Alles über den Zauberer von Oz

Erschienen: Januar 2003

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Michael Drewniok
We’re off to see the Wizard ...

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2020

Ein Wirbelsturm trägt die kleine Dorothy aus Kansas ins seltsame Land Oz. Die Rückkehr scheint ausgeschlossen, helfen könnte höchstens ein mächtiger Zauberer, der in der Smaragdenstadt residiert. Die Reise dorthin ist lang und gefährlich, aber Dorothy zieht los. Sie findet Freunde: eine hirnlose Vogelscheuche, einen herzlosen Blechmann und einen feigen Löwen, die dank Dorothy alle über ihren Schatten zu springen lernen.

Nach vielen Abenteuer wird die Smaragdenstadt erreicht, der Zauberer verspricht Hilfe, doch er stellt eine Bedingung: Dorothy und ihre Gefährten sollen die böse Hexe des Westens ausschalten, die seit langer Zeit Oz bedroht. Ratlos stimmt das Quartett zu, doch die Hexe hat längst Wind von ihrer Ankunft bekommt und schickt ihnen ihre Schergen, die gefürchteten geflügelten Affen, entgegen ...

Buch als Lektüre-Event

Womit erst ein Drittel des Inhalts dieses voluminösen Bandes beschrieben ist, denn die märchenhafte Geschichte wird ausgiebig, manchmal sogar exzessiv kommentiert. Unzählige Anmerkungen führen in die Hintergründe der Oz-Story ein und versuchen nachzuvollziehen, wie Verfasser L. Frank Baum auf seine kuriosen Ideen kam. Gleichzeitig wird „Der Zauberer von Oz“ als Spiegel der Zeit um 1900 enthüllt. Wir erleben die Geburt eines modernen Mythos’, der zwar erhofft, aber nie geplant war.

Wie dies geschehen konnte, zeichnet Oz-Fachmann Michael Patrick Hearn ausführlich nach. Er beschäftigt sich 100-seitig mit den beiden Schöpfern des Zauberers; L. Frank Baum (1856-1919) und W. W. Denslow (1856-1915), Schriftsteller der eine, Zeichner der andere: zwei Männer, deren Talente im „Zauberer“ zusammenflossen und sich dabei nicht verdoppelten, sondern vervielfachten.

Aus dem Gesagten wird deutlich: Wir haben es hier nicht nur mit einer weiteren Neuausgabe des „Zauberers“ zu tun. Derer gab es zwar schon viele, die aber - das Schicksal so manchen ‚Kinderbuches‘ - von ihren Übersetzern ‚kindgerecht‘ bearbeitet, d. h. gekürzt und verändert wurden. (In der ehemaligen Sowjetunion entstand sogar eine Fassung mit gänzlich neuen Handlungskapiteln.)

Die zahlreichen Facetten von Oz

Mit einem dieser Machwerke werden wir hier nicht belästigt. Das ehrgeizige Ziel des Herausgebers Michael Patrick Hearn ist es, buchstäblich jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Bis in L. Frank Baums Papierkorb ist er (bildlich gesprochen) geklettert, um dort und in vielen anderen Quellen das Material zur Rekonstruktion der ultimativen Oz-Ausgabe zu finden. Keine einfache Aufgabe; dies nicht aufgrund der inzwischen verstrichenen Zeit, sondern weil bereits Baum selbst in den Neuausgaben zu seinen Lebzeiten mehrfach änderte. So ist es schwer zu sagen, ob es eine endgültige Fassung jemals gab.

Aber solche Schwierigkeiten sind Wasser auf Hearns Mühlen. Er hat sich tief in Baums Literatur-Universum eingelesen. Deshalb ist er nicht nur der Autor der einleitenden Baum-Biografie, sondern kommentiert auch die Oz-Geschichte mit unzähligen Anmerkungen, in denen er auf jeden vorstellbaren Aspekt des zauberhaften Landes eingeht.

Dabei kennt er keine Grenzen - und ist in (guter?) Gesellschaft damit. In den vielen Jahren, die seit dem ersten Erscheinen des „Zauberers“ verstrichen sind, haben zahlreiche Literaturwissenschaftler, aber auch Laien zwischen den Zeilen gelesen. Sie konnten durchaus grundsätzliche Fragen - wieso ein Blechmann, eine Vogelscheuche, ein Löwe? - beantworten, schossen aber nicht selten weit übers Ziel hinaus bzw. betrieben ihre Nachforschungen als Faktenhuberei = als müßiges intellektuelles Spiel, das sich selbst genügt - so zum Beispiel der Versuch, das Kapitel „Das niedliche Porzellanland“ als verschlüsselte Reflexion auf den 1900 gerade aktuellen Aufstand der Boxer im kolonialen China zu deuten, denn „china“ ist das englische Wort für „Porzellan“. Hearn schließt sich ihnen mit gesunder Selbstironie an, und „Baum hätte sicherlich auch über manche seiner Anmerkungen den Kopf geschüttelt.“ (S. 306, Anm. 7).

Ein Bestseller, zwei Lebenswerke

Neben L. Frank Baum, dem Schriftsteller, gab es auch den Erfinder, Theatermann oder Pionier des frühen Films. Baum lässt sich nicht auf seine Rolle als ‚königlicher Schreiber‘ des Landes Oz reduzieren, sondern war (auch privat) ein interessanter Mensch, der Zeit seines Lebens etwas riskierte, mehr als einmal auf die Nase fiel und sich wieder aufrappelte; ein Mann also, der alles andere als ein weltfremder Bücherwurm war.

Gewürdigt wird neben Baum aber auch W. W. Denslow. Er ist das fast zum Klischee geronnene Beispiel eines Sonder- und Widerlings, hinter dessen großartigem Werk ein trauriges Leben heute verschwunden ist. Hier widerfährt ihm Gerechtigkeit, denn Hearn erforscht einerseits Denslows Biografie - seine Rolle wurde von Baum später heruntergespielt -, während andererseits seine wunderbaren Illustrationen diesen Band in ihrer ganzen Pracht schmücken.

Viele Zeichner haben sich Dorothy & Co. gewidmet, aber Denlow deklassiert sie alle mit seinem täuschend simplen Stil, der ideal alle für die Geschichte wichtigen Elemente transportiert. Der legendäre Hollywood-Film von 1939 (der selbstverständlich ebenfalls ausführlich behandelt wird) gestaltete seine wichtigsten Figuren nach Denslow und tat sehr gut daran. „Alles über den Zauberer von Oz“ sammelt sämtliche Zeichnungen, die Denslow für sowie im Umfeld des Klassikers schuf. Noch besser: Sie erscheinen hier in den prächtigen Farben der heute unbezahlbaren ersten Auflagen. Darüber hinaus präsentiert uns Hearn eine Flut zeitgenössischer Werbebroschüren, Umschlagentwürfe, interessante Belege für frühes Merchandising, Hommagen und Parodien. Die Palette ist breit und bunt, das Ergebnis ein Buch, das eine antiquarische Suche eindeutig wert ist.

Werk eines Wunderkinds

Michael Patrick Hearn verfasste „Alles über den Zauberer von Oz“ im zarten Alter von 20 Jahren. Der studierte Literaturwissenschaftler und Journalist (u. a. für die „New York Times“ und „The Nation“) schrieb auch eine umfangreiche L. Frank Baum-Biografie und gilt als einer der weltbester Kenner von Autor und Werk. (Hearn schuf auch „The Annotated Huckleberry Finn“, das unter dem Titel „Alles über Huckleberry Finn“ ebenfalls in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde.)

„The Annotated Wizard of Oz“ erschien erstmals 1973. Die deutsche Ausgabe ist die Übersetzung der neu überarbeiteten und ergänzten Fassung von 2000. Sie ist übrigens keineswegs frei von teilweise entstellenden (Druck-) Fehlern, was bei einem Buch dieser Kategorie erstaunt und definitiv unentschuldbar ist.

Fazit:

Opulente, vielfarbige Neuausgabe des US-amerikanischen Volksmärchens, eingeleitet von einer 100-seitigen, von vielen Fotografien und Zeichnungen begleiteten Biografie seiner Schöpfer L. Frank Baum und W. W. Denslow: ein Meisterwerk auch der Buchdruckkunst, in dem man sich viele schöne Lesestunden verlieren kann.

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