Albert Macready Middle School in der Nähe von Pittsburgh liefert. Das Paket detoniert und reißt zahlreiche Kinder und Lehrkräfte aus dem Leben. Chet Ondowsky ist live vor Ort und berichtet als erster von der Tragödie. Scheinbar aufopferungsvoll und uneigennützig hilft er, die Verletzten aus den Trümmern zu bergen. Holly Gibney, Leiterin der Detektei Finders Keepers, verfolgt die Sondersendung live im TV… und irgendwas kommt ihr an dem hilfsbereiten Reporter merkwürdig vor. Es ist nur ein Gefühl, aber Holly lässt nicht locker und beginnt in Chet Ondowskys Lebenslauf zu stöbern. Mit erschreckenden Folgen, die ihr wie ein albtraumhaftes Déjà-vu vorkommen…

Bestimmt habt ihr schon mal von Feuerwehrleuten gehört, die selber Feuer gelegt haben, um auf makabre Weise im Rampenlicht zu stehen und als Held gefeiert zu werden. Nun, Chet Obdowskys Taten und deren Beweggründe sind noch abgrundtiefer und Holly Gibney begibt sich auf ganz dünnes Eis.

Kein Anschluss unter dieser Nummer…

Mr. Harrigans Telefon“ hatte bis vor kurzem noch seinen festen Platz und verfügte über eine Wählscheibe, deren Gehäuse über eine Schnur mit einem Hörer verbunden war (die Älteren werden sich erinnern). Dem technischen Fortschritt und somit auch dem iPhone-Kult verweigerte sich der in die Jahre gekommene Milliardär konsequent. Da hat er allerdings die Rechnung ohne den jungen Craig gemacht. Der zurückgezogen lebende John Harrigan bezahlt den Neunjährigen – mit Einwilligung dessen Vaters – dafür, dass er ihm Klassiker der Literaturgeschichte vorliest. Der nette Herr schickt ihm außerdem zu Feiertagen Lotterielose, wobei sogar einmal ein stattliches Sümmchen rausspringt. Als Dank schenkt Craig Mr. Harrigan ein iPhone, da er meint, dem Technik-Verweigerer damit eine Freude machen zu können. Anfänglich sträubt der reiche Mann sich gegen diese Spielerei, bis Craig ihm die fantastischen Möglichkeiten zeigt, die dieses Wunderwerk vollbringen kann. Börsen-Berichte in Echtzeit abrufen, das Weltgeschehen auf Knopfdruck, das Wissen der Welt in einem rechteckigen, flachen Kästchen. Verweigerung weicht Begeisterung. Als Mr. Harrigan jedoch das Zeitliche segnet, hat Craig etwas für ihn, das er ihm auf die letzte Reise mitgeben möchte. Eine Entscheidung, die ihn schlaflose Nächte kostet und den Jungen lange beschäftigt...

Einer wie keiner

Wenn ein Mitarbeiter in den verdienten Ruhestand geht, ist es eine nette Geste, ihn gebührend zu verabschieden. Sein Gesicht dabei auf übergroße Plakate zu drucken, im TV zu platzieren und auch sonst überall an seine Leistungen zu erinnern, ist schon etwas übertrieben. So aufregend war „Chucks Leben“ doch bestimmt nicht, oder? Außerdem hat die Menschheit momentan viel größere Sorgen, da sich mysteriöse Phänomene auf der ganzen Welt häufen. Kann es wichtiger sein, Charles „Chuck“ Krantz zu huldigen, als über einen Vulkanausbruch in Deutschland(!) zu berichten? Außerdem ist Kalifornien kurz davor, von der Landkarte zu verschwinden, während die Technik immer mehr den Geist aufgibt. Als das Licht ganz ausgeht und Chuck Krantz die Augen schließt, blicken wir zurück. Zurück auf sein Leben. Zurück auf die Rolle, die er in den drei Akten spielt. Aber eines dürfen wir dabei nicht vergessen… „39 wunderbare Jahre! Danke, Chuck!“

Schreibblockade

Leidet ein Schriftsteller unter einem chronischen Ideenmangel, kann dies schon mal abenteuerliche Ausmaße annehmen. Der eine schrottet seinen Laptop, ein anderer verfällt dem Suff, und der nächste zündet den ganzen Scheißdreck einfach an. Nun, der Lehrer Drew Larson gehört zur dritten Kategorie und hätte damals, als sein geplantes Romanprojekt in die Binsen ging, beinahe das ganze Haus abgefackelt. Ein schwarzer Tag, der auch im Kopf seiner Frau Lucy nur allzu präsent ist. So etwas möchte sie nicht noch einmal mit ihrem Göttergatten durchmachen, der es in seiner bisherigen Schriftsteller-Karriere nur auf ein paar Kurzgeschichten gebracht hat. Seinen Traum, einen bedeutenden, großen Roman zu schreiben, hat er aber noch nicht gänzlich begraben… und eines Abends, während eines Spaziergangs, trifft es ihn wie ein Hammerschlag, geschwungen von Hemingway, Twain und Orwell gemeinsam! Er sieht die Geschichte bereits vor seinem geistigen Auge! Aufgeregt berichtet er Lucy, dass er DIE Idee habe und sich für den Anfang seines Romans in die abgeschiedene Hütte seines verstorbenen Vaters zurückziehen möchte. Lucy, die vor ihrem geistigen Auge schon wieder ein flammendes Inferno sieht, ist von Drews Plänen anfangs wenig begeistert, möchte seinem Traum aber nicht im Wege stehen. So bricht er auf, um sich in der Nähe von Derry (da schau her…) am idyllischen Dark Score Lake seiner Geschichte zu widmen. Zuerst läuft auch alles wie am Schnürchen, bis Drew eine heftige Grippe erwischt und sich ein handfester Sturm ankündigt. Doch der eifrige Schreiber ignoriert alle Warnungen. Mitten im heftigsten Unwetter kratzt es dann an der Tür… und eine flehende „Ratte“ bittet um die Hilfe des Autors, dessen geplantes Opus Magnum schon wieder nah dran ist, erneut den Bach hinunterzugehen.

Story-Sammlung mit Abwechslung und Tiefgang

„Blutige Nachrichten“ – im Original unter dem Titel „If It Bleeds“ veröffentlicht – startet recht entspannt, jedoch keineswegs uninteressant. In „Mr. Harrigans Telefon“ steht eine ungewöhnliche Freundschaft im Vordergrund, was es in dieser Konstellation, ein älterer Herr und ein junger Knabe, schon häufiger bei Stephen King gab. Man mag sich nur an „Der Musterschüler“ erinnern, wo die Beziehung allerdings schnell in die Binsen und somit voll in die (braune) Hose ging, oder auch die besondere Verbindung von Danny Torrance und Dick Hallorann in „The Shining“. Ja, sogar der kleine Gage kam super mit dem betagten Nachbarn Jud Crandall klar, bis ein „einschneidendes“ Erlebnis dazwischenfunkte. Und während Andy McGees Freundschaft mit John Rainbird wortwörtlich in Rauch verpuffte, verbindet den jungen Craig und den betagten Mr. Harrigan tatsächlich ein längeres Band. Da geht es dann King-untypisch auch mal sehr nachdenklich zu. Nicht, dass der Autor diese Töne nicht zu beherrschen wüsste, aber hier bleibt er aus der Sicht des Jungen immer im Takt und beschreibt Alltagssituationen wie Verlust, Trauer, Mobbing und Technik-Tücken, die einem jeden von uns schon mal irgendwo begegnet sind. Wie man es von King gewohnt ist, wabert auch hier ein Hauch von Mystery durch die Seiten, der den Leser aber nicht direkt anspringt.

„Chucks Leben“ ist dann mal was ganz anderes. Was genau, lässt sich auch nur schwer beschreiben. Eine rückwärts erzählte Lebensgeschichte in drei Akten? Der nahende Weltuntergang? Eigentlich beides, was King sehr philosophisch und speziell inszeniert hat. Im Nachwort geht der Autor nochmals auf die Entstehung der Kurzromane ein und lässt die Leser dort auch am ungewöhnlichen Schreibprozess von „Chucks Leben“ teilhaben. Definitiv eine Story, die viele Fragezeichen aufwirft, aber dennoch perfekt in dieses Buch passt.

Nach Holly Gibneys Revival in „Blutige Nachrichten“, die King seiner neuen Lieblingsfigur hervorragend auf den Leib geschrieben hat und sie darin auch zur Hauptfigur beförderte (nach Auftritten in der Bill Hodges-Trilogie „Mr. Mercedes“, „Finderlohn“, „Mind Control“ und dem ebenfalls als TV-Serie adaptierten Horror-Thriller „Der Outsider“), stellt er in „Ratte“ erneut einen Schriftsteller in den Mittelpunkt. Sehr interessant geschrieben, schwingen hier ein paar Vibes von „Das geheime Fenster“ mit. Allerdings hauptsächlich was das Setting angeht… der faustische Pakt mit einem geschwätzigen Nager ist dann mal was Neues und sehr skurril.

Dreimal ins Schwarze…

…und einmal voll durch die Scheibe hindurch. In „Blutige Nachrichten“ ist keine Geschichte schlecht. Im Gegenteil, endlich konnte mich ein King-Buch wieder komplett begeistern. Nachdem mir seine letzten Wälzer „Der Outsider“ und „Das Institut“ zwar gefallen, mich aber nicht von der Couch geblasen haben, musste ich mich nun gleich viermal wieder aufraffen, um vom Boden hochzukommen. Besonders nach der dritten Geschichte, „Blutige Nachrichten“, hat es etwas gedauert, bis ich wieder lese-bereit war. Packend, ohne Leerlauf und erzählerisch (für mich) endlich wieder auf Top-Niveau. Auf diesem Level kann Mr. King gerne weiterschreiben, denn selbst in den ruhigen Momenten, von denen es durchaus viele gibt, klebte ich förmlich an den Seiten. Eine Geschichtensammlung, die nicht nur langjährige Stephen King-Fans abholen dürfte.

Fazit:

Vier großartige Geschichten vom Meister des Horrors… wobei sich der Horror-Aspekt gedämpft zurückhält. Die Realität kann manchmal gruseliger sein als Fiktion, weshalb die abwechslungsreichen Erzählungen gleich noch mehr packen. Das Kernstück, die Stand-Alone-„Outsider“-Fortsetzung „Blutige Nachrichten“, hat mir dabei noch besser gefallen als der seitenstarke Roman von 2018. Holly Gibney ist ein starker und sympathischer Charakter, der langsam aus dem Schatten tritt und zeigt, dass ihre zarten Schultern auch locker eine umfangreiche Geschichte tragen könnten. Drücken wir die Daumen und geben die Holly-Hoffnung nicht auf!

Blutige Nachrichten

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