Rachegeist

Erschienen: März 2020

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Michael Drewniok
Mord und Geisterrache im modernen China

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

Shen Ming, Lehrer am Start einer steilen Karriere und verlobt mit der Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmanns, gerät im Sommer des Jahres 1995 in den Verdacht, eine seiner Schülerinnen umgebracht zu haben. Zwar stellt sich seine Unschuld heraus, doch sein Ruf ist zerstört. Er wird entlassen, Gu Qiusha, seine Braut, sagt sich von ihm los, und der Schwiegervater in spe verstößt ihn. Voller Wut verfolgt und tötet Shen Ming den vermeintlichen Denunzianten - und stirbt selbst kurz darauf mit einem Messer im Rücken. Der Fall wird nie gelöst, was Huang Hai, dem fallzuständigen Polizeibeamten, seither nachgeht.

Knapp zehn Jahre später wird Gu Qiusha auf den jungen Si Wang aufmerksam. Die kinderlose Frau ist von dem begabten und gutaussehenden Jungen fasziniert und adoptiert ihn. Damit setzt sie eine Kette verhängnisvoller Ereignisse in Gang, die erst ihren Vater und dann sie das Leben kostet.

Auch Huang Hai lernt Si Wang kennen - oder ist es umgekehrt? Der Polizist stellt fest, dass in den vergangenen Jahren sämtliche Personen, die in den Fall Shen Ming verwickelt waren, entweder verschwunden sind oder umgebracht wurden. Si Wang selbst macht immer weniger einen Hehl daraus, dass er vom Geist des 1995 ermordeten Lehrers besessen ist, und belegt dies durch Wissen, das nur dem Toten bekannt sein dürfte.

Der Junge gibt sich verängstigt und ratlos, aber kann man ihm Glauben schenken? Si Wang sucht nach denen, die mitverantwortlich für Shen Mings Tod und inzwischen untergetaucht sind. Er geht gerissen vor und manipuliert jene, die ihm helfen können, denn der Rachegeist ist unerbittlich …

Alte Geister im modernen Gewand

Der „neue Stephen King“ kommt also dieses Mal aus China. In den vergangenen Jahren wurden uns einige Nachfolger des Altmeisters präsentiert, was in der Regel auf Werbeleute zurückging, die nach einem Aufhänger suchen, um unbekannte Autoren in eine Schublade zu stecken, deren Inhalt potenzielle Käufer interessieren könnte.

Wenn Cai Jun etwas mit King gemeinsam hat, dann ist es eine Produktivität, die sich um Genregrenzen nicht kümmert. Cai Juns Werk ist in seinem Umfang gewaltig, er erzählt gern und gut - auch dies eine Fähigkeit, die er mit King teilt. Ansonsten lässt sich zumindest in dem hier vorgestellten Roman keine weitere Übereinstimmung feststellen. Stattdessen lesen wir eine Geschichte, die für sich allein bestehen kann und keine angedichtete Schützenhilfe benötigt.

Cai Jun wählt nicht einfach das moderne China als Schauplatz eines Horror- bzw. Mystery-Garns. Er geht einen riskanten Schritt weiter und bindet den Plot in die Darstellung einer modernen Gesellschaft ein, die vor allem im Westen dieser Erde für Erstaunen, Misstrauen und Furcht sorgt: Was wollen die Chinesen - und wie weit werden sie gehen, um es zu bekommen?

Leben und Tod: ein ewiger Kreis

Offensichtlich sehr weit, wenn man dem Verfasser Glauben schenkt. Er konfrontiert uns mit einer kopfstarken Gruppe handlungsrelevanter Figuren, die sämtlich Dreck am Stecken haben = auf ihren Vorteil bedacht sind, dafür notfalls über Leichen gehen und die Eigenheiten eines politischen Systems nutzen, das nur vorgeblich im Dienst des Volkes agiert. Chinas Regierung sind die Menschenrechte bekanntlich gleichgültig. Im Vordergrund steht das Eigeninteresse. So lange man sich dem unterwirft, ist es durchaus möglich, im kommunistischen China zu Reichtum und Einfluss zu kommen. Es wird geschmiert, intrigiert und ausgebeutet wie in der Frühzeit des Kapitalismus‘.

Allerdings bleibt dieser Weg ein Tanz auf dem Seil. Tritt man fehl, schlägt das Regime zu. Hinzu kommt eine Gesellschaftsordnung, die eine strebsame Bescheidenheit unterstützt, wobei die damit einhergehende Heuchelei bereits integriert ist. Wer aus der Reihe tanzt, wird bewundert, bis der Bannstrahl von oben ihn oder sie trifft, woraufhin sich die ‚Freunde‘ in Luft auflösen.

Dem Regime dürfte diese kritische Sicht nicht gefallen. Cai Jun überspitzt sicherlich, aber ihm gelingt die Darstellung einer Welt ohne Moral, in die sich nun das Jenseits einmischt. Der Autor hält das übernatürliche Moment zurück; nur kurz blendet er auf die „Brücke der Ratlosigkeit‘ über den „Fluss des Vergessens“ um, die von denjenigen überquert wird, die am anderen Ufer auf ihre Wiedergeburt warten. Shen Mings Gedächtnis wird nicht wie vorgesehen gelöscht, was es ihm ermöglicht, in seinem neuen Leben jenen nachzustellen, die er für sein schmachvolles Ende verantwortlich macht.

Wo gehobelt wird …

Wer intensiv fragt und forscht, erfährt womöglich mehr, als er oder sie ertragen kann. Si Wang/Shen Ming sorgt Jahre nach seinem Tod für einen Aufruhr, der lange nicht wie erwünscht klärt, wer den Lehrer 1995 umgebracht hat, sondern einen tödlichen Strudel erzeugt.

Mehr als zehn Jahre lässt Si Wang nicht locker, dreht jeden Stein um - und erfährt, dass der Tod von Shen Ming nur ein Ereignis im Leben einer Gruppe von Menschen darstellt, die ihm einerseits verhasst sind, aber andererseits am Herzen liegen. Die Wahrheit ist gnadenlos. ‚Gut* und ‚böse‘ tauschen immer wieder die Rollen. Als Si Wang sämtliche Rätsel gelöst hat, ist er bzw. Shen Ming weder zufrieden noch gar glücklich: Alle, die in beider Leben wichtige Rollen spielen, hüten Geheimnisse, deren Aufdeckung nur Unglück, Versagen oder Verbrechen enthüllen.

Hinzu kommt der Zwiespalt, der dem „Rachegeist“ selbst zunehmend zu schaffen macht. Si Wang lässt nicht nach in seiner Suche nach Aufklärung und Gerechtigkeit, lebt aber in einer Welt, die beides nicht wirklich vorsieht. Sowohl die Tradition als auch die moderne Gesellschaftsordnung folgt Regeln, die Si Wang zum Unglücksbringer stempeln. Selbst im Jenseits gilt er als Störfall; eigentlich hätte er sich an sein Leben und seinen Tod als Shen Ming nicht erinnern dürfen. Auch im Reich der Geister läuft es nicht rund. Wieso sollte es in der Menschenwelt anders sein?

… fallen Pechvögel und Strolche

Si Wang mag seine berechtigten Gründe haben, nach der Wahrheit zu fahnden. Dennoch ist er um keinen Deut sympathischer als die übrigen Protagonisten. Das ist nicht verwunderlich, da sie alle ihre Geheimnisse hüten. Der Autor enthüllt nach und nach ein dichtes Netz persönlicher und kollektiver Schuld, das bereits vor 1995 geknüpft wurde. Irgendwie sind sie alle in Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden.

Generell geht es drastisch zu. Das Figurenverzeichnis enthält viele Namen, doch die Schar der aktuell handelnden Personen wird nie unübersichtlich, da sie entweder Si Wangs Rache zum Opfer fallen oder ein blinder, aber treffsicherer Zufall sie findet. Der Tod ist nicht so schlimm wie die grausam-gleichgültige Gegenwart.

Am Ende sind alle Rätsel gelöst, aber die Erkenntnis kann Si Wang nicht erlösen. Was er losgetreten hat, begräbt auch ihn. Alle Menschen, die ihm bzw. Shen Ming Schaden zugefügt haben, hat die Gerechtigkeit ereilt. Allerdings waren es weit mehr, als er geahnt hatte. Familienmitglieder und Freunde waren unter ihnen. Ob ihm ein Neuanfang gelingen wird, lässt Cai Jun offen. Angesichts der Erbarmungslosigkeit, die er an den Tag legt - und die durch eine betont sachliche Sprache betont wird -, ist die Hoffnung allerdings gering.

Fazit:

Irrtümlich nicht seiner Erinnerung an das Vorleben beraubt, rächt sich ein wiedergeborener Mann an seinen Peinigern. Der Autor schildert dies in vielen kurzen Kapiteln, die zum hohen Handlungstempo passen. Die Ereignisse überschneiden oder überschlagen sich, und es bleibt Raum für deutliche Kritik an der chinesischen Gegenwarts-Gesellschaft: keine einfache, aber eine lohnende Lektüre.

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