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Michael Drewniok
Zeitreise schützt vor Überraschungen nicht

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2020

Beinahe hat sich Melisande Stokes, Spezialistin für alte und klassische Linguistik, mit ihrem Dasein als unterbezahlte, jederzeit kündbare, von ihrem dreisten Chef ausgenutzte Universitätsdozentin abgefunden, als sich ihr der junge Tristan Lyons vorstellt. Er arbeitet für ein eher obskures militärisches Geheimprojekt, das als „Department of Diachronic Operations” (DODO) die taktischen Möglichkeiten einer brisanten Entdeckung ausloten soll: Auf dieser Welt war Magie einst eine Selbstverständlichkeit, die von echten Hexen ausgeübt wurde. Sie unterschieden sich allerdings von den Zerrbildern, die durch die Inquisition u. a. fanatisierte Institutionen propagiert wurden, und waren nur ausnahmsweise ‚böse‘.

Die Magie ‚starb‘ 1851, aber ausgerechnet die Technik, die ihr höchstwahrscheinlich den Garaus gemacht hat, ermöglicht im 21. Jahrhundert ihre Wiederkehr; dies zumindest im Inneren der ODEKs, die abschirmen, was die Magie heute lähmt. Nicht so zufällig, wie sie zunächst glauben, finden Melisande und Tristan eine junggebliebene Alt-Hexe, die ihnen zur Seite steht. Der Versuch, die Vergangenheit magisch zu beeinflussen und damit womöglich feindliche Mächte auszuschalten, bevor sie angreifen, ist freilich längst nicht so einfach in die Tat umzusetzen, wie Tristans Vorgesetzte es wünschen. Dennoch sind die Fortschritte interessant genug, um DODO mit erheblichen Geldmitteln auszustatten. Binnen kurzer Zeit wächst die Einrichtung und entwickelt dabei eine Bürokratie, die immer wieder für Verzögerungen und Ärger sorgt, da die Vergangenheit sich gegen den Ordnungsdrang der Erbsenzähler sträubt.

Mit den Erfahrungen wächst das Selbstbewusstsein. Die DODO-Mitarbeiten reisen nicht nur in die Zeit zurück, sondern etablieren ein Netzwerk aus Hexen, die dafür sorgen, dass Agenten freundlich empfangen und unterstützt werden. Dies ist auch deshalb wichtig, weil sich herausstellt, dass nicht nur DODO zeitübergreifend aktiv ist.

Dummerweise unterschätzt man die ‚primitiven‘ Bewohner vergangenen Äonen, die sehr wohl in der Lage sind zu begreifen, welche Möglichkeiten sich ihnen dank DODO bieten. Vor allem die zu Shakespeares Zeit lebende Hexe Gráinne kocht ihr eigenes Süppchen, bis sie DODO in sämtlichen Epochen in ihre Gewalt gebracht hat und einen Plan zu verwirklichen beginnt, der Historie und Gegenwart buchstäblich auf den Kopf stellen würde, sollte er gelingen …

Es existiert: das dicke und gute Buch!

„Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“ - ab hier abgekürzt zu „DODO“ - ist das seltene Beispiel dafür, dass „Seitenstärke“ nicht das Synonym für „getretener Quark“ sein muss. Manche Geschichte benötigt tatsächlich Raum für ihre Entfaltung. Als Quelle hat ihr eine gute oder interessant variierte Idee zu dienen, die außerdem professionell umzusetzen ist - zwei nur scheinbare Selbstverständlichkeiten, da leider zu viele ‚Autoren‘ merken, wie simpel es ist, Wort an Wort und Satz an Satz zu reihen, was noch lange keine spannende Geschichte hervorbringt, sondern nur dicke Bücher.

Zudem ist „DODO“ kein Solo-Projekt des Schriftstellers Neil Stephenson, der bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat, dass er in die Breite gehen und trotzdem lesenswert bleiben kann. Ko-Autoren wecken das Misstrauen erfahrener Leser, die auf bittere Weise lernen mussten, dass manche Verfasser sich auf die Rolle des ‚Ideengebers‘ beschränken, die Ausführung nicht zwangsläufig talentierten (und moderat entlohnten) Autoren überlassen und trotzdem größer auf den Titelblättern genannt werden. Ohne Wissen um den tatsächlichen Grad der Zusammenarbeit zwischen Stephenson und Nicole Galland ist Letztere aber offensichtlich mehr als der verlängerte Schreibarm des Ersteren.

Man muss ein wenig Geduld aufbringen, bis sich diese Erkenntnis reift. „DODO“ ist ein radiusgroßes Plot-Rad, das erst einmal in Schwung kommen muss. Womöglich sind wir Leser durch schnittrasantes Kino oder Fernsehen verdorben, doch es lohnt sich durchzuhalten, bis ein ereignisreiches Geschehen beginnt, das sich erstaunlich turbulent und ideenreich über 850 Seiten erstreckt.

Großartige Pläne und kleingeistige Bürokraten

Dabei scheint der Plot ausgelaugt, und die Figuren sind nicht unbedingt pointiert gezeichnet. Wiederum gilt es die (Ent-) Täuschung zu überwinden, denn Stephenson & Galland stellen den Plot in den Vordergrund. Die Figuren bleiben Dienstleister der Handlung - eine Eigenschaft, die wir so oft vermissen müssen, dass wir ihr Fehlen quasi voraussetzen. Ebenfalls eine positive Anmerkung wert: Wer „Dickbuch“ inhaltlich gleichsetzt mit „Mrs. Always sucht Mr. Right“, sollte von der „DODO“-Lektüre Abstand nehmen. Hier bleibt der Schmalz-Gehalt niedrig. Stattdessen wird ein Zeitreise-Garn mit einer Anti-Bürokratie-Parodie kombiniert. Wer das langweilig findet, wird eines Besseren belehrt: Stephenson & Galland verknüpfen beides auf einfallsreiche und witzige Weise.

Die Science Fiction war über Jahrzehnte eine Domäne einfallsreicher Individualisten bzw. Super-Nerds, die buchstäblich mit Bleistift auf Papier überlichtschnelle Raumschiffe entwarfen. Natürlich ist die Realität anders = deutlich weniger unterhaltsam, da Fortschritt in der Regel das Produkt endlosen Versuchens und Irrens ist. Klassisch ist ebenfalls der Zwiespalt zwischen Wissenschaft (= Idealismus) und Wirtschaft (= Profitstreben). Gefördert wird, was Nutzen verspricht, der sich in blanker Münze widerspiegelt. In diesem Umfeld wirken Forscher immer noch wie Heringe in einem Haifischbecken.

Folglich ist die realisierte Zeitreise keineswegs ein Triumph des (angewandten) Wissens, sondern zunächst ein ärgerlicher Kostenträger, der sich plötzlich in eine potenzielle Waffe verwandelt. Mit dem daraufhin einströmenden Geldsegen kommen Buchhalter und Vorschriftenfreaks ins DODO. Dort unterstützen sie nicht die Arbeit, sondern behindern sie durch eine Flut genormter Anordnungen zur vorgeblichen Effizienzsteigerung, die sogar der Vergangenheit aufgeprägt werden sollen, aber vor allem dem Karrierestreben visionsfreier Führungskräfte dienen. Dass ausgerechnet eine Hexe aus dem frühen 17. Jahrhundert die daraus resultierende Betriebsblindheit erkennt und für ihre Zwecke ausnutzt, ist einer der vielen gelungenen Einfälle der Autoren.

Die Vergangenheit ist ein komplexes Schlachtfeld

Dass „DODO“ über die Handlung fesselt, liegt an Neil Stephensons über viele Jahre perfektionierte Variante einer Science Fiction, die Hightech und Historie aufregend miteinander verzahnt. Im Vordergrund steht keine bis ins (erzählerisch unwichtige) Detail ausgefeilte Rekonstruktion (obwohl Stephenson in seiner voluminösen „Barock“-Trilogie belegt, dass er auch dies beherrscht), sondern die Vergangenheit als plausible Kulisse für ein Geschehen, das sie nicht ersetzen soll oder muss. „DODO“ bietet Abwechslung auf sämtlichen Zeitebenen, die zudem trickreich miteinander kombiniert werden, womit das Spielfeld nicht eingegrenzt ist: Stephenson & Galland sind auf der Seite derjenigen Wissenschaftler, die von einem Multiversum ausgehen, das auf unendlichen Dimensionsebenen unendlich unterschiedliche Ereignisabläufe bietet. In „DODO“ ist es möglich zwischen diesen mehr oder weniger von der bekannten Realität abweichenden Welten „querzuspringen“, was die Handlung zusätzlich unberechenbar macht.

„DODO“ ist kein stringent erzähltes Werk. Final werden wir darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir lesen, was ein ‚guter‘ Datendieb aus dem usurpierten DODO retten konnte. Dies erklärt Lücken sowie manches Kapitel, das nur unterhaltsame Episode ist, sowie einen Text, der ein Sammelsurium aus Tagebuch- und Blogeinträgen, E-Mails, Chat-Aufzeichnungen, Telefonnotizen u. a. Medien darstellt, die dem Menschen der Kommunikation und Informationsfixierung dienen. (Sogar ein Heldengesang aus der Wikinger-Ära zählt dazu.) Womöglich liegt es daran, dass wir Leser der Gegenwart uns daran gewöhnt haben (daran gewöhnen mussten?), solche Fragmente zur einer Story zusammenzusetzen. Trotzdem können wir Stephenson & Galland dankbar sein, die diese Brotkrumen-Spur so geschickt streuen, dass wir ihr gern dorthin folgen, wo uns die Auflösung erwartet.

Die ist natürlich nicht identisch mit dem tatsächlichen Ende der Handlung. Faktisch geht der Kampf über Raum und Zeit erst los. Das ursprüngliche DODO mag untergegangen sein, doch seine Vertreter formieren sich neu. Sollten genug Leser bereit sein die Geldbörse zu zücken, dürfte eine Fortsetzung kommen. Was viel zu oft ein Ärgernis ist, erzeugt hier eine Erwartungshaltung.

Fazit:

Turbulent wird die Erfindung einer Zeitreise-Methode geschildert, deren realer Einsatz nicht nur durch technische Probleme, sondern auch durch menschliches Unvermögen in Gestalt selbstzweckhaft entarteter Arbeitsoptimierung behindert wird. Dieser witzig umgesetzte Ansatz sorgt zusammen mit der komplexen Handlung und dem humorvollen, aber nicht aufdringlichen Unterton für ein Lektürevergnügen, das über die beträchtliche Romanlänge trägt.

Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.

Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.

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