Die neunte Konfiguration

Erschienen: April 2020

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Michael Drewniok
Schuld und Erlösung in einem womöglich gottlosen Universum

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2020

Ein seltsames Phänomen sucht seit 1967 das US-Militär heim: Oft hochrangige, im Kampf bewährte und mit Orden geschmückte Soldaten verhalten sich plötzlich irrational. Sie verweigern den Einsatz und benehmen sich dermaßen ‚verrückt‘, dass sogar misstrauische Betonköpfe an feige Frontflucht und Simulantentum nicht glauben können. Militärisch üblich wird das Problem zur Geheimsache erklärt. Die Betroffenen isoliert man im Rahmen von „Projekt Freud“ in abgelegenen Anstalten, wo sie untersucht und überwacht werden, ohne einer Erklärung für den abrupten Irrsinn nur einen Schritt näher gekommen zu sein.

Das Marine-Corps hat 27 seiner prominentesten Fälle in einem ehemaligen Herrenhaus im Bundesstaat Washington untergebracht. Zu den ‚Gästen‘ von „Zentrum 18“ gehört sogar ein Ex-Astronaut. Aktuell versucht man das Rätsel mit Hilfe eines Psychologen zu lüften. Colonel Hudson Kane geht unkonventionell vor. Von militärischer Disziplin in der Medizin hält er wenig. Stattdessen genießen seine ‚Patienten‘ erstaunliche Freiheiten: Kane glaubt, dass Wahnsinn ein ‚Ventil‘ ist, das davor schützt, dem Bösen zu verfallen.

Vor allem der Arzt Richard Fell ist fasziniert von Kane. Er unterstützt dessen Methoden, die „Zentrum 18“ bald in ein ‚echtes‘ Irrenhaus verwandeln: Kane gestattet den Insassen das Ausleben ihrer Wahnideen, denn er verspricht sich davon einen Durchbruch, der das rationale Denken wiederherstellt. Fell kennt auch die tragische Wahrheit, die Kane vor sich und der Welt verbirgt. Ein unglücklicher Zufall und eine Provokation, die er nicht abblocken kann, lassen sein wahres Ich zum Vorschein kommen und lösen eine Tragödie aus …

Eine Idee nimmt hartnäckig Gestalt/en an

William Peter Blatty (1928-2017) gehört zu jenen Autoren, deren Gesamtwerk nicht nur im Schatten eines Bestsellers steht, sondern dort zu verschwinden droht. Er hat nur wenige Romane geschrieben, und in den noch vielen Lebensjahren nach „The Exorzist“ (1971; „Der Exorzist“) kam erst recht nicht mehr viel. Stattdessen widmete Blatty sich seinem Hauptwerk und ‚überarbeitete‘ es; ein Schicksal, das auch dem großartigen Film von 1973 nicht erspart blieb, obwohl er wie das Buch bereits in der ursprünglichen Fassung ausgezeichnet funktionierte.

„Der Exorzist“ war nicht der erste Roman, dem Blatty eine ‚Verbesserung‘ angedeihen ließ. 1966 veröffentlichte er die Psycho-Farce „Twinkle, Twinkle, Killer Kane“, ein kurzes, wüstes Werk über die sprichwörtlichen Irren, die ihre Anstalt übernehmen. Im Laufe der Jahre wurde Blatty zunehmend unzufriedener über einen Roman, den er in einer „Vorbemerkung“ zur Neufassung von 1978 als „eine Sammlung von Notizen für einen Roman - einige formlose, unvollendete Skizzen ohne eine zusammenhängende Handlung“ bezeichnete, weshalb er ihn noch einmal schrieb. (Dies hinderte ihn übrigens nicht daran, später wieder die Ur-Version zu favorisieren.)

Eine stringentere Fassung war auch deshalb notwendig, weil Blatty seinen Roman gern verfilmt gesehen hätte. Schon Anfang der 1970er Jahre versuchte er ein Filmstudio für ein Skript auf der Grundlage des Romans zu finden. Er wünschte sich William Friedkin als Regisseur, der 1973 „Der Exorzist“ drehte. Auch der Welterfolg dieses Films brachte das Projekt nicht voran, weshalb Blatty schließlich selbst aktiv wurde, d. h. den Großteil des Budgets aus eigenen Mitteln bestritt und selbst auf dem Regiestuhl Platz nahm.

Metaphysik und Glaube: eine tragische Groteske

„Die neunte Konfiguration“ ist eine Geschichte, die ihr Publikum teilt wie einst Moses das Rote Meer: Man liebt oder hasst sie. Eine Schnittmenge gibt es kaum. Das Werk erschwert eine Beurteilung, da sie Tiefe entweder tatsächlich besitzt oder vorgibt. Dieser Rezensent neigt dazu, den ‚literarischen Wert‘ zu relativieren: Was 1966 oder 1978 noch eine radikal ‚andere‘ Weltsicht darstellte, löst viele Jahrzehnte später deutlich schwächere (positive oder negative) Reaktionen aus.

Zu oft haben sich seither Bücher, Filme und TV-Serien ähnlicher Ideen bedient. Zudem blieb Blatty selbst in der Frage, was der tiefere Sinn seines Buches ist, eher vage. Als „Die neunte Konfiguration“ erhob er es nachträglich zum zweiten Teil einer Trilogie über Gut & Böse, die angeblich mit „Der Exorzist“ beginnt und mit „Legion“ (1983; „Das Zeichen“) endet. (Cutshaw ist der ungenannte Astronaut, der auf einer Party von der dämonisch besessenen Regan MacNeil vor dem Flug ins All gewarnt wird.) Während „Der Exorzist“ auf der Prämisse basiert, dass es das Böse als leibhaftige Kraft gibt und ihm das Gute wachsam gegenübersteht, postuliert Blatty in „Die neunte Konfiguration“ ein Universum ohne Lenkung (durch Gott), das als evolutionärer Mechanismus funktioniert. Dies ist Astronaut Billy Cutshaw Ansicht, während Kane an eine übergeordnete Entität glaubt, die begangene Fehler korrigiert, wofür notfalls ein Opfer notwendig ist.

Blatty lässt Cutshaw und Kane darüber diskutieren. Anders als in „Der Exorzist“ gibt es keinen ‚echten‘ Horror. Das Grauen spielt sich ausschließlich in den gestörten Hirnen der Protagonisten ab. Es wird gefiltert und gebrochen, verliert dabei dadurch seinen Schrecken und äußert sich in (scheinbarem, aber womöglich echtem) Wahnsinn. Dem räumt Blatty in der ersten Hälfte seiner Geschichte breiten Raum ein, bevor er sich auf Kane und Cutshaw (und Fell) konzentriert. Auch der Höhepunkt bleibt ohne übernatürliche Einmischung. Aufgestaute Emotionen werden ‚angestochen‘ und lösen eine brachiale Bluttat aus, der ein kathartisches ‚Opfer‘ folgt, das - Blatty belässt es bei der Andeutung - Kane letztlich bestätigt. Dem kann man folgen, aber zwingend ist das nicht, da Blatty - dies wieder die Ansicht des Rezensenten - keineswegs so überzeugend ist, wie es die ihm gewogene Kritik rühmt. Wer durch Metaphysik und theologische Grundsatzdiskussionen nicht gefesselt ist, dürfte „Die neunte Konfiguration“ ohnehin wenig beeindrucken. Die Zeit hat dieses Werk eingeholt. Es ist interessant, aber für intellektuelle Schnappatmung sorgt es nicht mehr.

Das Chaos regiert hinter der Kamera

Es gibt Filme, deren Entstehungsgeschichte spannender ist als das Endprodukt. „The Ninth Configuration“ gehört nach Aussage derer, die daran beteiligt waren, sicherlich dazu. Blatty hatte keine Ahnung, wie man einen Spielfilm inszeniert. Um brachliegende US-Mittel zu nutzen, wurde in Ungarn gedreht, was den Anfänger vor zusätzliche Probleme stellte.

Die Besetzung konnte sich (auch im Rückblick) sehen lassen: Schauspieler wie Scott Wilson, Jason Miller, Ed Flanders, Moses Gunn, Robert Loggia oder Tom Atkins und natürlich Stacy Keach in der Rolle des Colonel Kane gehörten nie zur A-Kategorie der Hollywood-Stars, waren aber über Jahrzehnte in wichtigen Rollen außerordentlich präsent und lieferten auch (oder gerade) hier denkwürdige Leistungen, wobei Keach, Flanders und Wilson - die Jüngeren kennen ihn wahrscheinlich als „Hershel Greene“ aus der Serie „The Walking Dead“ - besondere Glanzlichter setzten.

Blatty hielt sein Team quasi zwei Monate in Ungarn fest, was für viel Ärger sorgte. Das Ergebnis war ein Film, den man entweder als erzählerisch-visuelles Meisterwerk fern des schnöden Mainstreams oder als cineastische Bruchlandung betrachten konnte. Nur sparsam im Kino eingesetzt, wurde „Twinkle, Twinkle, Killer Kane“ - man war zum ursprünglichen Romantitel zurückgekehrt - ein Flop, den Blatty indes nie aufgab. (Für das Drehbuch gewann er 1981 immerhin einen „Golden Globe“.) Eine Neufassung erschien 1985; zuletzt sorgte Blatty in dem Jahr vor seinem Tod für einen letzten Schliff. „The Ninth Configuration“ - inzwischen trägt der Film wieder diesen Titel - gehört zu den interessanten Fußnoten der Filmhistorie. Ob er ein Klassiker ist, bleibt die Entscheidung derer, die ihn gesehen haben; ihre Zahl hält sich weiterhin in Grenzen.

Anmerkung: Es war in der Urzeit der Erde angeblich die „neunte Konfiguration“ eines Eiweißproteins, das den Startschuss für die Entstehung des Lebens gab. Cutshaw und Kane sind uneins in der Frage, ob dies zufällig geschah bzw. geschehen konnte, ohne dass eine ‚göttliche‘ Macht ihre schützende Hand darüber hielt.

Fazit:

Die thematische Fortsetzung seines Bestsellers „Der Exorzist“ muss ohne Satan und seine Dämonen auskommen. Metaphysische Diskussionen und comichaft überspitzter Wahnsinn sollen dies ersetzen. Darauf muss man sich einlassen, da sonst wenig geschieht und die einstige Überraschung über den Finaltwist sich nicht mehr einstellen will: gut geschrieben (und übersetzt), aber eher historisch interessant als fesselnd.

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