Das Steinzeit-Virus

Erschienen: Januar 2021

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Julian Hübecker
Zurück in die Vergangenheit

Rezension von Julian Hübecker Nov 2021

Reversion heißt das Zauberwort, das die einhellige Meinung der Unumkehrbarkeit der Evolution ad absurdum führt. Die Paläontologin Anna forscht schon lange an diesem Forschungsfeld und wird von Kolleginnen und Kollegen belacht. Doch dann tauchen in Afrika Deinotherien auf – Vorläufer der modernen Elefanten. Was anfangs wie ein Hauptgewinn für jeden Fossilforscher klingt, entwickelt sich zu einem Albtraum, der bald die ganze Welt ins Chaos stürzen wird ...

„Die für den Menschen gefährliche Variante unterscheidet sich in zehn Atomen von der tierischen. Können Sie sich das vorstellen? Nur zehn kleine Atome haben genügt, um das Unheil auszulösen.“

Alles beginnt in einem Labor in Südafrika, in dem auf höchster Sicherheitsstufe an Viren geforscht wird. Natürlich kommt es zur Katastrophe: Das Virus gelangt in die Umwelt und sorgt bei Lebewesen – Tieren wie Pflanzen – zu starken morphologischen Veränderungen: Auf einmal zeigen sie nicht mehr den arttypischen Phänotyp, sondern die Version eines längst ausgestorbenen Vorfahren. Was erst nach einer fantastischen Möglichkeit klingt, die biologische Vergangenheit näher zu erforschen, wird aber bald zum Problem: Denn das Virus kennt keine Artengrenze und hüpft fröhlich von Spezies zu Spezies. Wale entwickeln sich zu vierfüßigen hundeähnlichen Wesen zurück, Vögel fliegen als gefiederte Raubsaurier durch die Luft, und sogar das Getreide wird zum wenig ertragreichen Vorgänger.

Bald macht sich Panik breit. Kann das Virus auch auf den Menschen übergehen? Was bislang keiner weiß: Ein Sicherheitsmann aus dem Geheimlabor hat sich infiziert und zu Homo erectus, einem vor etwa 100.000 Jahren ausgestorbenen Vorfahren des Menschen, zurückentwickelt. So schnell wie die Seuche aufgetaucht ist, so schnell breitet sie sich nun auch aus; Tausende infizieren sich. Die Krise stellt die verschont gebliebenen vor eine Grundsatzfrage: Wieviel Mensch steckt noch in Homo erectus, der zuvor Mutter, Vater, Schwester, Freund oder Kind gewesen ist? Sollten diese in Reservaten gehalten oder gar getötet werden, um eine mögliche Übertragung zu verhindern? Der Streit droht zu eskalieren …

Ein spannendes Szenario, dem ein Quäntchen Glaubwürdigkeit fehlt

Dieses Gedankenspiel ist durchaus interessant, gerade weil es tatsächlich Gegenstand moderner Forschung ist. Die Möglichkeit, eine solche Entwicklung durch einen Virus in Gang zu bringen, kratzt zwar an der Glaubwürdigkeit, ist aber ein spannender Weg, um ordentlich Fahrt in die Geschichte zu bringen. So dauert es auch nicht lange, bis das Virus das weltweite Geschehen bestimmt. Dabei kann man durchaus Parallelen zur Corona-Verbreitung ziehen, weshalb das Buch aktuelle Bezüge hat.

Im Mittelpunkt stehen nicht so sehr die Personen, die versuchen, die Verbreitung des Virus zu stoppen, denn wie so oft mangelt es an Kooperation durch Institutionen und Staatsmächte. Die erwähnte Paläontologin Anna spielt noch die größte Rolle, die zwar durchweg in die Geschichte passt, aber irgendwann ein nervendes Nebengeräusch wird, das die Handlung um die Virusverbreitung bremst. Es ist verständlich, dass irgendwo ein Ende gefunden werden muss, hätte man das Geschehen schließlich bis in die Unendlichkeit fortführen können. Doch Annas Rolle als Schlichterin will einfach nicht passen.

Was schließlich noch weniger überzeugt, ist die Wirkungsweise des Virus: Es wird vorgegaukelt, dass die Rückentwicklung umso weiter zurückgeht, je höher entwickelt der Organismus ist, sodass sich der Mensch eben „nur“ 100.000 Jahre rückentwickelt, ein Elefanten aber über 1 Million Jahre. Währenddessen wird bei Vögeln (die systematisch auf der gleichen Stufe wie Säugetiere stehen) kein Unterschied gemacht: Sie alle verwandeln sich in Archäopteryx. Auch die Rückentwicklung der Nutzpflanzen ist nicht konsequent durchgezogen: Was zu einer weltweiten Hungerkatastrophe führen sollte, wird zwar als Warnung genannt, aber nicht umgesetzt – schade um die Glaubwürdigkeit.

Fazit:

Durchaus spannend zu betrachten, was passieren könnte, wenn die Evolution rückwärts laufen würde. Zwar fehlt es an einigen Ecken an tieferen Überlegungen, dies ist aufgrund der Kompliziertheit so eines Ökothrillers aber durchaus zu verstehen. Das enttäuschende Ende ist dadurch allerdings nicht zu entschuldigen.

Das Steinzeit-Virus

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