Gwendys Zauberfeder (Gwendy 2)

Erschienen: September 2021

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Marcel Scharrenbroich
Man sieht sich immer zweimal im Leben

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Okt 2021

Gwendy Peterson ist erwachsen geworden…

…und hat in ihrem Leben schon so einiges erlebt. Damit meine ich nicht nur das rätselhafte Kästchen mit den bunten Knöpfen, welches das Mädchen 1974 im Alter von zwölf Jahren von einem mysteriösen Fremden überreicht bekam. Jenes unscheinbare Artefakt, mit dem sich wohl nicht nur jeder Minderjährige heillos überfordert fühlen würde, denn die Knöpfe standen für Kontinente und konnten angeblich deren Zerstörung auslösen. Jedenfalls hatte die verantwortungsvolle Gabe weitreichende Auswirkungen auf Gwendys weiteres Leben. Fünf Jahre war er in ihrem Besitz. In dieser Zeit entwickelte sie sich vom übergewichtigen und unbeachteten Entlein zum sportlichen Schwan. Die Jungen standen Schlange bei ihr, die Noten in der Schule verbesserten sich deutlich. Die feinen Schokoladen-Tierchen, die das Kästchen durch einen betätigten Hebel an der Seite ausspuckte, machten eine neue Gwendy aus ihr. Und sie betätigte die rote Taste… mehrfach. Laut Aussage von Mr. Farris, dem Überbringer des merkwürdigen Exponats, ließ der rote Knopf alle Wünsche wahr werden. Mann musste nur fest daran denken, dann passierte es. So drückte Gwendy die Taste und dachte an Südamerika. Einen Tag später wurde von einem Massen-Selbstmord einer Sekte aus der Region berichtet. Beim zweiten Mal ließ Gwendy den Psychopathen Frankie Stone, einen früheren Klassenkameraden, der Gwendy erst mobbte und dann an die Wäsche wollte, wortwörtlich verrotten, nachdem dieser ihren Freund Harry Streeter in einem Handgemenge tötete. Nicht das einzige Blut, welches an dem unheilvollen Kasten klebte. Nachdem Gwendys ehemals beste Freundin Olivia Kepnes nicht überwinden konnte, dass Gwendy mit dem Jungen ausging, in den sie verliebt war, und es endgültig zum Bruch zwischen den Mädchen kam, brachte Olivia sich um. Verluste, die Gwendy Petersen lange Jahre begleiteten…

Auf der Überholspur

Fünfzehn Jahre ist es nun her, dass Gwendy ihren Universitätsabschluss machte und ihre Heimatstadt Castle Rock hinter sich ließ. In dieser Zeit ist viel passiert. Sie fasste zuerst in der Werbebranche Fuß, wo sie schnell die Karriereleiter emporkletterte. Einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass ihr Manuskript einer Literaturagentin in die Hände fiel. Ein Mehrgenerationenfamiliendrama, welches von der Kritik positiv aufgenommen wurde, jedoch überschaubare Verkaufszahlen erzielte. Dies änderte sich mit den beiden nächsten literarischen Werken. Gwendy wechselte das Genre und bediente das Thriller-Publikum. Nachdem ihr drittes Buch erfolgreich verfilmt wurde, rissen sich die Studios um ihre ersten Publikationen. Auf dem Höhepunkt ihrer bis zu diesem Zeitpunkt kometenhaften Laufbahn riss Gwendy erneut das Ruder herum und überraschte mit einem ganz persönlichen Buch. In „Mit geschlossenen Augen - Johnathons Geschichte“ verarbeitete sie den aidsbedingten Tod ihres besten Freundes und Weggefährten Johnathon Riordan. Obwohl ihr davon abgeraten wurde, stürzte Gwendy sich anschließend in eine gleichnamige Film-Dokumentation, um dessen tragisch-inspirierendes Leben aufzuarbeiten. Mit Erfolg. Der Film erhielt den Oscar als beste Dokumentation und Gwendy überraschte erneut alle Zweifler. Ein Leben auf der Überholspur… und mittlerweile ist Gwendy Peterson sogar Kongressabgeordnete in Washington D.C.

Hatte ich erwähnt, dass Gwendy inzwischen auch verheiratet ist? Die 37-jährige ist glücklich mit dem Fotografen Ryan liiert. Dieser ist gerade auf einem Auslandseinsatz in Südostasien, um ein Team des Time-Magazins bei den Berichten über Regierungsunruhen zu begleiten. Da das Weihnachtsfest vor der Tür steht, hofft Gwendy, dass ihr Gatte rechtzeitig zum Fest wieder zuhause ist. Unversehrt. Genau an diesem Punkt nimmt das Leben von Gwendy Peterson erneut eine unvorhersehbare Wendung. Plötzlich taucht auf ihrem Büro-Schreibtisch eine alte Münze auf. Ein glänzender Silber-Dollar von 1891. Genau so ein Dollar, wie ihn Gwendy in einem beinahe schon anderen, fast vergessenen Leben aus Farris‘ Wunschkasten herbeigezaubert hatte. Dazu musste sie nur ein Hebelchen bedienen und jedes Mal spuckte der Kasten einen funkelnden Morgan-Dollar aus. Immer mit der Prägung von 1891. Ihr Herz pumpt bis zum Hals, sind doch sofort wieder die Ereignisse aus ihrer Jugend vor dem inneren Auge präsent. Und als ahnte Gwendy schon, was sie da anblickt, als sie die Schublade ihres Schreibtisches öffnete, steht er nun glänzend wie eh und je da: der Wunschkasten.

Ein nettes Wiedersehen

Viel mehr möchte ich von der Story eigentlich nicht preisgeben, da die überschaubare Länge des Büchleins noch Überraschungen parat halten soll. Jedoch kann ich sagen, dass „Gwendys Zauberfeder“ mir noch einen Tick besser gefällt als der Erstling, den noch Stephen King zum Großteil verfasste, bevor Richard Chizmar einsprang, nachdem sich der König des Horrors in eine Sackgasse manövriert hatte. Woran genau das liegt, kann ich gar nicht so genau sagen, aber die vorweihnachtliche Atmosphäre, tiefere Einblicke in Gwendys Privat- und Familienleben (das klingt jetzt spooky, oder?) und der mysteriös-bedrohliche Aufbau haben mich von Kapitel zu Kapitel getragen. Die 272 Seiten, mit denen „Gwendys Zauberfeder“ noch immer kurz, jedoch rund doppelt so umfangreich wie der Vorgänger ausfällt, lesen sich derart flüssig, dass es ein kurzweiliges Vergnügen ist, mehr zu erfahren. Richard Chizmar hat viele Details aus „Gwendys Wunschkasten“ aufgegriffen und erzählt den Werdegang der Protagonistin – trotz eines enormen Zeitsprungs – schlüssig weiter. Wissenswertes aus Gwendys Vergangenheit wird rekapituliert und in die knackig-kurzen Kapitel eingearbeitet. Dazu kommen einige Drama-Aspekte und im späteren Verlauf noch Thriller-Elemente, die schon früh Erwähnung finden, sich aber immer weiter in den Vordergrund drängen. Und über allem schwebt natürlich die Frage, warum der geheimnisvolle Kasten gerade in dieser Phase von Gwendy Petersons Leben wieder aus dem Nichts auftaucht…

Fazit:

Die titelgebende Zauberfeder spielt nur eine untergeordnete, aber nicht unwichtige Rolle. Erste Vermutungen, dass das EINE mysteriöse Artefakt von einem ANDEREN abgelöst wird und sich die Geschichte lauwarm aufgebrüht wiederholen könnte, wurden schnell zerschlagen. Leserinnen und Leser, die den Vorgänger mochten, machen mit „Gwendys Zauberfeder“ nichts falsch… auch wenn Stephen King diesmal nur für das Vorwort verantwortlich ist. Dafür ist in den Staaten schon der finale dritte Teil „Gwendy's Final Task“ für den 15. Februar 2022 gelistet. Hierfür haben King und Chizmar erneut Hand in Hand gearbeitet, um den Abschluss von Gwendys Geschichte in einem vollwertigen Roman zu erzählen.

Gwendys Zauberfeder (Gwendy 2)

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