Die Stadt der Seher

Erschienen: Mai 2021

Couch-Wertung:

60°
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Lisa Reim-Benke
Generisch und kraftlos

Buch-Rezension von Lisa Reim-Benke Jun 2021

Marco lebt seit er denken kann auf den Straßen Vastonas und schlägt sich irgendwie durch. Doch eines Tages wird er in den Orden der Seher aufgenommen, einer mächtigen Vereinigung, die mit Magie herumzuexperimentieren scheint und die niemand so recht zu durchschauen vermag – auch die Anwärter selbst nicht. Auf seinen Botengängen lernt Marco das Mädchen Elena und den Wissenschaftler Zalvado und dessen Freund Caronix kennen. Sie alle ahnen nicht, dass eine große Bedrohung auf die Stadt zukommt: Der Schwarze Herzog befindet sich auf einem Feldzug, an dessen Ende die Eroberung Vastonas liegt.

Fantasielose Fantasy

Christoph Hardebusch ist nach seiner „Die Trolle“-Saga jedem Fantasy-Fan ein Begriff. Nun widmet sich der Veteran der deutschen High Fantasy mit „Die Stadt der Seher“ einem Einzelband, der jedoch die Raffinesse seiner Erfolgsreihe vermissen lässt. Zwar hat Hardebusch für sein neues Werk tief in die Fantasy-Kiste gegriffen, doch statt ein originelles Abenteuer zu erschaffen, ist es beim bloßen Zusammenschustern von Versatzstücken geblieben.

Die Handlung spielt in dem Stadtstaat Vastona mit italienischem Renaissance-Flair; ein Setting, das gerade voll im Trend zu liegen scheint und das dieses Jahr schon von Thilo Corzilius in „Diebe der Nacht“ bemüht wurde. Unser Protagonist ist ein Straßenjunge, der zufällig die Chance auf ein besseres Leben bekommt und feststellen muss, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Mit Elena wird ihm ein weiblicher Gegenpart zur Seite gestellt, und ja, natürlich entwickelt sich daraus eine Liebesgeschichte, die so schwach ausgearbeitet wurde, dass man sie den beiden überhaupt nicht abnimmt. Ergänzt wird das Duo durch einen genialen Wissenschaftler (auch an Leonardo DaVinci scheinen aktuell die Fantasy-Autoren einen Narren gefressen zu haben) und einen kampferprobten Elfen namens Caronix, der mit seinem Namen besser in einen Asterix-Comic gepasst hätte. Letzterer scheint sowieso nur eine Daseinsberechtigung zu haben, weil in Fantasy Elfen selbstverständlich obligatorisch sind.

Die Handlung, die sich um diese Figuren spinnt, ist nicht der Rede wert. Erst auf den letzten hundert Seiten erfährt man, worum es in der Geschichte eigentlich gehen soll. Bis dahin fließt das Konstrukt träge dahin, wobei die meiste Zeit überraschend wenig passiert. Eigentlich erstaunlich, denn immerhin lebt Marco bei einem Orden, der einige Geheimnisse zu verbergen scheint, die den Jungen jedoch überhaupt nicht scheren. Während man darauf wartet, dass bei ihm endlich der Groschen fällt und er sich vielleicht doch mal mit seiner neuen Umgebung beschäftigt, wendet sich Christoph Hardebusch plötzlich einem ganz anderen roten Faden zu und lässt die ursprüngliche Handlung einfach links liegen. Nun geht es auf einmal um Zalvado, der Marco und Elena als Lehrlinge aufnimmt, und Caronix, der … einfach da ist. Interessanterweise scheint der Orden der Seher nichts dagegen zu haben, dass einer ihrer Anwärter die meiste Zeit bei einem Erfinder herumhängt, wodurch sich der Verdacht aufdrängt, es mit zwei verschiedenen Geschichten zu tun zu haben, die gegen Ende mehr schlecht als recht miteinander verwoben werden.

Selbst die von Marco geklauten Früchte sind hier nicht ausgereift

Zum Glück gibt es da die große Bedrohung durch den Schwarzen Herzog, die der Handlung wenigstens ein bisschen Dringlichkeit verleiht. Als Leser erfahren wir davon sehr früh, die Bewohner Vastonas allerdings erst sehr spät, womit auch dieses Spannungselement ins Leere läuft. Die Machenschaften des Herzogs bekommen wir durch die Perspektive von Auftragsmörder Ombro mit, der für den Plot vollkommen irrelevant ist.

Ein großes Problem des Romans ist, dass es überaus schwerfällt, eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Leider bleiben sie so blass, dass einem ihre Schicksale ziemlich egal sind; Todesfälle nimmt man einfach unbeeindruckt hin. Zum Glück ist Christoph Hardebusch stilistisch ein geübter Erzähler. Ansonsten käme man wohl gar nicht erst zu den letzten hundert Seiten, auf denen dann auf einmal ALLES passiert, worauf man beim Lesen gewartet hat: Schlacht, Tod, Wendungen, Liebeserklärung, Enthüllungen, dramatische Opfer und ein Happy End. Fertig.

Fazit:

Christoph Hardebuschs neuer Roman ist nichts Halbes und nichts Ganzes, sondern unstimmig und erschreckend uninspiriert. Hier wurde das Potential nicht voll ausgeschöpft. Somit ist „Die Stadt der Seher“ leider ein Buch, das man nach dem Lesen schnell wieder vergisst.

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