Projekt Ming-Vase

Erschienen: Januar 1968

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Michael Drewniok
Die Zukunft bringt nicht das Paradies

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2020

Zehn Visionen überwiegend düsterer Zukünfte:

- Projekt Ming-Vase (The Ming Vase; 1963), S. 5-29: Wie fängt man einen flüchtigen Hellseher - und warum stiehlt dieser ausgerechnet eine wunderschöne, aber in seiner Lage nutzlose Vase?

- Sag die Wahrheit (Tell the Truth; 1959), S. 30-41: Mit einem riskanten Trick wollen die Menschen die kriegerischen Klangianer von einem Angriff auf die Erde abbringen.

- Der letzte Sommertag (The Last Day of Summer; 1955), S. 42-49: Nachdem die letztmögliche Verlängerungsfrist seines Lebens abgelaufen ist, wird das Alter John Melhuey grausam, weil schlagartig heimsuchen.

- Ein frecher Bursche (Fresh Guy; 1958), S. 50-65: Auf der atomkriegsverseuchten Erdoberfläche hoffen zwei Vampire, ein Dämon und ein Werwolf auf die Rückkehr der Menschen, die sich in Bunker geflüchtet haben.

- Nachtwache (Vigil; 1956), S. 66-74: Der Vater wartet auf die Rückkehr im All verschwundenen Sohnes, der sich dem alten Mann aber nicht offenbaren will.

- Ein scheckiges Pferd (The Piebald Horse; 1960), S. 75-93: Ein menschlicher Spion wird von Telepathen gejagt; um ihnen zu entkommen, darf er auf keinen Fall daran denken, dass er ein Spion ist.

- Das richtige Verhältnis (Sense of Proportion; 1958), S. 94-117: Was nur ein dramatischer Effekt für eine TV-Show sein sollte, ruft in einem angeblichen Weltraumhelden die Erinnerung an eine sorgfältig vertuschte Übeltat wach.

- Größer als die Unendlichkeit (Greater Than Infinity; 1960), S. 118-125: Der planetengroße Computer langweilt sich und kidnappt eine irdische Raumschiffcrew, die er nur gehen lassen will, wenn man ihm eine wirklich originelle Frage stellt.

- Die letzten Leichenbestatter (Last of the Morticians; 1959), S. 126-134: Nachdem die Menschen dank außerirdischer Hilfe nicht mehr sterben, müssen sich Luke und Ephraim beruflich neu orientieren.

- Der Holzwurm (Worm in the Woodwork; 1962), S. 135-165: Der Feind hat einen Chef-Strategen der Erdmenschen entführt. Nur die Kraft seines Geistes kann er seinen Peinigern entgegensetzen, um auf Retter zu warten, die ihn notfalls umbringen werden.

Welten, in denen wir nicht leben möchten

„In kühnem Gedankenflug entführen [diese Geschichten] den Leser aus dem nüchternen Alltag aus unserer Zeit in eine ferne Zukunft, in die unendlichen Weiten des Universums.“ So wird auf der hinteren Umschlagseite diese Story-Sammlung beschrieben. Lassen wir die üblichen Leerphrasen der Werbung einmal beiseite, ist die Evolution, die der Zukunftsgedanke seit der (deutschen) Erstveröffentlichung 1968 erfahren hat, nicht nur interessant, sondern für die heutige Einordnung dieser Erzählungen von grundsätzlicher Bedeutung.

Tatsächlich sind die zehn Storys allesamt erstaunlich düster, was zumindest jene nicht wundert, die das Werk des Verfassers kennen: Edwin Charles Tubb (1919-2010) war nicht für fein ziselierte oder positive Weltsichten bekannt. Er schrieb unzählige Romane und Kurzgeschichten, die fast ausnahmslos Zukünfte beschreiben, in denen sich der Mensch zumindest sozial und moralisch kaum entwickelt hat oder sogar in eigentlich überwundene Barbareien zurückgefallen ist, die vor dem Hintergrund einer fortgeschrittenen Technik besonders bedrückend (und anachronistisch) wirken.

Tod, Folter, Vernichtung: Dass uns ein ‚Morgen der Wunder‘ erwartet, mag Tubb offenkundig nicht glauben. Selbst wenn Entlarvung oder drohender Krieg verhindert werden kann, wird dieser Erfolg durch einen Trick erzielt („Sag die Wahrheit“, „Ein scheckiges Pferd“, „Der Holzwurm“). Die offene Verhandlung ist keine Option. Auch wenn man auf derselben Seite steht, legt man sich ‚im Dienst der Sache‘ durchaus aufs Kreuz („Projekt Ming-Vase“): Man überzeugt nicht, sondern besiegt einander.

Selbstsucht als ewiger Antrieb

Tubbs Herzlosigkeit - oder handelt es sich aus Sicht des Pessimisten um weitsichtigen Realismus? - greift über Politik, Militär und Wirtschaft hinaus. „Das richtige Verhältnis“ ist eine formal schlecht gealterte Story, deren Alltag einer ‚zukünftigen‘ Medienwelt in den 1950er Jahren steckengeblieben ist. Allerdings liegt Tubb in einem Punkt richtig bzw. beweist eine bemerkenswerte Voraussicht: Für die Quote werden die Grenzen von Anstand und Moral immer weiter hinausgeschoben oder gänzlich aufgehoben. Im Finale bleibt der grausame TV-Produzent unbestraft, das Publikum ist zufrieden. Stattdessen gibt der von Skrupeln geplagte Assistent seinen Job auf. Seine flammende Anklage lässt den Produzenten nicht nur ungerührt, er begreift tatsächlich nicht, was ihm vorgeworfen wird, denn er hat nur getan, was erfolgreiche Zeitgenossen tun - auf Kosten derjenigen, die nicht bereit oder fähig sind ihre Ellenbogen (und Füße) einzusetzen.

Auch die wohl humorvoll gemeinte Geschichte „Die letzten Leichenbestatter“ lässt schlucken. Wieder wird Betrug durch Erfolg belohnt. Zeitweilige Skrupel lassen Ephraim in Lebensgefahr geraten, denn Kollege und ‚Freund‘ Luke ist bereit, ihn als Mitwisser und potenziellen Zeugen der Anklage unter Nutzung einschlägigen Fachwissens spurlos verschwinden zu lassen.

Solidarität ist in Tubbs Universum ein Fremdwort. Der Raumflug ist keine Entdeckungsreise, sondern eine mühsame, gefährliche Plackerei („Nachtwache“). Eine Notlage sorgt nicht für Zusammenhalt, sondern lässt umgehend Hoffnungslosigkeit, Angst und Aggression aufkommen („Größer als die Unendlichkeit“). ‚Freundlichkeit‘ definiert Tubb über das Geschick eines Mörders, der den von Todesfurcht erfüllten Melhuey so geschickt umbringt, dass dieser ohne Angst und Schmerzen stirbt („Der letzte Sommertag“).

Schadenfreude mit Todesfolge

Womöglich ist es besser, dass Tubb meist nüchtern beschreibt und Gefühle ausklammert. Wird er emotional, geht das nach hinten los: „Nachtwache“ beschreibt eine gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung, für deren Dramatik der Autor die ‚Realität‘ der entworfenen Zukunft plausibelarm ‚verbiegt‘ und trotzdem nur Seifenschaum schlägt. (Aber siehe da: Eine Nebenfigur heißt „Dumarest“ - wie der Held der von Tubb 1967 begonnenen, 32-teiligen Serie.) Besser gelaunt scheint Tubb zunächst in „Ein frecher Bursche“ zu sein. Es geschieht wenig, aber die Runde aus Vampiren, Werwolf und Dämon ist unterhaltsam. Doch final schlägt einmal mehr Tubbs Nihilismus durch: Wer Fehler begeht oder einfach nur Pech hat, wird in seinen Welten zum Todeskandidaten („Projekt Ming-Vase“ „Der Holzwurm“) - und das Ende ist nur ausnahmsweise (vgl. „Der letzte Sommertag“) friedlich.

Als Autor schrieb Tubb für seinen Lebensunterhalt. Die Honorare waren mager, weshalb der Ausstoß hoch sein musste. Man merkt dies manchen Storys deutlich an. Sie basieren auf einem Einfall, der in der Umsetzung verendet, weil er dafür nicht wirklich taugt. Auch Tubb dürfte dies als Profi gewusst haben, verkaufte aber auch solche Erzählungen, wenn es möglich war. Schon zwischen den hier gesammelten Geschichten fallen konzeptionelle Ähnlichkeiten auf („Projekt Ming-Vase“, „Sag die Wahrheit“, „Ein scheckiges Pferd“ und „Der Holzwurm“), oder sie verpuffen aufgrund vergleichsweise witzloser Auflösungen („Größer als die Unendlichkeit“ und erneut „Sag die Wahrheit“, „Ein scheckiges Pferd“, „Der Holzwurm“).

So sind es keine ‚guten‘ oder gar ‚klassischen‘ SF-Storys, die hier vorgestellt werden. Freilich war Tubb ungeachtet seiner Hast ein durchaus fähiger Schriftsteller, der zudem von jenem Nostalgiefaktor profitiert, der alter SF als Spiegel einer „Past Future“, die nie real wurde, eine zusätzliche Unterhaltungsebene verleiht. Normalerweise wurde die Zukunft naiv bis verlogen als naturwissenschaftlich-technisch dominiertes Paradies geschildert. E. C. Tubb gehört zu denen, die eher an das Böse im Menschen glaubten, was seine Erzählungen auf ihre Weise aufwertet, wenn man ihm auf diesem Pfad folgen mag.

Anmerkung: In der Neuausgabe von 1984 fehlen die Storys „Nachtwache“ und „Ein scheckiges Pferd“.

Fazit:

Meist nüchtern, manchmal theatralisch beschreibt der Autor zehn zukünftige Welten, die durch kompromisslose Alltagsbrutalität geprägt sind. Hinzu kommen Plot-Schwächen, was die Lektüre der ansonsten routiniert geschriebenen Storys zum durchwachsenen Vergnügen werden lässt.

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