Brüder im Kosmos

Erschienen: Januar 1972

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Michael Drewniok
Fremd muss nicht gleich böse sein

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2020

Vier Erzählungen eines Verfassers, der „Science Fiction“ nie als Synonym für pseudo-glorreiches Blaster-Geballer betrachtete, sondern die Problematik einer schwierigen, aber möglichen Verständigung zwischen Mensch und Alien für möglich (und nötig) hielt und dies einfallsreich in Worte fasste:

- Töten oder heilen (To Kill or Cure; 1957), S. 7-39: Über Irland stürzt ein außerirdisches Raumschiff ab. Eine zufällig vor Ort befindliche Menschengruppe will helfen, versteht aber falsch, was die Überlebenden ihnen begreiflich machen will, fühlt sich angegriffen und droht eine Katastrophe auszulösen.

- Die Verschwörer (The Conspirators; 1954), S. 40-71: Die Strahlung des Weltraums und/oder die Schwerelosigkeit lässt Mäuse und Meerschweinchen im Labor eines Raumschiffs Intelligenz entwickeln. Sie planen die Flucht mit einer Forschungssonde, aber dies wird nur gelingen, wenn Schiffskater Felix die menschliche Besatzung ablenken sowie seinen Jagdtrieb in Zaum halten kann.

- Säuberungsaktion (The Scavengers; 1953), S. 72-95: Die Menschen betäuben und entführen die verzweifelt um Kontakt und Schonung bittenden Bewohner eines fernen Planeten; es bleibt einfach keine Zeit ihnen die Gewaltaktion zu erklären.

- Der Krieger (Occupation: Warrior; 1959), S. 96-161: Wer in ferner Zukunft Krieg führen will, muss dies bei den Ordnungswächtern des Kosmos beantragen und darf sich dann mit dem Gegner auf einem dafür vorgesehenen Öd-Planeten messen. System-Rebell Dermod hasst und unterwandert das System, muss aber feststellen, dass der ersehnte Krieg nicht so glorreich wie erhofft ist.

Verständigung statt Verteidigung

Die Vermittlung seiner Faszination am Fremden und Rätselhaften war James White als SF-Autor ein lebenslanges Anliegen. Schon „Töten oder heilen“, die erste der vier hier vorgestellten Storys, ist ein Idealbeispiel. Das grundsätzliche Problem ist nicht die Begegnung mit den außerirdischen Schiffbrüchigen, sondern jene Verständnislosigkeit, die einhergeht mit dem menschlichen Misstrauen, das sich - so White - rasch in Gewalt entlädt. Auch hier lösen die Menschen in einer Mischung aus Hilfsbereitschaft und Angst eine unnötige Konfrontation aus, weil sie die Situation nicht erfassen bzw. sie sich von ihrer Furcht beherrschen lassen.

White nimmt damit auch Bezug auf den zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schwelenden, nur scheinbar Kalten Krieg zwischen den „Supermächten“ USA und UdSSR, aber statt uns (bzw. seinen Zeitgenossen) eine langweilige Predigt über die Vorteile von Vernunft und Einigung zu halten, erklärt er sich über eine spannende Geschichte.

1946 schrieb Arthur C. Clarke (1917-2008) die Kurzgeschichte „Rescue Party“ (dt. „Rettungsexpedition“), in der eine Zivilisation so rasch vor einer Apokalypse gerettet werden muss, dass man sie nicht mehr informieren kann und durch die rigorose Weise der Bergung notgedrungen in Todesangst und Aufruhr versetzt. White war von diesem Plot gefesselt und fragte Clarke, ob er ihn für eine eigene Story aufgreifen dürfe. Clarke war einverstanden. „Säuberungsaktion“ erschien 1953 in der Oktober-Ausgabe des Magazins „Astounding Science Fiction“ und sorgte dafür, dass White in der Szene bekannt wurde.

Wenn die Mäuse tanzen (bzw. schweben)

„Die Verschwörer“ lautet der absichtlich irreführende Titel einer besonders einfallsreichen Erzählung. Mäuse und Meerschweinchen werden intelligent und planen ihre Flucht aus einem Raumschiff, was vorbereitet und durchgeführt werden muss, ohne dass die menschliche Besatzung davon Wind bekommt. Selbstverständlich geht alles schief, was schiefgehen kann und in einem turbulenten, vom Verfasser zügig vorbereiteten Finale gipfelt, das zusätzlich sogar mit zwei (gelungenen) Epilog-Gags überraschen kann.

Mit dem von der Situation und seinem Jagdinstinkt überforderten Kater Felix ist White eine überaus überzeugende ‚Person‘ gelungen. Ober-Maus Whitey und die übrigen ‚Verschwörer‘ sind auf Felix angewiesen, können ihm aber nicht gänzlich vertrauen, da Felix immer noch eine Katze ist. Daraus entwickeln sich zusätzliche Schwierigkeiten, bei deren Schilderung White einmal mehr vertrautes Terrain betritt, obwohl sich hier nicht Mensch und Alien, sondern Maus und Katze gegenüberstehen.

Gewalt auf dem Weg zur Erkenntnis

„Der Krieger“ spielt (eigentlich) in jenem Kosmos, in den White seine Storys über das „Sector General“ ansiedelte: eine gigantische Raumstation und gleichzeitig ein Krankenhaus, das sämtliche Bewohner des Universums behandelt. Die daraus resultierenden Probleme füllen zwölf lesenswerte Bände mit (Episoden-) Romanen und Storys, die White zwischen 1962 und 1999 veröffentlichte (und von denen immerhin zehn auch hierzulande erschienen). Einige Erzählungen spielen außerhalb der Station und beleuchten Whites Welt einer Zukunft, in der sich die Völker der Galaxis ungeachtet weiterhin schwelender Konflikte friedlich zusammengeschlossen haben.

Obwohl er die ursprüngliche Story umschrieb und direkte Anspielung auf das „Sector General“ tilgte, zeigt auch „Der Krieger“ den Pazifisten White, der im Universum den Menschen als erstverdächtigen Störenfried betrachtet. Die Sehnsucht nach der kriegerischen Auseinandersetzung ist ihm demnach eingepflanzt und kann (bzw. muss) höchstens kanalisiert werden. Schlägt sich White zunächst (scheinbar) auf die Seite Dermods, der sich den ‚echten‘ Krieg = das Ende jener Kontrolle zurückwünscht, die er als Behinderung der freien Willensausübung betrachtet, unterwirft er seinen Protagonisten der Erfahrung, dass zwischen Vorstellung und Realität eine breite und vor allem blutige Lücke klafft. Das Ende kommt erneut überraschend: Dermod hat sich unfreiwillig als Idealkandidat für die „Wache“ qualifiziert, die in diesem Universum als Ordnungshüter fungiert.

Anmerkung: Aufgrund der (viel zu) lange üblichen Seitennormierung deutsch übersetzter SF-Romane und Sammlungen fehlen gegenüber der Originalausgabe die die „Sector-General“-Storys „Countercharm“ (1960) und „Tableau“ (1958) sowie die Kurzgeschichte „Red Alert“ (1956).

Fazit:

James White gehört zu jenen (eher raren) SF-Autoren, die eine Begegnung mit fremden Wesen als Herausforderung zur Verständigung statt als Auslöser zum Kampf werten, was er auch in den hier gesammelten Storys ebenso einfallsreich wie spannend sowie ohne erhobenen Zeigefinger beschreibt.

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