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Marcel Scharrenbroich
Mr. Anderson, willkommen zurück… wir haben Sie vermisst.

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jul 2020

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Bits, Bytes und Bauklötze haben wir gestaunt, als kurz vorm Jahrtausendwechsel das moderne Action-Kino von den Brüdern Andy und Larry Wachowski regelrecht revolutioniert wurde. Dabei gab es nicht nur Martial-Art-Fights, die man bis dato noch nicht auf der Leinwand gesehen hatte, sondern auch bahnbrechende Special-Effects und eine hochkomplexe Story, die sich durch die beiden Fortsetzungen in die Hirnrinden der Zuschauer brannte und dabei die eine oder andere Zelle zum Qualmen brachte.

„Matrix“ handelt vom Hacker Thomas A. Anderson (Keanu Reeves), der tagsüber in einem langweiligen Bürojob versauert und in der Nacht als Neo das Netz unsicher macht, bei seiner Suche nach dem mysteriösen Morpheus (Laurence Fishburne). Dieser ist seinerseits ebenfalls auf der Suche... bereits sein ganzes Leben lang. Und zwar nach dem „Auserwählten“. Diesen glaubt er in Neo gefunden zu haben und stellt ihn vor die Wahl: Die rote Pille oder die blaue Pille. Während die Einnahme der blauen Pille ihn daheim in seinem Bett erwachen lassen würde, als wäre nichts geschehen, würde die rote Pille ihm die ganze Wahrheit offenbaren. Die Wahrheit über die sogenannte Matrix

Neo entscheidet sich für die rote Pille… und Morpheus führt ihn tief in den Kaninchenbau: Unsere Realität ist nur eine Illusion. Erschaffen von Maschinen, die die Menschen als Energie-Lieferanten nutzen und sie zu diesem Zweck züchten. Auf unendlichen Feldern wachsen sie im künstlichen Tiefschlaf heran. Verkabelt und kontrolliert von einer künstlichen Intelligenz, die einst die Herrschaft über unseren Planeten übernahm. Neo erwacht in einer nicht genau definierten Zukunft, schätzungsweise 200 Jahre der ihm bekannten Zeit voraus. Morpheus, Trinity (Carrie-Anne Moss) und weitere Rebellen, die ihren Unterschlupf in der unterirdischen Stadt Zion haben, der letzten Bastion der Menschheit, nehmen den komplett verstörten Neo auf ihrem Hovercraft, der Nebuchadnezzar, auf. Dort muss der frisch Erweckte erstmal regenerieren, schließlich atmet er zum ersten Mal ohne künstliche Unterstützung und nutzt seine Muskeln ebenfalls erstmalig. Diese wird er noch brauchen, denn Morpheus sieht in Neo den „Auserwählten“. Die vom allwissenden Orakel (Gloria Foster) prophezeite Person, die den Krieg zwischen Menschen und Maschinen beenden wird. Doch die Rebellen müssen wieder in die Matrix, unsere (Schein)welt… und dort wartet schon das intelligente Programm Agent Smith (Hugo Weaving), das es auf Neo abgesehen hat und ihn um jeden Preis vernichten will.

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Oberflächlich betrachtet, ist „Matrix“ ein bildgewaltiger Blockbuster, der so ziemlich jeden Rahmen sprengt. Selbst nach über 20 Jahren noch grandios. Nicht umsonst wurde der Film im Jahr 2000 mit vier Oscars geehrt. Darunter auch die visuellen Effekte, die fürs ausgehende Jahrtausend phänomenal waren. Man denke nur an Neos Verrenkungen, als er auf dem Dach den Kugeln des Agenten ausweicht, die in Zeitlupe auf ihn zufliegen, während mehr als 120 Kameras die Umgebung aufzeichnen und uns einen Rundumblick bescheren. Der sogenannte Bullet-Time-Effekt wurde hundertfach kopiert und zählt heute schon fast zum festen Bestandteil des Popcorn-Kinos. Auch wenn so mancher Fight, bei dem die Protagonisten durch die Luft fliegen, an Wänden und Decken entlangrennen oder Moves vollführen, die jeglicher Schwerkraft trotzen, mittlerweile überholt aussieht und retuschierte Kabel, an denen die Darsteller durchs Set gezogen werden, nicht mehr wirklich State of the Art sind.

Auf der Story-Ebene trumpft der Film aber mindestens ebenso auf. Die Geschichte um eine vorgegaukelte Realität, die Menschen in die Sicherheit einer Scheinwelt wiegt und hinter der digitalen Fassade grausamer nicht sein könnte, hat per se schon das Interesse geweckt. In den Fortsetzungen „Reloaded“ und „Revolutions“ (beide 2013) ging es dann deutlich tiefer in die Materie. Zwar standen der Krieg gegen die Maschinen und der Weg des „Auserwählten“ weiterhin an der Spitze der Prioritätenliste, doch die Handlung wurde zunehmend komplexer und wurde vollgestopft mit philosophischen Verweisen, Symbolik, Mythologie oder Religion. Dies kam nicht bei jedem Zuschauer gut an und so mancher schaffte es nicht, der hakenschlagenden Handlung durchgehend zu folgen… wovon ich mich nicht gänzlich ausschließen möchte. Es existieren zahlreiche Theorien, die die Knoten entwirren sollen. Was haben die Regisseure in bestimmten Szenen beabsichtigt? Worauf wird Bezug genommen? Welche scheinbar wahllos eingesetzten Details sind wichtig? Was ist der tiefere Sinn? Die „Matrix“-Trilogie ist nicht das einzige filmische Beispiel, das immer wieder – und auch nach langer Zeit – auf dem Prüfstand steht. Stanley Kubricks Stephen King-Adaption „Shining“ ist wohl einer der populärsten Vertreter. Zu diesem Meisterwerk gibt es die spielfilmlange Dokumentation „Room 237“ von Rodney Ascher, aber schenkt man allen dort ausgesagten Punkten Glauben, war der Regisseur, also Kubrick, der klügste Mann des Planeten… man sieht halt immer das, was man sehen will. Auch, wenn es noch so abwegig und an den Haaren herbeigezogen ist. Hut ab, wenn auch nur die Hälfte ursprünglich beabsichtigt war. Im Falle von „Matrix“ gibt es bereits Bücher, die psychoanalytische Blicke auf die Filme werfen. Nun gesellt sich eine weitere Analyse dazu und Autor Traian Suttles, der bereits mit „Drogenrausch und Deduktion: Zur Innenwelt des Sherlock Holmes“ (mainbook), über den berühmtesten Detektiv der Welt, erdacht von Sir Arthur Conan Doyle, auf sich aufmerksam machte, nimmt sich jeden der drei „Matrix“-Filme Szene für Szene vor.

Parallel zu seinem Buch „Matrix-Liebe: Zur Rückkehr eines Kino-Mythos“, ebenfalls erschienen beim Verlag mainbook, habe ich mir die komplette Trilogie noch einmal zu Gemüte geführt, was auch sehr hilfreich war. Suttles geht hier nämlich chronologisch vor, was es dem Leser entsprechend einfach macht, seinen Ausführungen zu folgen. Dennoch sollte man nicht unbedingt eine „leichte“ Lektüre erwarten. Es wird zudem sehr viel mit Fußnoten gearbeitet, da der Autor zum einen viele Quellen heranzieht und zum anderen den Platz nutzt, um tiefer ins Detail zu gehen. Einige Zitate wurden dabei im englischsprachigen Original belassen.

Suttles liefert dabei nicht nur zahlreiche Antworten, sondert stellt auch Theorien auf. Stellt Fragen und gibt verschieden Wege vor, die jeder Leser für sich selbst interpretieren kann. So ist nicht jede Aussage in Stein gemeißelt, lädt dabei aber stehts zum aktiven Mitdenken ein. Mit Sicherheit sind viele Kleinigkeiten in den Filmen nur purer Zufall und ohne große Hintergedanken der Wachowskis entstanden, doch es ist stets interessant, was sich dort so alles hineininterpretieren lässt. So befasst sich ein Punkt mit der äußeren Erscheinung des Orakels. Wurde sie in den ersten beiden Filmen noch von der Schauspielerin Gloria Foster verkörpert, übernahm die Rolle in „Matrix Revolutions“ die US-amerikanische Film- und Broadway-Darstellerin Mary Alice. Diese neue „Hülle“ wird im Film zwar (ansatzweise) erklärt, was aber aus der Not heraus geboren ist, da Gloria Foster traurigerweise 2001 verstarb, bevor ihre Szenen für den Trilogie-Abschluss gedreht werden konnten. Mary Alice war zudem in den zusätzlichen Szenen zu sehen, die die Wachowski-Brüder für das Videospiel-Bindeglied „Enter the Matrix“ (2003) drehten, in welchem der Spieler als Niobe (in den Filmen und Zwischensequenzen Jada Pinkett Smith) und Ghost (Anthony Wong) während der Handlung von „Reloaded“ und „Revolutions“ agiert. So muss also nicht jede Szene unbedingt einen tieferen Sinn haben. Trotzdem ist es spannend, wie akribisch diese Filme auf jedes winzige Detail untersucht wurden und noch immer werden… und da ist die „Matrix“-Trilogie wahrlich eine schier unerschöpfliche Fundgrube.

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Fast aus dem Nichts kam im Sommer 2019 die Meldung, dass Keanu Reeves, der nicht nur einen verdienten zweiten Frühling durch die bleihaltige Headshot-Parade „John Wick“ erlebt, sondern auch mit Alex Winter dem Kult-Duo „Bill & Ted“ einen dritten Ausflug durch die Zeit spendiert, in einem weiteren „Matrix“-Film zu sehen sein wird. Einer Fortsetzung, an die niemand geglaubt hat… wohl auch, weil niemand wirklich danach gefragt hat. Fast 20 Jahre nach „Revolutions“ hatten wohl die Wenigsten einen vierten Film auf dem Zettel. Die Dreharbeiten laufen bereits auf Hochtouren und nach Shootings in den USA befindet man sich nach einer Corona-Zwangspause im Potsdamer Studio Babelsberg. Es wird ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten geben. Neben Reeves, der wieder als Neo zu sehen sein wird, gehören auch Carrie-Anne Moss, Jada Pinkett Smith und Lambert Wilson (der Merowinger aus „Reloaded“ und „Revolutions“) zum Cast. Neu hinzugekommen sind Yahya Abdul-Mateen II (Black Manta in DCs „Aquaman“), Bollywood-Schauspielerin Priyanka Chopra, Synchronsprecher und Schauspieler Jonathan Groff, die Britin Jessica Henwick („Game of Thrones“, MARVELs „Iron Fist“ und „The Defenders“, sowie „Underwater – Es ist erwacht“) und Allround-Talent Neil Patrick Harris („Starship Troopers“, How I Met Your Mother“, „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“). Mit Max Riemelt („Die Welle“, „Im Angesicht des Verbrechens“, „Die vierte Macht“, „Sense8“) gibt es sogar deutschen Zuwachs.

Die Regie beim noch unbenannten „Matrix“-Reload führt Lana Wachowski, ehemals Larry Wachowski. Seit 2012 lebt sie offiziell als Transgender, nachdem Lana schon zuvor in weiblicher Erscheinung in der Öffentlichkeit auftrat. Ebenso Andy Wachowski, der nun unter dem Namen Lilly lebt. Lilly ist allerdings nicht in die Produktion des neuen „Matrix“-Ablegers involviert. Das Drehbuch stammt von Lana Wachowski und den Schriftstellern Aleksandar Hemon („Lazarus“ (btb), „Das Buch meiner Leben“ (Knaus), „Die Sache mit Bruno“ (Knaus)) und David Mitchell („Chaos“, „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“, „Slade House“, „Der Wolkenatlas“ (alle bei Rowohlt erschienen)). Letzterer Titel wurde von Tom Tykwer und den Wachowskis 2012 als epischer „Cloud Atlas“ verfilmt. Ferner kennen sich Lana Wachowski und die beiden Schriftsteller durch die gemeinsame Arbeit an der NETFLIX-Serie „Sense8“, durch die wohl auch das Interesse an Darsteller Max Riemelt für den neuen „Matrix“-Teil geweckt wurde.

Noch ist nichts Genaueres über die Story der Fortsetzung bekannt. Bis zum voraussichtlichen Kinostart – in den USA ist aktuell der 1. April 2022 angepeilt – wird es aber noch reichlich zu berichten geben und die eine oder andere Info durchsickern. In Zeiten der sozialen Medien ist dies nicht nur so gut wie sicher, sondern auch… unvermeidlich.

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Mit „Matrix-Liebe: Zur Rückkehr eines Kino-Mythos“ ist Autor Traian Suttles ein informatives Nachschlagewerk gelungen, welches sich zwar nicht immer leicht konsumieren lässt, bei einer parallelen Sichtung der Filme aber ein nützlicher Begleiter durch die verwirrenden Cluster der Matrix ist. Vorwissen über die „Matrix“-Trilogie ist dabei aber Pflicht, da dieses Buch keine Hintergrundinformationen über die Dreharbeiten liefert, sondern sich gänzlich der Story der drei Filme widmet. Szene für Szene.

Matrix-Liebe: Zur Rückkehr eines Kino-Mythos

Matrix-Liebe: Zur Rückkehr eines Kino-Mythos

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